Ausstellungen & Kunstprojekte

Solidarität

Jürgen Kannler
31. Mai 2021

 

Im Juli startet im Staatlichen Textil- und Industriemuseum (tim) die Schau zum Thema der Zeit. Ein Interview von a3kultur-Herausgeber Jürgen Kannler mit dem Leiter des Hauses Karl B. Murr.

a3kultur: Auf dem Weg zu unserem Interview lief mir die Künstlerin Sara Opic über den Weg. Sie fragte: Wohin des Weges? Ich antwortete: Ins tim, in Sachen Solidarität. Darauf sie: Was das wohl ist?
Karl B. Murr:
Die Solidarität ist ein altes Konzept aus dem späten 18. Jahrhundert. Mit Ferdinand Lasalle hielt es Einzug in die Arbeiterschaft und ist seitdem Teil der DNA der politischen Linken. Mit den Achtzigern des letzten Jahrhunderts, der Zeit der letzten großen Arbeitsauseinandersetzungen in Europa, verblasst die Bedeutung des Begriffs jedoch zusehends. Themen wie der Solidaritätszuschlag haben diese schleichende Entwertung beschleunigt. Alles in allem haben wir heute genügend Anlass, die Solidarität neu zu entdecken.

Heute fordern alle möglichen Seiten Solidarität ein. Wurde der Begriff geentert? Auch das. Solidarität wird heute von vielen Parteien, auch sehr extremen, beansprucht. Inzwischen auch von denen am äußersten rechten Rand. Wir müssen uns immer die Frage stellen, was inhaltlich hinter dem Begriff steckt, wer sich ihn zunutze macht und mit welchen ordnungspolitischen Werten das jeweils verbunden ist.

Welchen Wert hat Solidarität? In welcher Form ist sie gesellschaftlich verankert? Diese Fragen sollte ich am besten in zwei Schritten beantworten. Wenn man zuerst den Ist-Stand betrachtet, kann man sagen, dass es zu wenig Solidarität in unserer Gesellschaft gibt. Und je mehr diese Korrosion zunimmt, also auch im privaten Umfeld, in den Familien, Vereinen und Freundeskreisen ein Verblassungseffekt eintritt, desto drängender wird es, das Konzept der Solidarität neu in Stellung zu bringen. Normativ kann man sagen, es wäre genug Solidarität vorhanden. Sie muss aber neu interpretiert werden. Neue Perspektiven müssen definiert werden.

Um mit dem Soziologen Heinz Bude zu sprechen: Die Selbstbesorgten mehren sich – diejenigen, die Ich-AGs gründen und in unermüdlicher Eigenbetrieblichkeit ihre Alterssicherung und Gesundheitsfürsorge vorantreiben. Und das vor dem Hintergrund, weil sie es sich eben leisten können. Und weil unser Sozialstaat in Teilen unter die Räder gekommen ist. Durch den Trend zu Privatisierungen und den Teilrückbau sozialer Leistungen erübrigt sich die Frage, ob wir zu neuem solidarischen Handeln kommen müssen, um im Schulterschluss die Schwächeren der Gesellschaft zu unterstützen.

Dabei stellt sich die Frage, wie es sich mit Solidarität und Loyalität verhält. Wie mit zwei sehr verschiedenen Kindern einer Mutter?
Solidarität findet auf Augenhöhe statt. Sie verträgt keine Almosen. Sie hat mit Aneignung auf der Basis von Gleichberechtigung zu tun und definiert sich auch, wie Jürgen Habermas erkannte, als »langfristiges Eigeninteresse, für das man zuweilen auch Nachteile für sich in Kauf nehmen muss«.

Loyalität erklärt sich aus der Vernunft heraus. Sie ist verbindlich, ein Versprechen, was auch passiert. Sie entwickelt sich auf horizontaler sozialer Ebene, etwa mit dem Partner oder der Kollegin. Aber auch auf vertikaler sozialer Ebene dem Arbeitgeber oder auch dem Staat gegenüber. Da sind wir nicht weit entfernt vom Patriotismus, der eben auch in Nationalismus umschlagen kann. In diesen Fällen empfiehlt es sich genau hinzusehen, welche politisch, sozialen Implikationen jeweils vorherrschen. 
Diese Definition zeigt, dass Solidarität nicht gratis ist. Wie aber verhält sie sich zur Gerechtigkeit? Solidarität setzt einen Gerechtigkeitsbegriff voraus, der von der Gleichheit der Menschen ausgeht. Nicht faktisch. Wir kennen alle zahllose Phänomene der Ungleichheit, nehmen diese wahr und wissen, dass wir im Interesse der Menschheit versuchen müssten, dabei zu helfen, sie abbauen. Da haben wir alle noch reichlich Arbeit vor uns.

