Stolpersteine
Die 77. Große Schwäbische im H2 beleuchtet akute Themen.
Nüchtern betrachtet erscheint die magische Schnapszahl als wahrer Erfolg und außergewöhnlicher Glücksfall: Nach mageren Jahren verzeichnete der BBK ein Bewerbungshoch. 106 einjurierte Werke von 90 Kunstschaffenden formieren sich im H2 – jetzt LED-beleuchtet – zur richtig großen, extra langen Schwäbischen.
Die Praxis verlangte BBK-Vorstand Norbert Kiening und Hausherrn Jan T. Wilms radikale Kreativlösungen ab. Zur Eröffnungsmatinee am 29. November spaltete eine Mauer das Publikum, schwermütige Klänge des hochkarätigen jungen Cellist*innen-Trios »Aura« illustrierten den Ernst der Lage. Zu Recht betonte Kulturreferent Jürgen K. Enninger die »Schönheit des Instabilen«, tatsächlich konzentriert sich die 77. GS auf akute Bedrohungen globaler wie persönlicher Natur.
An Bruno Wanks überlebensgroßen »Allies« kommt niemand vorbei: Zu fünft um weiße Säulen verteilt scheint die Schattenarmee allgegenwärtig. Hat sie sich gar aus Christian Hofs Munitionskisten bedient? Kontrastreich unbunte Töne dominieren hier: mit wuchtigen Kohlestrichen wie Paulo de Britos Waldbrand, wandkletternd wie Gitta Pielckes Knochenfragmente, in Stein als »Zählwerk« von Norbert Schessl oder Tobias Freudes mächtigem Letternzaun »Beuys don’t cry«.
Nina Zeilhofer, Kunstpreisträger*in 2022, ist mit spannend reduzierten Schutzräumen präsent, Sunghyun Parks gemaltes (!) Fleißbild der Ulrichsbasilika lässt innehalten, rund geht es hingegen im »abgedreht«en Drahtbild Gertrud v. Wincklers sowie Bernd Rummerts pechschwarz ausgeronnenem Erdumdrehungsversuch. Gestrandete Raumobjekte von Thomas Fackler und Rainer Kaiser spielen uferlose Wahrnehmung gegen harte Realität aus, die scharfkantige Stahlskulptur von Karl K. Maurer oder Gisela Franks Klebeskalpell markieren Einschnitte. Üppig sprießende Natur, seelenvoll blickende Tiere, gefangene Menschengestalten, deren Tagträume und künstliche Dystopien sind achtsames Entdecken wert. Aus dem Kabinett leuchtet Annette Girkes »Fragile Demokratie«, sie lenkt das Augenmerk auf zarte Schätze wie Harald Riemanns Windschaukel oder Petrus’ aufgeschlagenem Ikarus.
Einem schweren Fall sprach die Stadt Augsburg den diesjährigen Kunstpreis zu: Erwin Roth errichtete seine Mahnwand »Vaterland« aus den amtlichen Spuren vermisster Personen, die der Zweite Weltkrieg aus ihrer Heimat, oft ganz aus dem Leben riss. Mit seiner hochaktuellen Arbeit überzeugte der Allgäuer Künstler die Jury, welche ab kommendem Jahr einen Sonderpreis vergibt: »Viermaldrei« aus der Kunststiftung Grzabka_Palm ermutigt junge Kunstschaffende bis 35 Jahre.
Die 77. Große Schwäbische läuft bis zum 29. März 2026. Mehrere Führungen sind geplant, außerdem konzertiert das T.H.I.Q. (Tilman-Herpichböhm-Intellectual-Quartet) am 25. Januar 2026 um 19 Uhr in der Ausstellung.
Weitere Infos + Termine
www.kunst-aus-schwaben.de
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de/77-grosse-schwaebische
Desweiteren verwandelt sich das H1 des Zentrums für Gegenwartskunst, mit der Ausstellung »Symbiosis«, in einen atmosphärischen Raum, in dem vier international renommierte Künstler*innen ihre Visionen präsentieren. Paul Diestel schafft meditative Skulpturen aus minimalistischen Formen und natürlichen Materialien. Clare Langan entführt mit ihren filmischen Meditationen in Landschaften im Übergang – poetische Reflexionen über Klimawandel und Vergänglichkeit. Christiane Löhr formt aus Samen, Gräsern und Tierhaaren filigrane Strukturen von bestechender Zartheit. Nathan Peter verschmilzt in seinen vielschichtigen Arbeiten natürliche und künstliche Elemente zu kraftvollen Transformationsprozessen. Durch Malerei, Skulptur, Installation und Videokunst entsteht ein Dialog, der Gegensätze und Harmonien erfahrbar macht – von der Fragilität ökologischer Systeme bis zur Materialität als Ausdruck natürlicher Kräfte. Die räumliche Inszenierung ermöglicht ein sinnliches, emotionales und intellektuelles Erleben.
Lassen Sie sich inspirieren, die Verbindung zwischen Mensch und Natur neu zu entdecken und Perspektiven für ein verantwortungsvolles Miteinander zu entwickeln.
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