Festival
Theater & Bühne

Trash-Glam-Kabarett, made in Augsburg

Augsburg mit »Au«! So schweißtreibend und so schmerzhaft wurde wohl noch keinem Literaten gehuldigt wie beim »Kampf um Augsburg« im Rahmen des Brechtfestivals. Ein großer Spaß!

 

 

Wrestling ist irgendwie alles: Sport, Theater und Show, Metal und Punk und Glam und Trash.
Waschbrett- und Waschbärbauch prallen aufeinander, es wird gedisst und submissed. WrestleMania beim
»Kampf um Augsburg« in den Räumen der Alevitischen Gemeinde in Lechhausen. Den Schöngeist Bertolt Brecht mit einem Wrestlingkampf ehren, passt das zusammen?

Warum nicht? Vom jungen Brecht ist bekannt, dass er wie viele junge Menschen seiner Zeit eine starke Affinität zu allem, was aus Amerika nach Europa herüberschwappte: Es waren die »roaring twenties« in Berlin, man liebte Jazzmusik, Cocktails und – besonders die jungen Männer – den Boxsport. Auch der junge Bertolt Brecht war fasziniert von dieser Welt und vom Kampf Mann gegen Mann. In den Jahren 1921 bis 1924 schrieb er z.B. das Stück »Im Dickicht der Städte«, das vom Kampf zweier Männer in der Riesenstadt Chicago handelt.

Clash der Befindlichkeiten

Aber genug hier erst einmal von Brecht, denn mit seinem Werk hat das hier alles eigentlich gar nichts zu tun. Mit seiner Geburtsstadt Augsburg umso mehr: Spezi-Krieg, Theatersanierung, Fünf-Vier aus Oberhausen – alle kriegen hier ihr Fett weg. Es wird ganz tief in die Klischeekiste gegriffen, und Zwischentöne würden bei diesem knallbunten Clash der Augsburger Befindlichkeiten, verkörpert in den Characteren mit ihren clownesken Outfits, nur stören.

Regisseurin und Dramaturgin Veronika Maurer hat ihrer Truppe, bestehend aus den Kämpfer*innen (ja, richtig gelesen, Wrestling ist bei weitem keine reine Männerdomäne mehr) Boris Pain, Zelina Power (=Selina Nowak, auch Casting und Training), Jessy Jay, Alex Sixxx, Jazzy Gabert, Kevin Kaiden (»Die Härte aus Schwaben«) und Tim Sigler (Referee), sowie der wild durch das gut zweistündige Programm wirbelnden Saalsprecherin Hanna Binder herrlich treffende Sätze und Statements in den Mund gelegt, die die Grenze zum Kabarett zwischen den Kämpfen genüsslich überschreiten und für viel wissendes Gelächter sorgten. Überhaupt sei hier auch das Augsburger Publikum lobend erwähnt, das bei bester Laune die Handlung und die Kombattant*innen lautstark mittrug.

Dass zum Ausklang die zarten, fragilen Triphop-Klänge des »Sound Lab For Fluid Ways Of Knowing« vielleicht zielgruppentechnisch nicht der glücklichste Move waren, schmälert den positiven Gesamteindruck nicht. Die Ruhe nach dem Sturm eben.

Fazit: Ein großer (oder grober) Spaß mit viel Akrobatik, Humor und ein klein wenig Hintersinn. Genau die richtige Veranstaltung zur Faschingszeit. Wenn eine/r der Akteur*innen krachend auf die Bretter geschickt wird, dann hat das mit Brechts Vorstellung vom Theater, das belehren und mahnen soll, freilich wenig zu tun. Und mit einem Literaturfestival ... –  naja, ausnahmsweise.

Wer weiß, irgendwo in der jubelnden Menge verbarg sich vielleicht ein junges, brennendes Dichter*innentalent, dem man in ferner Zukunft ebenfalls ein Literaturfestival widmen wird. Und irgendwo in fernen Sphären musste der Ex-Augsburger Bertolt Brecht vielleicht mitlachen.

»Kampf um Augsburg« findet heute Abend noch einmal in der Alevitischen Gemeinde, Bozener Str. 4A in Lechhausen statt. Beginn ist um 20 Uhr, im Anschluss gibt es Musik von Alabaster DePlume & Impossible Orkestra. Vor Ort gibt es eine Abendkasse.

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