Ausstellungen & Kunstprojekte

Die Synchronisierung der Welt

Gast
13. Juni 2022

Fast Fashion im Zeichen der Eskalationslogik globalisierter Ökonomie. Ein Gastbeitrag von Dr. Karl Borromäus Murr

Die derzeitige Sonderausstellung »Design Goals – Designerinnern setzen Zeichen für textile Nachhaltigkeit« im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) gibt Anlass, über die dramatische Ausgangslage der sogenannten Fast Fashion nachzudenken. In der nächsten Ausgabe von a3kultur geht es dann darum, zukunftsweisende Designideen vorzustellen.

Die sogenannte Fast Fashion stellt ein sprechendes Beispiel für eine hemmungslose Wirtschaftspraxis dar, die für den ökonomischen Erfolg erhebliche Umweltschäden in Kauf nimmt. Die Textilindustrie gehört zu den größten Verursachern des schädlichen CO2, das maßgeblich für die Erderwärmung verantwortlich ist.  Dabei folgt sie der unerbittlichen Beschleunigungsdynamik, die der entfesselte Kapitalismus antreibt. Die kapitalistische Ökonomie baut auf das Prinzip einer dynamischen Stabilisierung, die allein zur Bestandserhaltung auf unentwegte Steigerung setzt. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang von der »Eskalationslogik der Moderne«, die strukturell einem unersättlichen Wirtschaftswachstum und der ungebremsten Profitmaximierung verschrieben ist. Diese Eskalationslogik baut grundlegend auf Homogenisierung, Standardisierung und Synchronisation der Welt, womit eine andere Umschreibung des Phänomens Globalisierung skizziert ist. Die angesprochene Synchronisierung der Welt, die auch als chronologische Gleichschaltung charakterisiert werden kann, ist demnach ein Phänomen der globalisierten Beschleunigung, die ein ökonomisches Wettrennen kennzeichnet, das viele Abgeschlagene zurücklässt. Die kanadische Aktivistin Naomi Klein sprach insofern von der Globalisierung als einem zynischen Spiel mit wenigen Gewinnern und vielen Verlierern. Mit der zunehmenden Erderwärmung gerät der Klimawandel zur wohl größten gesellschaftlichen Herausforderung der Gegenwart.

Die Verlierer der Eskalationslogik können auch als Beschleunigungsverlierer gelten. Dabei handelt es sich nicht nur um Menschen, sondern zuallererst um unsere Natur – so vielfältig dieser Begriff auch belegt ist. So sind etwa die exzessive Abholzung oder Rodungen der Regenwälder von einem Ausmaß, dass diese sich zeitlich nicht in einem natürlichen Zyklus wieder erholen können. Oder auch die weltweite Überfischung der Ozeane hat den Mythos der Unerschöpflichkeit eines Besseren belehrt. Das heißt, die beschleunigte Globalisierung trifft mit der Natur auf ein weit trägeres System, das dem enormen Wachstum nicht standhält. Allenthalben tun sich in unseren Ökosystemen sogenannte Kipppunkte auf, die auf irreversible Schäden hindeuten. Wer folglich die Eigenzeiten der Natur nicht ernst nimmt, läuft Gefahr, mit der Zerstörung unserer natürlichen Ressourcen die Grundlage für menschliches Leben zu beseitigen.

Die formulierte Eskalationslogik mit der rasenden Produktion schädigt nicht nur die Umwelt, sondern im ebenso erhitzten Konsum auch die Gesellschaft. Während um 1900 ein europäischer Haushalt allenfalls Hunderte Dinge besaß, geht die Schätzung für die Gegenwart auf 10.000. Diese Steigerung lässt sich besonders gut an unserem Textilkonsum ablesen. Allein zwischen den Jahren 2002 und 2015 hat der Absatz beinahe um das Doppelte zugenommen: von einer Billion auf 1,8 Billionen US-Dollar – mit der Perspektive, bis 2025 auf 2,1 Billionen US-Dollar anzuwachsen. Heruntergebrochen auf den Textilkonsum in Deutschland heißt das, dass jeder Konsument pro Jahr 60 neue Kleidungsstücke kauft. Zugleich tragen wir die Kleidung zeitlich nur noch halb so lange wie vor 15 Jahren. Etwa 40 Prozent unserer Kleidung tragen wir gar nicht oder nur sehr selten. Dieser hungrige Textilkonsum ist lediglich Teil unseres unersättlichen Verbrauchs. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat das Konsumtionsparadigma das Produktionsparadigma abgelöst. Vor allem die westliche Gesellschaft ist konsequent den Weg von einer Produktionsgesellschaft zu einer Konsumgesellschaft gegangen. Das heißt, dass der Konsum zum gesellschaftsbestimmenden Moment geworden ist. Der westliche Mensch des 21. Jahrhunderts ist ein »homo consumens«. Dass nun der im steten Konsumvollzug sich herstellende Mensch der Spätmoderne sich sozial zutiefst entfremdet, wäre Gegenstand nicht nur einer (neo-)marxistischen Gesellschaftskritik.

Die westliche Gesellschaft entfremdet sich aber nicht nur von sich selbst, sondern – nicht weniger einschneidend – auch von den die zahllosen Arbeiter*innen in der gesamten Wertschöpfungskette. Nationale wie internationale Gewerkschaftsorganisationen haben alle Hände voll zu tun, damit ihre Mitglieder einen basalen Lohn in Thailand oder Bangladesch erhalten. Viele Näherinnen entbehren jedoch selbst dieser Unterstützung, leiden folglich unter der skandalös schlechten Bezahlung, wie sie sich auch ernsthaften Gefahren für ihre Gesundheit aussetzen.

Wir erkennen spätestens an dieser Stelle, dass angesichts der formulierten Eskalationslogik Textildesign eine Frage der Gerechtigkeit darstellt. Bei Gerechtigkeit geht es, ethisch pointiert formuliert, um den Anspruch auf ein gutes Leben für alle Menschen. Das Textildesign der Zukunft muss also einer Ethik der Zukunft entsprechen, um nicht die Möglichkeit einer erfüllten Lebenszeit der kommenden Generationen aufs Spiel zu setzen. Ein solch ethisch motiviertes Design braucht ein fundamentales Umdenken – zukunftsweisende Ideen hierzu finden sich in der nächsten Ausgabe von a3kultur.

Die Sonderausstellung »design goals« findet noch bis zum 24. September 2022 statt.

www.timbayern.de

 

Foto: Melissa Grustat verwertet Materialien, die bei der Textilproduktion als Müll anfallen. Hier zu sehen: Ein Outfit aus Airbag-Gewebe. © Julie Becquart

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