Die unendliche Nabelschnur
Viel Organisches im Minimalismus zeigt die Werkschau dreier Künstlerinnen in Halle 1 im Glaspalast
Der menschliche Körper hat in der zeitgenössischen Kunst seit den 1960er-Jahren viel mitmachen müssen: Beschmiert mit allerlei Substanzen, gequält, geschunden, entstellt oder modifiziert von Künstler*innen wie Günter Brus, Stelarc, Marina Abramovic oder den Brüdern Jake & Dinos Chapman wurde dem Kunstpublikum des späten 20. Jahrhunderts viel Ekliges oder Schmerzhaftes rund um die menschliche Physis zugemutet.
2024 sieht die Sache etwas anders aus: Sehr reduziert, sehr behutsam, fast vorsichtig nähern sich die drei Künstlerinnen Mariella Kerscher, Nina Radelfahr und Marie Madlen Weber in ihrer Gemeinschaftsausstellung »Flut« in der Halle 1 im Glaspalast an das Thema Mensch und Körper an. Es ist teilweise auf Grund der Abstraktion kaum zu erkennen, dass hier Bezug auf menschliche Körperteile genommen wird. Doch Titel wie »Placenta« (Kerscher) oder »Hautmuschel« (Radelfahr) lassen bald ahnen, dass man eine Art stark codierten naturkundlichen Pfades betreten hat, in dem auch Algen und Tiefseefische auftauchen. Besonders Kerscher experimentiert mit dem »Material« an sich. In ihre mal poetische, mal harsche Kunst fließt Muttermilch unter dem Mikroskop (Videoinstallation »N1«) ebenso ein wie aus Keramik nachgebildete Nabelschnüre, kunstvoll zum Ornament angeordnet. Marie Madlen Webers schlicht »Wandbehänge« genannten Mixed-Media-Skulpturen wirken besonders in diesem Kontext auch organischer, als es zunächst den Anschein hat.
Der voraussichtlich letzte kuratorische Wurf von Thomas Elsen, der den Stab bei den Kunstsammlungen und Museen Augsburg im Okober an Jan Wilms abgeben wird, ist noch einmal eine Schau, die sich nach anfänglichem Eindruck der Kargheit sehr komplex entfaltet. »Flut« ist noch bis zum 13. Oktober zu sehen.
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