Stabilität und Zerbrechlichkeit
Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist komplex. Vier Künstler*innen lassen uns im H1 im Glaspalast diese Verbindung auf ganz unterschiedliche Weise erfahren.
Auf vielen kleinen Leinwänden kunstvoll gemalten Blattwerk ist auf der weißen Wand arrangiert. Doch diese Bilder lösen sich auf, die Kettfäden des Gewebes fehlen. Andererseits sind sie durch die verbliebenen Fäden verbunden, sind eigentlich eins miteinander. Der in Berlin lebende Amerikaner Nathan Peter (*1978) verweist in seinen Arbeiten auf kunstgeschichtliche Traditionen wie Stillleben oder Naturstücke, wie einen Blick auf den Waldboden. Doch zugleich dekonstruiert er seine Werke, indem er die verwendeten Materialien, Pigmente oder auch Bitumen und Goldfolie wieder abträgt oder zerschneidet. Peter zerlegt seine Arbeiten immer wieder auch ganz und gar, legt die Ebenen aus Leinwand, Farbe und Rahmen frei, löst das Gewebe, zieht Fäden, sodass das gemalte Bild zu einer in den Raum greifenden Installation wird.
Paul Diestels (*1996) minimalistisch klare Arbeiten hingegen erweisen sich zunächst als abweisend geschlossen, wir sind auf die Betrachtung der Oberflächen, der Linien, beschränkt. Da lehnen sich drei kindsgroße Ahornsamenkapseln aneinander, gefertigt aus aufwendig farbig gefasstem Lindenholz, eine Skulptur von großer Eleganz, kennzeichnend für das Werk des in Unterfranken lebenden Bildhauers. Diestel geht von Naturelementen wie Samenkapseln oder Faltern in verschiedenen Entwicklungsstadien aus, die er stark vergrößert in Holz oder Bronze zeigt – dieser Lupenblick, dazu die rätselhaft bleibenden Oberflächen, ändern unsere Wahrnehmung.
Drei Menschen bewegen sich in einer unwirtlichen Waldlandschaft, nehmen aber immer wieder auch körperlichen Kontakt zu den Bäumen auf, sie gestalten, sie kommunizieren. Wie in »Alchemy« befasst sich die irische Filmemacherin Clare Langan (*1967) in ihren Arbeiten mit Landschaften, karg und zerstört, transitorisch. Die Natur ist jedoch mehr als Setting, sie ist Akteurin, ebenso wie die Protagonistin oder das Sounddesign. Mit Infrarotaufnahmen steuert sie die Farbwerte, ändert sie kontinuierlich. Alles in Langans Videoarbeiten fließt, bewegt und verändert sich – Melancholie, aber vielleicht auch Hoffnung.
Der außergewöhnliche Reiz der fragilen Kunst von Christiane Löhr (*1965) erwächst aus dem Kontrast des zarten Materials zur strikten Konstruktion der Skulpturen. Ein rundes Kissen aus federleichten Löwenzahnsamen scheint ein Teil der Wand, an der es haftet, geworden zu sein. Mit großer Präzision und Geduld entstehen jeweils vor Ort Arbeiten wie diese. Ihr bildhauerisches Material entnimmt die Künstlerin der Natur; aus Samenständen, Gräsern oder auch Tierhaaren erschafft sie bestechende, komplexe Konstruktionen, die sich selbst tragen. Manches erscheint als architektonisches Modell, wie verschiedene Grashalme, die sich kuppelartig zueinander wölben. Zarte Pferdehaargeflechte schweben wie der Schatten einer Zeichnung vor der Wand. Bei aller Poesie führen uns Löhrs Installationen vor allem die Parallelität von Stabilität und Zerbrechlichkeit natürlicher Systeme vor Augen.
Im industriellen Setting der weitläufigen H1 offenbart sich in den Arbeiten der vier Künstler*innen die komplexe Beziehung von Mensch und Natur. Der Mensch, obwohl Teil der Natur, stellt sich als einziges Wesen auch bewusst außerhalb, setzt sich ab, reflektiert, ändert, zerstört. Die unterschiedlichen Konzepte und Sichtweisen führen zum Hinsehen, zum Nachdenken, lassen die Besucher*innen Teil des Ganzen werden – umgeben von großer Schönheit. »Symbiosis. Kunst zwischen Mensch und Natur« erweist sich als klug kuratierte, unbedingt sehenswerte Schau!
Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Programm von Führungen, Workshops und Konzerten begleitet. Ende Januar 2026 wird zudem ein Katalog erscheinen.
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Michael Kiessling, Galerist des Kunstraums am Pfarrhof Leitershofen, erzählt gerne, wie er Sandra Tröger im Münchner Ausstellungsraum »Sandkasten« kennengelernt hat – und wie schnell aus diesem ersten Kontakt die Idee für eine gemeinsame Ausstellung entstand. Noch im selben Jahr wurde daraus Wirklichkeit: »Form Farbe Raum« zeigt eine äußerst sehenswerte Auswahl von Trögers Werk in den Räumen von Leitershofen.