Politik & Gesellschaft

Soweit nichts Neues

Jürgen Kannler
30. Juni 2022

Ein Kommentar zum Staatstheaterneubau von Jürgen Kannler.

Der Augsburger Stadtrat beschließt mit schwarz-grüner Mehrheit – plus zwei Adabeis  – ein Weiterso beim umstrittenen Bauprojekt Staatstheater.

Erst Ende Mai kam die Rathausmehrheit, nach monatelangem Schweigen, ihrer Informationspflicht im Rahmen einer Veranstaltung zur Generalsanierung und zum Neubau des Staatstheaters nach und präsentierte aktuelle Zahlen, Termine und einen neuen Projektentwurf.

Demnach laufen die Baukosten weiter aus dem Ruder und sämtliche Fertigstellungstermine werden gerissen. So weit nichts Neues. Mit welcher Wucht der präsentierte Neuentwurf jedoch gegen das erste Gebot für Theatermacher*innen – »Du sollst nicht langweilen« – verstößt, erschreckt nun doch.

Die wirklichen Kosten sind laut Baureferent Gerd Merkle derzeit nicht final zu benennen. Der CSU-Mann geht derzeit jedoch von einem Gesamtbetrag zwischen 340 und 380 Millionen Euro aus. Das entspricht nahezu einer Verdoppelung der Schätzungen von 2015 oder einer Vervierfachung einer ersten Kostenanalyse von 2009. In diesem Betrag sind weder die Kosten für die Interimsspielorte oder die Aktivierung des Theaterquartiers noch die ebenso anstehende Sanierung der Freilichtbühne enthalten.  

Die Übergabe für das Große Haus wird nun für Ende 2027 angekündigt. Die Neubauten sollen spätestens im Dezember 2028 fertig sein. Wann und wie aus dieser Gemengelage ein reibungsloser Spielbetrieb erwachsen soll, ist offen.

Die Expert*innengruppe ignoriert das Gebot der Transparenz

Fest steht jedoch, dass die im 14-tägigen Turnus tagende Expert*innengruppe von Stadt, Staatstheater und externen Fachleuten ihrer Verantwortung nur in Teilen nachgekommen ist und das vom Stadtrat auferlegte Gebot der Transparenz und regelmäßigen Berichterstattung ignoriert hat.

Den Beleg für die praktizierte Inkompetenz brachte Merkle selbst zur Sprache, indem er mehrfach auf »fehlende Leistungen im Bereich einer wesentlichen Planungsleitung im Bereich Ausschreibungen und Vergaben«  einging. Die Arbeitsverweigerung auf Augsburgs teuerster Baustelle blieb von der Expert*innengruppe unbemerkt. Ein kostspieliges Versagen, das erneut Systemfehler bei der Kommunikation und Planung des Staatstheaterbaus offenlegt.

Augsburg ist nicht in der Lage, Megaprojekte wie den Theaterbau erfolgreich durchzuführen. In anderen Kommunen werden vergleichbare Bauvorhaben in Kooperation mit Generalunternehmen umgesetzt. Das hiesige Modell, geformt aus Inkompetenz, Spezlwirtschaft und Halsstarrigkeit, erinnert zuweilen an ein System, das die Stadt bei Immobilien- und Bauprojekten zum Ausplündern freigibt.

NS-Schick und Käsekuchen

Den nun präsentierten Entwurf von Architekt Walter Achatz kennzeichnet neben konzeptionellen Schwächen eine banale Langeweile. Den aufge­hübschten Nazischick des Großen Hauses soll ein Neubau, der an ein Stück Käsekuchen erinnert, flankieren. Dass Achatz selbst mit seinem Entwurf hadert, bestätigte der Architekt im Rahmen seiner Präsentation.

Sein Entwurf ist von Sparzwängen geprägt. Ganze Geschossflächen mussten gestrichen werden, ebenso der futuristisch anmutende Orchesterturm. Eine dritte Spielstätte ist nur noch Option. Die Freifläche zwischen Betriebsgebäude, Großem Haus und »Käsekuchen« verzichtet auf nicht kommerziell orientierte Begegnungsorte. Trutzburgartig manifestiert sich das Ensemble im Quartier. Ein Nachhaltigkeitskonzept bleibt das Projekt bisher schuldig.

Staatstheaterbauintendant André Bücker nennt den Achatz-Plan einen »großen Wurf«. Für ihn mag das stimmen. Für die Menschen unserer Stadt, von denen Schätzungen zufolge nur 15 bis 20 Prozent regelmäßig seine Programme wahrnehmen, sieht die Sache anders aus. Sie werden den Augsburger Eigenanteil von mindestens 200 Millionen für das neue Staatstheater zu bezahlen haben.      

Eine Weichenstellung in die Warteschleife der Bewegungslosigkeit

Im Umkehrschluss bedeutet das für eine ganze Reihe anderer Kultur- und Bildungsortprojekte eine Weichenstellung in die Warteschleife der Bewegungslosigkeit. Römermuseum, Jugendtheaterzentrum beim Abraxas, Freilichtbühne, Perlachturm, Museumsdepot, die Stadtbücherei mit ihren Zweigstellen … Die Liste ließe sich fortsetzen mit maroden Schulen, Bädern, Spiel- und Sportplätzen …

Kein Bauprojekt der letzten Jahrzehnte hat die Stadtgesellschaft so tief gespalten wie der Neubau des Staatstheaters. Es wurde getrickst, vertuscht, mit manipulativen Beteiligungsprozessen gearbeitet und gelogen. Kritische Stimmen, deren Skepsis sich nun aufs Neue bewahrheitete, wurden diffamiert, ihre berufliche Existenz bedroht.

Es erstaunt trotzdem kaum, dass die Gruppe der Kritiker*innen und Bedenkenträger*innen des umstrittenen Bauprojekts anwächst. Verblüffend ist jedoch, wer sich in diese Phalanx nun alles einreiht. Da hadert  Architekt Achatz mit seinem eigenen Entwurf, Staatstheaterintendant Bücker mit dem Zeitplan, die Rathausopposition mit den außer Kontrolle geratenen Baukos­ten. Der Kulturbeirat fordert den Bau einer Blackbox für freie Formate und die Club- und Kulturkommission ein urbanes Theaterquartier. Alle zusammen unterstützen die alte Forderung der a3kultur-Redaktion nach einer transparenten Projektbegleitung und ehrlichen Kommunikation.

So lautet auch eine zentrale Forderung, der sich ein Bündnis von Gastronomen, Klassik-Radio, Staatstheater Augsburg und anderen in Form des leicht verunglückten Manifests »Theaterviertel jetzt« angeschlossen hat.

Man fragt sich, wer das Projekt Theaterneubau derzeit noch vorbehaltlos unterstützt. Vielleich OB Eva Weber, die in diesem Projekt eine Augsburger Aufbruchsstimmung erkennt. Vielleicht hat sie ja recht – vielleicht startet der Aufbruch aber auch in eine ganz andere Richtung, als sie annimmt.

 

 

Einladung

Ständige Konferenz 2/3 2022

Staatstheaterneubau, noch Fragen?

Informations- und Diskussionsabend: 18. Juli, 20 Uhr, Augustanasaal*

Gäste:

Jürgen Enninger – Kulturreferent
Korbinian Grabmeier – Kulturbeirat
Norbert Stamm – Büro für Nachhaltigkeit
Prof. Katinka Temme* - Analoge Architektur & Entwerfen

André Bücker* – Staatstheaterintendant

Anmeldung unter:  staendigekonferenzkultur@gmail.com

(*angefragt)  

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