Turbulent und produktiv
Ein Interview mit Carmen Reichert, der neuen Leiterin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben.
a3kultur: Sie sind seit wenigen Monaten Direktorin des JMAS – wie sind Sie denn im neuen Job angekommen?
Carmen Reichert: Es war turbulent, aber produktiv, würde ich sagen. Ich wollte ja eigentlich mit einer Ausstellung zu Jiddisch starten. Dann aber brach der Krieg in der Ukraine los. Wir haben zwei Kolleg*innen aus der Ukraine aufgenommen und relativ spontan mit ihnen gemeinsam eine Ausstellung gemacht. Und auch sonst ist vieles im Umbruch – nicht zuletzt wegen der Bauarbeiten in unserem Haus.
Wie würden Sie den Forschungs- und Dokumentationsstand der jüdischen Geschichte in unserer Region beschreiben?
Das ist eine gute Frage, weil es natürlich immer davon abhängt, aus welcher Perspektive man sie stellt. Wenn man die Lage vergleicht mit dem Zeitpunkt der Museumsgründung, dann kann man sicher sagen: Es ist wahnsinnig viel geleistet worden. Wir wissen heute so viel mehr als 1985 – und es ist uns gelungen, dieses Wissen an breite Teile der Bevölkerung zu vermitteln. Denkt man aber darüber nach, was alles noch unerforscht ist, dann würde ich sagen: Wir stehen am Anfang!
Was weiß man denn speziell über die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts?
Darüber könnte man natürlich Bibliotheken füllen. Vielleicht beschränken wir uns auf das, was das jüdische Leben in Augsburg von anderen Orten unterschied: Die jüdischen Augsburger*innen waren wohlhabender und besser in die Stadtgesellschaft integriert. Das kam daher, dass man Anfang des 19. Jahrhunderts nur Bankiersfamilien und anderen Wohlhabenden das Niederlassungsrecht gewährte. Diese Familien stammten meist aus dem schwäbischen Landjudentum, waren mit Augsburg und der Region also bestens vertraut, sodass sie in der Stadt rasch erfolgreich sein konnten.
Wie darf man sich Augsburg in den 1920ern vorstellen? Paul Ben-Haim war von 1924 bis 1931 am Stadttheater Kapellmeister. War die Stadt ein besonders schwieriges Pflaster für ihre jüdischen Bürger*innen?
Ich glaube nicht, dass Augsburg im Vergleich besonders antisemitisch war. Die Reichstagswahl vom März 1933 ist ein guter Parameter, um das festzumachen: Während im Reichsdurchschnitt über 40 Prozent die NSDAP wählten, waren es in Augsburg nur etwa 30 Prozent. Das bedeutet natürlich nicht, dass es keinen Antisemitismus gab – wenn ein Drittel der Menschen bereit war, NSDAP zu wählen, können Sie sich vorstellen, wie oft Jüdinnen und Juden auf Menschen trafen, die ihnen das Leben schwer machen wollten. Ob die Kündigung von Paul Ben-Haim antisemitische Gründe hatte, kann ich Ihnen leider nicht sagen, das müsste man untersuchen.
Tut das Staatstheater als Nachfolger des Stadttheaters genug, um auf Ben-Haims Schicksal hinzuweisen und ihn als Künstler zu würdigen?
Das kann das Staatstheater wahrscheinlich besser beantworten. Für uns als Jüdisches Museum kann ich sagen, dass Paul Ben-Haims Jubiläumsjahr 2022 ein Anlass war, ihn wiederzuentdecken, und ich könnte mir gut vorstellen, dass seine Geschichte auch Platz in unserer neuen Dauerausstellung finden könnte.
Am 23. Oktober gastiert die bkp mit Werken von Paul Ben-Haim in der Synagoge. Welche Bedeutung haben solche Termine für das gesamte Haus?
Ich glaube, solche Veranstaltungen sind für die Gemeinde, uns als Museum und die Stadtgesellschaft gleichermaßen wichtig. Es ist wichtig, dass unsere Stadt ein reiches kulturelles – und auch musikalisches – Erbe hat, an das wir anknüpfen können und wollen.
Wie viele jüdische Menschen haben vor 1933 hier gelebt – und wie viele haben die Shoa überlebt? Gibt es dazu Aufzeichnungen?
Vor 1933 zählte die Gemeinde rund 1.500 Mitglieder, 1948 waren es 77 Personen. Vielen Augsburger Jüdinnen und Juden war es gelungen zu fliehen, auch das hing sicherlich mit dem relativen Wohlstand und der guten Vernetzung zusammen. Die Personen, die nach dem Krieg hier landeten, stammten meist nicht aus der Region.
Wie war nach 1945 jüdisches Leben in Augsburg möglich?
Die jüdische Gemeinde nach der Shoa bestand aus Überlebenden, die von allen möglichen Orten verschleppt worden waren, den sogenannten »displaced persons«. Viele dieser Menschen hofften zunächst auf Auswanderung. Manche waren zu schwach für eine Weiterreise, andere entschieden sich, doch zu bleiben. Wieder andere hatten in sogenannter »geschützter Mischehe« überlebt, d.h. dank ihrer nicht jüdischen Ehepartner*innen. Die Nachkriegszeit war schwer, nicht nur weil man so viele Menschen verloren hatte und arm war, sondern auch weil die Stadtgesellschaft alles andere als empathisch war.
Gab es Ressentiments – und wie ist es heute?
