Uns fehlt es an personellen und finanziellen Ressourcen
Die Kunstsammlungen und Museen Augsburg legten für 2022 eine hervorragende Bilanz vor und starten erwartungsvoll in das Jubiläumsjahr mit Brecht und Holl. Trotzdem plagen die bedeutendste Augsburger Kultureinrichtung Personal- und Etatsorgen. Ein Interview mit dem Leiter Dr. Christof Trepesch.
a3kultur: 2023 ist in Augsburg das Jahr der Jubiläen. Am 10. Februar wäre Bertolt Brecht 125 Jahre alt geworden. Am 28. Februar feiern wir den 450. Geburtstag des wichtigsten Baumeisters unserer Stadt. Was können wir von Holl heute lernen?
Dr. Christof Trepesch: Er hat die alte Reichsstadt Augsburg ganz wesentlich geformt. Seine meisterlichen Bauwerke haben aus unserer heutigen Sicht eine sehr lange Halbwertszeit. Sie stehen noch heute, nach über vierhundert Jahren, da sie solide gebaut worden sind. Wenn wir die heutige Architektur zum Vergleich nehmen, kommen wir auf eine Halbwertszeit von gerade einmal vierzig Jahren. Von Elias Holl kann man nachhaltiges Bauen lernen.
Wie bereitet sich ein Haus wie Ihres auf so ein Jubiläum vor?
Zuallererst einmal mit einer großen Ausstellung. Dr. Christoph Emmendörffer, der Leiter des Maximilianmuseums, ist hier federführend und wird die Öffentlichkeit auch mit zahlreichen neuen Erkenntnissen überraschen. Er ist schon seit über zwei Jahren damit beschäftigt, diese Ausstellung zu denken, vorzubereiten und umzusetzen. Das wird für die Kunstsammlungen ein bedeutendes Ausstellungsereignis werden.
Welche Erwartungen gehen damit einher – aus Sicht der Politik, der Kulturverwaltung und aus Ihrem Haus?
Die Sichtbarkeit von Kultur ist wohl der wichtigste Moment für die Kulturstadt Augsburg. Durch den Stadtbaumeister Elias Holl kann der Stadtraum besser und klarer als ein Raum der Kultur wahrgenommen werden. Seine Bauwerke haben zudem eine beachtliche internationale Bedeutung. Sie sind aufgrund ihrer künstlerischen Gestalt und Funktionalität herausragend. Das zu erkennen, herauszuarbeiten und zu vermitteln ist eines unserer Anliegen.
Wie gesagt, 2023 ist das Jahr der Jubiläen. Vor Holl kommt im Veranstaltungskalender Brecht. Bei Ihnen läuft von März an eine Ausstellung über Brechts Freund und Wegbegleiter Caspar Neher in Kooperation mit der Brecht-Forschungsstätte der Stadt Augsburg. Wie funktioniert so eine Verzahnung?
Die Kunstsammlungen verwahren einen sehr schönen Bestand an Neherzeichnungen, die nun gemeinsam mit Dokumenten aus der Zeit in unserem Grafischen Kabinett präsentiert werden. Prof. Dr. Jürgen Hillesheim, der Leiter der Brecht-Forschungsstätte, hat für uns das Ausstellungskonzept entwickelt. Er ist ein großer Kenner nicht nur des brechtschen Werkes, sondern auch von Brechts Jugendfreund Caspar Neher. Er hat neue Erkenntnisse zutage gefördert, die es in sich haben – insbesondere zu Nehers Tätigkeiten in den 1930er Jahren, die bisher kaum Beachtung fanden.
Sie sprechen seine NS-Gesinnung an, die ja diametral zu Brechts Position zu sehen sein könnte?
Ich weiß nicht, ob wir von Gesinnung sprechen können. Auf jeden Fall kommt er den Nazis sehr nah, indem er Bühnenbilder für Inszenierungen von NS-Literatur macht. So gesehen gibt es da zumindest eine Verbindung. Wir wollen in der Ausstellung aufzeigen, was er in diesen Jahren geschaffen hat und wie er sich nach 1945 verhält.
