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»Solidarität ist eine moralische Verpflichtung«

a3kultur-Redaktion

Das tim eröffnete im Juli die Sonderausstellung »Who cares? Solidarität neu entdecken«, die in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Neuere/Neueste Geschichte der Universität Augsburg entstand. Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Dietmar Süß berichtet in seinem Gastbeitrag über die Geschichte der Solidarität und stellt dabei wichtige Fragen an den Umgang mit ihr.

Solidarität ist in den schwierigen Corona-Monaten – und jetzt in diesen Tagen nach der schrecklichen Flut – zu einem der Zauberworte der Krisenbewältigung geworden. Überall ist zu spüren, dass die Sehnsucht nach der Solidarität verbunden ist mit der Hoffnung auf eine neue Form gesellschaftlichen Zusammenrückens: Junge helfen Alten, Gesunde den Kranken, die Stärkeren schultern die Sorgen der Schwachen.

Was Solidarität aber genau meint, welche Solidarität praktiziert werden soll, ist freilich umstritten. Harmonisch oder widerspruchsfrei ist ihre Geschichte jedenfalls nicht. Sie führt vielmehr mitten hinein in die Konflikte kapitalistischer Gesellschaften; sie ist geprägt durch Kämpfe der Arbeiter- und Frauenbewegung, dem »Kalten Krieg« und den globalen Protestbewegungen. Es ist eine Geschichte, die Grenzen überschreitet. Sie wird erfahrbar in der sozialen Praxis. Und sie schließt ein – und grenzt auch aus. Im Kern, so wird man sagen können, beschreibt Solidarität eine spezifische Bindung und Verpflichtung zwischen Menschen; eine Verpflichtung, die immer auch partikular ist, gekoppelt an Familie, Nation, Klasse oder Geschlecht. Solidarität ist Ausdruck einer wechselseitigen Beziehungsweise, die das Voneinander-Abhängig-Sein in den Mittelpunkt des Handelns stellt.

Solidarität ist eine moralische Verpflichtung, die die Auswirkungen des eigenen Handelns ernst nimmt und insbesondere die Ausgeschlossenen und Verwundbaren in den Blick nimmt. Davon erzählt diese Ausstellung: von den Ursprüngen im 19. Jahrhundert, von der Solidarität der Arbeiterbewegung, von ihren Veränderungen und Erweiterungen, die die Solidarität durch den Sozialstaat erlebt hat, der die Solidarität gleichsam institutionalisiert.

Die Geschichte der Solidarität, wie wir sie in der Ausstellung sehen können, gibt einen Einblick über sehr unterschiedliche, manchmal auch widersprüchliche Entwicklungen. Wer hindurchgeht, wird nicht romantisch beglückt, sondern zum Nachdenken angeregt. Die Ausstellung nimmt die Idee sehr ernst, die »Solidarität neu zu entdecken«. Sie fragt danach, was das alles mit uns selbst zu tun hat, dieses gesellschaftliche »Wir« und die »Anderen«. Und sie begreift Solidarität eben gerade nicht allein als »nationales« Projekt, sondern geht den verschiedenen transnationalen Spuren, der Grenzüberschreitenden Solidarität nach. Deutlich wird, dass sich manche der alten normativen Bindungen gelöst haben und an ihre Stelle individuelle Entscheidungen zur Solidarität getreten sind – und dass diese Solidarität immer auch etwas damit zu tun hat, Grenzen zu überschreiten und Grenzen zu markieren. Sie führt uns auf eine Reise zu uns selbst, bei der wir immer wieder neu darüber nachdenken können: Was eigentlich unterscheidet die Solidarität von anderen Formen sozialen Handelns, von Hilfe und Barmherzigkeit, von Fürsorge und Kollegialität? Ob »Solidarität« einfach »weniger« geworden ist mit den Jahren? So einfach ist es nicht. Sie hat im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts vor allem ihre Form verändert.

»Solidarität« ist stärker Ausdruck individueller Entscheidung geworden. Sie verbindet in der globalisierten Welt Menschen miteinander, die früher nichts voneinander wussten. Und mühsam müssen die alten Arbeiterbewegungen lernen (bisweilen vergeblich), wie widersprüchlich das hehre Ziel der »internationalen Solidarität« angesichts unternehmerisch forcierter Konkurrenz ist. Die »Solidarität« wieder neu zu entdecken, ist jedenfalls eine besondere Aufgabe – eine Entdeckungsreise, an der wir als Team der Neueren und Neuesten Geschichte gerne mitgewirkt haben und dankbar dafür sind, dass wir einige Überlegungen aus unserem Forschungsprojekt zu den »Praktiken der Solidarität« mit einbringen durften.

Die Ausstellung »Who cares? Solidarität neu entdecken« kann noch bis Anfang 2022 im tim (Textil- und Industriemuseum Augsburg) besucht werden. Ein umfangreiches Rahmenprogramm sowie öffentliche Führungen und Gruppenführungen begleiten die Ausstellung.

www.timbayern.de

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Prof. Dr. Dietmar Süß
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ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Augsburg. Er studierte Geschichte, Soziologie und Rechtswissenschaften an der FernUniversität Hagen, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universidad de Cantabria, Santander (Spanien), und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Gerade erscheint (zusammen mit Cornelius Torp) sein neues Buch »Solidarität. Eine Geschichte vom 19. Jahrhundert bis zur Corona-Krise« im Dietz-Verlag. Im Februar 2018 startete das von Süß koordinierte Forschungsprojekt »Praktiken der Solidarität«. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse konnte das tim in enger Abstimmung mit den Beteiligten in die Ausstellung einfließen lassen.

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