Ja, natürlich. Die gab es leider immer und gibt es immer noch. Die meisten Nazis blieben nach 1945 in ihren Ämtern oder kehrten schnell dorthin zurück. Zum latenten oder offenen Antisemitismus kamen Schuldgefühle und die Angst, Jüdinnen und Juden könnten sie mit begangenen Verbrechen konfrontieren oder Besitz zurückfordern. Alles trug nicht gerade zu einem Klima bei, in dem sich jüdisches Leben hätte frei entfalten können. Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Shoa erfolgte ab den 1970ern. Und heute? Was soll ich sagen, es gibt noch immer viel zu tun.
Wie lässt sich die jüdische Gemeinde in der Region heute beschreiben?
Unsere heutige israelitische Kultusgemeinde (IKG) hat ist auf über 1.300 Mitglieder angewachsen, die meisten stammen aus der Ukraine oder anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und sind ab den 1990ern zu uns gekommen. Seit dem russischen Krieg in der Ukraine hat unsere Gemeinde mehrere neue Familien aufgenommen. Das ist natürlich eine ganz schöne Herausforderung, aber die Gemeinde hat ja viel Erfahrung mit der Integrationsarbeit.
Welche Bedeutung hat diese gegenwärtige Situation für Ihre Arbeit?
Wir sehen unsere Hauptaufgabe darin, jüdisches Leben zu unterstützen, Vorurteile abzubauen und aus dem Blickwinkel der jüdischen Geschichte und Gegenwart auf unsere Gesellschaft zu blicken. Für uns ist das Judentum also etwas sehr Lebendiges, was einem ständigen Prozess des Wandels unterliegt, so wie wir alle. Wir wollen dazu beitragen, dass wir gemeinsam in eine gute Richtung weitergehen.
Wie sehen Ihre Planungen für 2022/23 und eventuell 2024 aus?
Es kommen spannende Zeiten auf uns zu! Die nächsten Jahre werden geprägt sein von den Bauarbeiten an unserem Gebäude, die auch mit einer internen Art »Renovierung«, d.h. Erneuerung, verbunden sind. Ich denke, es ist ein guter Zeitpunkt dafür, die Welt ändert sich gerade ja nicht nur politisch, sondern auch technologisch rasant. Einige Themen werden wir weiterführen, wie die Erforschung des Landjudentums und seiner Verbindungen zu Augsburg, und einiges wird neu hinzukommen, wie die Beschäftigung mit dem jiddischen Erbe der Region und mit dem jüdischen Buchdruck.
Auf welches Interesse stößt Ihre Arbeit in unserer Region?
Ich bin immer wieder begeistert zu sehen, wie viele Menschen bereit sind, sich mit jüdischen Themen zu beschäftigen. Mit unseren beiden wunderschönen Synagogen und den Veranstaltungen dort und in der Stadt erreichen wir ein breites Publikum. Schwieriger ist die Lage auf dem Land: Dort gibt es zwar das reiche historische Erbe des Landjudentums, das in unserem Haus Nathalie Jäger und Rebekka Utesch erforschen, aber vor Ort gibt es keine jüdischen Gemeinden und Institutionen mehr. Hier wollen wir zum einen nach neuen Wegen der Vermittlung suchen und zum anderen die Ehrenamtlichen in diesen Orten noch besser unterstützen.
Wie holen Sie die Menschen für Ihre Ausstellungen ab?
Indem wir sie zum Teil wirklich wörtlich dort abholen, wo sie sind! Nach der Pandemie bemerkten wir wie viele andere Institutionen auch, dass Veranstaltungen in Innenräumen schlechter besucht sind. Also gehen wir eben dorthin, wo die Menschen sind: So waren wir in diesem Sommer mit unserer mobilen Ausstellung über jüdischen Sport auf öffentlichen Plätzen in den Augsburger Stadtteilen und wir waren in der Sportkneipe 11er. Wir haben aber auch an digitalen Projekten gearbeitet, die in den Herbst- und Wintermonaten veröffentlicht werden, weil auch das Internet ein Ort ist, wo wir Menschen in ihrem Alltag abholen können.
Die monumentale Synagoge in der Halderstraße wurde zwischen 1913 und 1917 erbaut. Sie überstand den Nazi-Terror nahezu unzerstört. Jetzt nagt der Zahn der Zeit an dem Jugendstilgebäude. Für rund 23 Millionen Euro soll der Bau nun saniert werden.
Ab Oktober im JMAS
19.10.2022 | 19 Uhr | Kulturhaus Abraxas
… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Live-Hörspiel mit Andreas von Studnitz und Wolfgang Lackerschmid
25.10.2022 – 26.02.2023 | Ehemalige Synagoge Kriegshaber
Voices. Ein Mosaik ukrainisch-jüdischen Lebens. Eine Ausstellung kuratiert von Daria Reznyk und Andrii Shtestaliuk
13.11.2022 | 18 Uhr | Sensemble Theater
Lebenslinien 2.0: »Ich bin überall ein bisschen ungern«
Veranstaltung zum Gedenken an das Novemberpogrom
27.11.2022 | 15 Uhr | Festsaal der Synagoge
Benefizkonzert mit dem Duo Nefesh zugunsten der ukrainisch-jüdischen Flüchtlinge in unserer IKG
7.12.2022 | 18:30 Uhr | Festsaal der Synagoge
In vino veritas? Koschere Weinprobe