Klassik

»In der Tat ein langer Weg«

Bayerische Kammerphilharmonie © Neda Navaee
a3kultur-Redaktion

35 Jahre Bayerische Kammerphilharmonie: Valentin Holub (im Bild 2. v. l.) ist seit 1996 als Bratschist Mitglied der BKP und seit 18 Jahren auch ihr geschäftsführender Vorstand. Ein Interview zum Jubiläum 

a3kultur: 35 Jahre Bayerische Kammerphilharmonie – wie feiert das Ensemble dieses Fest? 

Valentin Holub: Wir veranstalten am 30. November ein Festkonzert im Kleinen Goldenen Saal mit Werken von Komponisten, die ebenfalls »runde« Geburtstage haben. Ravel (150), Hindemith (130) und die Komponistin Manuela Kerer (45), die vor vierzehn Jahren ihr Werk »É.TEMEN.AN.KI« für die Bayerische Kammerphilharmonie komponiert hat, stehen auf dem Programm. Wir freuen uns bei Hindemiths »Vier Temperamente« auf ein Wiedersehen mit dem Pianisten Alexander Schimpf, mit dem uns eine lange künstlerische Freundschaft verbindet, die sich in vielen gemeinsamen Konzerten und einer gemeinsamen CD manifestiert hat.

Können Sie uns die Gründungsgeschichte der BKP in drei Sätzen erzählen?

Das kann ich auch nur aus Überlieferungen, da ich erst sechs Jahre nach der Gründung dazugestoßen bin. In deren Zentrum stand die Musikerfamilie Fleck aus Augsburg. Aktuell sind mit Susanne Weis (Bratsche) und Arvo Lang (Cello) noch zwei Gründungsmitglieder musikalisch in der BKP aktiv. Die meisten kannten sich aus dem Bayerischen Landesjugendorchester. Im bestehenden »erwachsenen« Musikbetrieb sah man sich nicht abgebildet – der Wunsch nach der Entwicklung eigener Konzertformate und einer Spielkultur, in der die starke Einbindung und die künstlerische Energie jedes und jeder Einzelnen eine große Rolle spielen, war die Gründungsmotivation. Der damalige Generalmusikdirektor der Augsburger Philharmoniker, Michael Luig, leitete im November 1990 das erste Konzert der BKP.

Sie haben in den letzten Jahrzehnten dutzende CD-Einspielungen veröffentlicht. Viele davon füllten einen weißen Fleck in der Klassiklandschaft, erlangten internationale Reputation und wurden ausgezeichnet. Im Herbst steht die nächste Veröffentlichung an. Ein Ge­burts­tagsgeschenk des Ensembles an sich selbst? 

Jede CD-Einspielung ist ein Geschenk, zumal es nicht leichter geworden ist, die Produktionen heute noch zu realisieren und zu finanzieren. Mit der Einspielung von drei Werken des viel zu lange von der Musikwelt kaum beachteten Komponisten Mieczysław Weinberg können wir zeigen, was für exzellente Musiker*innen wir in der BKP haben. Jede*r, der oder die einmal etwas von Weinberg gespielt hat, weiß, welche Komplexität und welchen hohen technischen Schwierigkeitsgrad seine Werke haben. Besonders hervorzuheben ist unser Konzertmeister Gabriel Adorján, der nicht nur das Concertino für Violine und Streichorchester als Solist gespielt hat, sondern in dieser komplexen Aufnahme auch noch vom Konzertmeisterpult aus die Leitung übernommen hat. Die ganze Einspielung ist natürlich eine großartige Teamleistung – wir freuen uns sehr auf die Veröffentlichung bei unserem Label AVI Records.

Der Kleine Goldene Saal in Augsburg ist mit seinen gut 300 Sitzplätzen so etwas wie Ihr Stammhaus. Die Auslastung Ihrer Konzerte lag auch in der letzten Spielzeit im Schnitt bei weit über 90 Prozent. Das ist ein Wert, von dem viele Klassikkolleg*innen nur träumen können – wenn wir von den sogenannten Candlelight-Konzerten und ähnlichen Spielformen einmal absehen. Wie entwickelt sich über die Jahre ein so treues Publikum? 