Ihr Haus forscht seit sehr Langem in diesem Kontext, zum Beispiel über den Bildhauer Fritz Koelle. a3kultur brachte erst einen Beitrag über den gefeierten Nazimaler Martin-Amorbach, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren im Auftrag der Stadt Augsburg die im Krieg zerstörten Ölgemälde des Goldenen Saals rekonstruiert hat. Wie muss in diesen Fällen die Kontextualisierung erfolgen?
Man muss zuerst einmal zwischen reiner Propagandakunst, bei der es um ideologische Inhalte geht, und Kunstwerken, die dem Zeitgeist folgen und handwerklich gut gemacht sind, unterscheiden. Koelle war ein guter Bildhauer, der sich aber in eine Abhängigkeit vom System gestellt hat. Das zu erläutern bedarf der Kontextualisierung. Man muss genau hinsehen – und von Fall zu Fall bewerten und entscheiden. Hierzu zählt auch die Frage der Sichtbarkeit im öffentlichen Raum. Koelles Werk hat sicherlich eine künstlerische wie auch zeithistorische Relevanz, die zu erklären wichtig ist.
Wie verhält sich das mit Martin-Amorbach?
Die Werke, auf die Sie anspielen, waren Rekonstruktionen und damit handwerkliche Arbeiten eines Künstlers, der sich in den Dienst des NS-Regimes gestellt hat. Aber es handelt sich letztlich um keine Propagandadarstellungen des Dritten Reichs. Man muss hier sauber abwägen und dabei die Informationstransparenz wahren.
Machen wir einen Schritt zur Fotokunst. 44.000 Bildplatten aus dem Fotoatelier Rößler lagern seit Jahren im Stadtarchiv. Der Fund ist bisher kaum ausgewertet. Einige Gläser haben wohl auch Bezug zur Familie Brecht. Ikonografisch bedeutsam wurden Rößlers Aufnahmen von Brecht im Ledermantel. Wäre das nicht auch eine Aufgabe für Ihr Haus, sich mit dem Fund zu beschäftigen, oder fehlt auch in diesem Fall wieder einmal ein Stadtmuseum in Augsburg?
Das stimmt beides. Es fehlt ein historisches Museum in Augsburg, das sich einer solchen Aufgabe widmen könnte. Bei den Kunstsammlungen fehlt uns aber auch die Personalkapazität, um sich um einen solchen Nachlass kümmern zu können. Wir haben von unseren geschätzten rund 100.000 Exponaten lediglich 15.000 digital erfasst. Wir stehen somit ganz am Anfang unserer wissenschaftlichen Inventarisierung, für die wir leider seit Jahren keine Mittel bekommen. In der Obhut des Stadtarchivs sind die Glasplattenvorerst gewiss gut verwahrt.
Auch beim Glasplast plagt Ihr Haus Personalnot. Mit der Halle 1 ist im letzten Jahr ein neuer Kulturort in Ihre Verantwortung gekommen. Was bedeutet das organisatorisch, budget- und personaltechnisch?
Die Halle 1 ist ein wunderbarer Raum für Kunst – so ja auch ihr Name. Sie ist eine perfekte Ergänzung zu unserem H2, dem etablierten Zentrum für Gegenwartskunst, das von Dr. Thomas Elsen bestens kuratiert wird. Um diesen neuen Ort jedoch gut bespielen zu können, fehlt es uns an personellen und finanziellen Ressourcen. Es ist unser größter Wunsch, dass hier nachgebessert wird. Das bedeutet, dass wir eine angemessene Sockelfinanzierung brauchen, um künstlerische Projekte zu entwickeln. Letztlich müsste zumindest der Wechselausstellungsetat des H2 verdoppelt werden, da wir ja auch nahezu die doppelte Ausstellungsfläche zur Verfügung haben.
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