Und die ist nicht einfach. Zumal der Mensch, wenn er sich der Gleichheit und Gerechtigkeit verpflichtet sieht, auch leicht in die Bredouille geraten kann. Wie soll man sich entscheiden, sobald mehrere Gruppen, aus nachvollziehbaren Gründen, Solidarität einfordern? Da wären wir bei der Frage nach der Exklusivität – das Problem der Entscheidung. Das ist das Dilemma der Moderne und zugleich das Problem mit der Freiheit. Beim Fußball ist der Fall meist einfacher. Die Leidenschaft in mir entscheidet, für wen das Herz des Fans schlägt. Bei anderen, vielleicht ernsteren Auseinandersetzungen als auf dem Fußballfeld, ist eine Positionierung meist nicht so einfach, weil die Entscheidung komplexerer Wege bedarf. Oft empfiehlt sich auch ein Schritt zurück, um eine bessere Perspektive auf das Geschehen zu gewinnen.  

Inwieweit hat sich in unserer Gesellschaft in den letzten Monaten, in der Corona-Zeit, die Definition von Solidarität geändert? Sie wird derzeit von vielen Seiten eingefordert und kann nicht an alle ausbezahlt werden. Die Pandemie hat das Thema auf alle Fälle präsent und aktuell gemacht. Es gibt nicht wenige Politiker*innen, die sich Tag für Tag und unentwegt darauf berufen. Da besteht durchaus die Gefahr, dass der Begriff Solidarität zur Worthülse, zur reinen Phrase im ständigen und damit nicht mehr durchdringenden Appell verkommt. Wir sind nun gefordert, zu hinterfragen. Im Angebotenen nach Programmen zu suchen, für die es Sinn ergibt, solidarisch zu handeln, oder eben selbst Angebote dazu zu machen. Es geht darum, den Kontext konkreter zu umreißen – und von der philosophischen Hochseilakrobatik in die Wirklichkeit herabzusteigen. Zu prüfen, wo gesellschaftliche Solidarität geübt werden muss, um den Schwächeren zu helfen.

Solidarität braucht also ein Fundament, um nicht nur Phrase zu sein. Genau, sie braucht ein Fundament in der eigenen Überzeugung, vor allem auch auf ökonomischer Basis. Es bedarf eines gewissen Opfers, das man bereit ist zu bringen, in der Hoffnung auf den Ausgleich bestehender sozialer Ungleichheiten.

Persönliche Freiheit ist ein hohes Gut. Zuweilen kollidiert sie immer wieder recht heftig mit der Forderung nach Solidarität, gerade auch im Kontext Corona. Was ist das? Egoismus? Die Auslebung des Individualismus spielt zu Recht eine hohe Rolle. Die Frage ist aber: Was und wer artikuliert sich hier zur freien Selbstbestimmung und gegen das Gemeinschaftswesen? Analysten beklagen seit Längerem den Rückgang der Gemeinwohlverantwortung. Sie geht im gleichen Maß zurück, wie das Eigeninteresse immer stärker in den Vordergrund tritt. Das ist das Thema des Neoliberalismus und dessen Folgen, wenn entfesselte Marktkräfte von unserm Leben Besitz ergreifen.

Im gleichen Tempo zieht sich der Staat aus der Verantwortung für die Wahrung des Gemeinwohls zurück. Davon betroffen sind auch die Solidarsysteme. So wurden beispielsweise Leistungen aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenversicherungen gestrichen und der privaten Verantwortung überlassen, beim Thema Rente sieht es ähnlich aus. Nun gilt: Wer nicht zu leisten imstande ist, fällt der Verurteilung anheim. Wir sollten uns die Frage stellen, ob neue solidarische Anstrengung nicht dringend notwendig wäre, um unsere Gesellschaft als Ganzes nicht in zu große Schieflage zu bringen.

Und schon sind wir wieder bei der persönlichen Bereitschaft zum Opfer. Aber auch bei der Frage, was ich im anderen sehe und was er in mir sieht – und was ich im anderen sehe, was ich nicht habe, und was mir das bedeutet. Das sind sehr fundamentale Dinge. Die Frage nach Gerechtigkeit in der Gesellschaft ist keine Phrase, sondern sehr konkret. Die Antwort ist, dass wir dem neoliberalen Geist etwas entgegensetzen müssen.

Selbst schon mal bei einer Kundgebung »Hoch die internationale Solidarität« gerufen? Nicht dass ich wüsste. Aber Solidarität immer wieder praktisch geübt und angewendet.

Who cares?
Solidarität neu entdecken

Mit dem Ausbruch der Coronakrise ist die Bedeutung von gesellschaftlicher Solidarität in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Ausgehend vom Heute erkundet die Ausstellung im tim dieses Phänomen als gegenwärtige Herausforderung ebenso wie als historischen Aspekt, beginnend bei der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Die Schau zeigt an regionalen, deutschen und internationalen Beispielen das stete Ringen um Solidarität, die immer neu erstritten werden muss. Sie rückt solidarisches Handeln ins Zentrum des Bewusstseins, ohne das keine moderne Gesellschaft auf Dauer existieren könnte. Die Ausstellung »Who cares? Solidarität neu entdecken« (23. Juli 2021–Anfang 2022) entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg.

www.timbayern.de

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