Das war in der Tat ein langer Weg, aber das hat meines Erachtens besonders mit zwei Faktoren zu tun. Natürlich braucht es Zeit, wenn man versucht, ein thematisch und musikalisch anspruchsvolles Konzertprogramm neu in einer Stadt zu etablieren. Augsburg ist ja dafür bekannt, dass man mit neuen Formaten vielleicht noch etwas mehr Geduld braucht als anderswo. Was aber das Entscheidende ist: Wenn man sich hier mit einer Sache verbindet, dann bleibt man ihr treu. Wir haben nach über zwanzig Jahren Konzertreihe »un-er-hört« ein fantastisches Publikum gewonnen, das immer noch neugierig und begeistert neue oder selten gespielte Werke aufnimmt.

Ihr Programm ist vielseitig und anspruchsvoll. Es hat Erfolg. Welche Rolle spielt da noch die Frage, auch neues Publikum zu erreichen – auch abseits der klassikaffinen Milieus in unserer Gesellschaft? 

Mit unserer Educationreihe »un-er-hört mini« bzw. »young BKP« bieten wir vom Familienkonzert bis zum Schulkonzert für Grundschulen sowie mit einem weiteren Format für weiterführende Schulen für ein freies Ensemble ohne feste öffentliche Förderung einiges an Konzerten an. Besonders in den Schulformaten kommen wir auch mit Jugendlichen und Kindern in Kontakt, die zuvor noch nie einen Konzertsaal von innen gesehen haben. Darüber hinaus sind bei unseren Konzerten der Reihe »un-er-hört« für junge Menschen die Tickets stark vergünstigt.

Die Besetzung der BKP ist in großen Teilen bei allen möglichen Ensembles im deutschsprachigen Raum und auch darüber hinaus engagiert. Einen Großteil Ihrer Konzerte als BKP spielen Sie in Augsburg. Ist das eine bewusste Entscheidung oder ist der Schritt über diese regionalen Grenzen hinaus in der Klassik besonders schwer?

Die »un-er-hört«-Konzertreihe in Augsburg ist das Herzstück unserer künstlerischen Arbeit, denn hier können wir unsere anspruchsvollen Konzepte umsetzen und uns künstlerisch weiterentwickeln. Wir sind in den letzten Jahren sehr viel auf Tourneen in Spanien gewesen – letztes Jahr etwa in Bilbao, San Sebastián und Madrid. Einladungen zum Mozartfest in Würzburg und zahlreiche Gastspiele in Bayern und dem restlichen Deutschland sollen nicht unerwähnt bleiben. Aber man merkt zurzeit deutlich, dass viele Veranstalter mit knapperen Mitteln zu kämpfen haben und wir als freies Ensemble den Gagenunterbietungswettbewerb mit den vollsubventionierten Orchestern meist verlieren.

Wie wird man eigentlich Teil des BKP-Ensembles? 

Meist geht es über die Empfehlung eines Mitglieds. Dann wird man eingeladen, ein Projekt mitzuspielen, und danach wird entschieden, ob es eine Perspektive gibt, die Person wieder einzuladen. Mitglied des Ensembles zu werden, ist ein recht langer Prozess über viele gemeinsame Projekte. Eine hohe individuelle Qualität ist die Grundvoraussetzung – aber es muss auch im menschlichen, kommunikativen und zwischenmenschlichen Bereich stimmen. Wir erwarten einen sehr großen Einsatz von jedem einzelnen Ensemblemitglied.

 

Die Termine der »un-er-hört«-Konzertreihe:

  • 12. Oktober 2025 – »Seelenverwandte«, 18 Uhr – Kleiner Goldener Saal
  • 30. November 2025 – »fünfunddreißig«, 18 Uhr – Kleiner Goldener Saal
  • 25. Januar 2026 – »Auguri«, 18 Uhr – Kleiner Goldener Saal
  • 22. März 2026 – »Sestetto d’archi«, 18 Uhr – Kleiner Goldener Saal
  • 5. Juli 2026 – »Concierto estival«, 15 Uhr – Parktheater im Kurhaus Göggingen

     

Das könnte Sie auch interessieren

Mira Emke
Klassik

Klassiker der Moderne

Das Parktheater im Kurhaus Göggingen bietet, unter anderem, auch ein breites Programm an klassischen Veranstaltungen
Renate Baumiller-Guggenberger
Klassik

Ergreifend!

Die 80 jungen Musiker*innen unter der Leitung von Carolin Nordmeyer bewiesen im Kongress am Park überaus eindrucksvoll, dass sie solistisch brillieren und im »tutti« musikalische Spannungskurven von der ersten bis zur letzten Sekunde auf höchstem Niveau zu halten vermögen. 

Renate Baumiller-Guggenberger
Klassik

Musikalische Sterneküche

Zum sommerlichen Finale kredenzt die Bayerische Kammerphilharmonie ein gut durchkomponiertes Menü.