Literatur

Ein Stück (seiner) Zeit

Dorothee Elmiger Deutscher Buchpreis 2025 © Christof Jakob
Gastautor

Der verdiente Siegertitel des Deutschen Buchpreises 2025, »Die Holländerinnen«, zeichnet die Stimmung der deutschen Literaturszene beispielhaft ab.

»Worum geht es?« ist eine Frage, die Leser*innen des Romans von Dorothee Elminger (Foto) wohl dauerhaft beschäftigt. Doch geht es weniger um die Handlung als um das Thema: das Bruchstückhafte, die Polyphonie, das Grauen, die Angst und Verunsicherung. Was ist Traum, was ist echt? Bei diesem Text braucht es das »Wie«, um sich dem »Worum geht es« anzunähern.

Wie funktioniert also der Roman? Als Leser*innen verfolgen wir die Spur der verschollenen Holländerinnen parallel zur distanzierten Erzählerin. Diese wird von einem Theatermacher für ein Stück angeheuert, das den Fall des Verschwindens rekonstruieren soll. Dabei begegnet sie anderen Figuren in der Theatergruppe, die ihrerseits beunruhigende bis hin zu katastrophalen Anekdoten über ihr Leben preisgeben. So tauchen wir in den mysteriösen Fall von 2014 und in die Abgründe der menschlichen Psyche ein.

Wieso erfahren wir von scheinbar willkürlich zusammengewürfelten Charakteren, wie die Nachbar*innen starben, wie toxisch ihr Ex war und wie tragisch die erste dramaturgische Projektarbeit ablief? Wenn wir die Suche nach den Frauen als Rekonstruktion der Vergangenheit verstehen, scheinen auch die eingestreuten Hintergrundgeschichten der Nebenfiguren nicht mehr so verkehrt. Nur ihr Erlebtes kann mittels der Sprache das Gesamtbild des Textes entwerfen. Die Spurensuche wird anachronis­tisch erzählt – jene eingebetteten Erzählungen ergeben eine Collage, die als Versuch einer Annäherung an die Wahrheit oder an unsere Vorstellung davon gelesen werden kann. Dabei fungiert die namenlose Erzählerin als Sprachrohr für die Theatergruppe. Sie lässt die Leser*innen in Anekdoten eintauchen und katapultiert sie mit häufigen Wechseln und Unterbrechungen zurück ins Hier und Jetzt. Das birgt die Frage, was überhaupt erzählt werden kann.

Der Siegertitel ist exemplarisch für die Komplexität der Stimmung in der deutschsprachigen Literaturszene: Diskussionen sind so dringlich wie lange nicht mehr an ihre Aktualität gebunden. Doch sind eben diese Diskurse von geschichtlichen Fällen, Argumenten und Gegenargumenten durchzogen, sodass sie fast aus ihrer Zeitlichkeit herausgehoben erscheinen. Politische und gesellschaftskritische Fragestellungen können durch zahlreiche Stimmen bewältigt und doch gleichzeitig übertönt werden. Die Gratwanderung zwischen der Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse und der absoluten Verwirrung durch etliche Anekdoten wird in diesem Roman besonders deutlich. Verschiedene Stimmen drängen sich zum gleichen Thema zusammen, selten beleuchtete Phänomene bekommen endlich ihr Rampenlicht – so entsteht ein polyphoner Literaturdiskurs.

Es wäre jedoch zu einfach, den Roman in all seiner inhaltlichen Dichte auf seine Form zu beschränken: Die Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Symbolen ist deutlich textlich verankert. Dass gerade zwei Frauen durch ihre Abwesenheit mystifiziert und zum Objekt der Schaulust für einen Theatermacher werden, ist in der Aktualität der Lebensrealität von weiblich gelesenen Personen kaum zu überbieten. Umso interessanter ist die Gegenwirkung auf »das langsame Verstummen der Frauen« (S. 89) durch die Sprache der Erzählerin und der Autorin selbst: die Gleichzeitigkeit von Machtlosigkeit und Emanzipation.
Ist der Roman zugänglich? Eher weniger. Doch das soll er auch nicht sein. Vielmehr soll die Spurensuche die Möglichkeit bieten, auf verschiedene Weisen in den Text – und in einen Diskurs – einzusteigen, Teil des Gesprächs über persönliche und gesellschaftliche Aspekte zu werden. Der Roman lädt ein, sich ein eigenes Bild zu machen. Er verweigert sich einer schematischen Kategorisierung in ein Genre oder eine Stimmung.

Es ist gewiss kein Zufall, dass es sich bei allen Titeln auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025 um eine Mischung aus autofiktionalen bzw. -biografischen, historischen und höchst aktuellen Romanen handelt. Es sind Texte, die sich allesamt zwischen Erinnerung, Wirklichkeit, Traumhaftigkeit und der unbeschönigten Brutalität der Menschlichkeit bewegen. So sehr sich Formen, Stile und Themenkomplexe voneinander unterscheiden, ergeben auch sie einen mehrstimmigen Diskurs. Im Zentrum steht die Suche nach Authentizität, der Versuch, aus Textkonventionen auszubrechen und trotz ihrer Aktualität zeitlos zu bleiben. »Die Holländerinnen« vereint dieses Experiment in sich und beantwortet, wenn überhaupt, nur einen Bruchteil von Fragen. Denn nicht der Inhalt der Fragen ist entscheidend, sondern das Fragen selbst.
 

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