Politik & Gesellschaft

Unser Mann in Budapest

a3kultur-Redaktion

Am 9. Dezember veröffentlichte a3kultur einen Beitrag, den wir hier, zuzüglich einiger erst jetzt vorliegender Stellungnahmen sowie Passagen aus einem älteren Interview, im Wesentlichen wiedergeben wollen.

Der Generalmusikdirektor des Staatstheaters gastiert im Februar und März 2023 an der Ungarischen Staatsoper. Das Haus wirbt seit geraumer Zeit mit dem GMD aus Augsburg. Es soll ein Spitzenevent werden. »Carmen« steht auf dem Programm, in einer Inszenierung des katalanischen Regiestars Calixto Bieito.

Die Ungarische Staatsoper gilt als einer der bevorzugten Kulturorte der Regierung Orbán. Wer hier arbeitet, genießt Privilegien. Im Gegensatz dazu geht die Zahl der ungarischen Künstler*innen, Intellektuellen und Medienschaffenden, »die in ihrer Heimat mundtot gemacht werden und ihren Job verlieren«, in die Tausende, wie die NGO Aid for Artists in Exile auf ihrer Homepage schreibt.

Wie bewertet das Staatstheater das Engagement Hejás an Orbáns Staatsoper?

Schon aus diesem Grund stellt sich die Frage, wie das Staatstheater Augsburg dieses Engagement seines Publikumslieblings Domonkos Héja bewertet. Unsere Anfragen gingen u.a. an den Intendanten­ André Bücker und den Stiftungsrat des Hauses. Hier einige Stellungnahmen:

Jürgen Enninger, Kulturreferent der Stadt Augsburg und Mitglied des Staatstheater-Stiftungsrats, teilte im Rahmen eines Telefonats mit, dass er sich zu diesem Thema nicht äußern möchte. (9. Dezember – angefragt 7. Dezember)   

André Bücker, Intendant des Staatstheaters Augsburg (15. Dezember – angefragt 7. Dezember)
Der seit dem Jahr 2015 laufende Vertrag von Domonkos Héja als Gene­ralmusikdirektor der Stadt Augsburg beinhaltet die Option, auch an anderen Häusern zu gastieren, wovon Herr Héja seit Vertragsbeginn verschiedentlich Gebrauch gemacht hat. Auch sein Gastdirigat an der Ungarischen Staatsoper in Budapest im Jahr 2023 findet in diesem Rahmen statt.  

Domonkos Héja, Generalmusikdirektor (15. Dezember – nicht angefragt)
Der Artikel »Unser Mann in Budapest« von a3kultur stimmt mich zutiefst traurig. Selbstverständlich kann jeder seine politische Meinung über die Regierung Ungarns äußern. Aber dass dies mit meiner Person als Generalmusikdirektor des Staatstheaters Augsburg in Verbindung gebracht wird, erschüttert mich zutiefst.Ich lebe und arbeite seit vielen Jahren in Deutschland, seit 2015 in Augsburg in meiner jetzigen Position hier am Staatstheater. Dass ich meine Heimat 2015 ganz verlassen und meinen Lebensmittelpunkt in Deutschland gesucht habe, hat mit politischen Entscheidungen in Ungarn zu tun. Dennoch bin ich mit meiner ungarischen Heimat verbunden. Ein Teil meiner Familie lebt dort und vor allem auch ein Teil »meines« Publikums. Und das ist auch der Grund, warum ich von Zeit zu Zeit in Ungarn dirigiere.Gerade in diesen schwierigen Zeiten, die Europa durchlebt, sind es doch diese Momente des gemein­samen künstlerischen, musikalischen Erlebens, die so wichtig für uns alle sind – auch für die Menschen in Ungarn.

Die Pressestelle des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst hat auf unsere Anfrage (14. Dezember) noch nicht reagiert.

Ein prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde Augsburg, das aus verständlichen Gründen ungenannt bleiben möchte, bewertet das Budapest-Engagement des GMD als »recht kritisch«.

Domonkos Héja, 1974 in der ungarischen Hauptstadt geboren, macht aus seiner Haltung zur Politik keinen Hehl. Im Interview mit a3kultur äußerte er sich schon zu Beginn seiner Zeit als GMD in Augsburg wie folgt:

a3kultur: Wie erleben Sie als Künstler die Repressionen der Regierung Orbán gegenüber Andersdenkenden? Oder anders gefragt, inwieweit hat die politische Situation in Ungarn während der letzten Jahre Ihre Art zu denken und zu arbeiten beeinflusst?

Domonkos Héja:
Ich mache Musik. Meine Arbeit darf von der Politik nicht beeinflusst werden. Wenn ich eine Sinfonie von Brahms dirigiere, ist es mir völlig egal, welche Regierung gerade an der Macht ist und wie die politische Lage aussieht. Was ich persönlich allerdings sehr schade finde, ist, dass viele Künstler in diesem politischen Zusammenhang nicht nach Ungarn kommen wollen oder aus dem Land ausreisen. Das Publikum will Musik hören und leidet unter dem Verzicht, die großen Künstler live erleben zu dürfen.

Für andere Kulturschaffende, wie Katalin Simon, ist die Frage nach der politischen Lage in Ungarn nicht egal. Die ehemalige Hauptkuratorin am Ludwig-Museum für zeitgenössische Kunst in Budapest bezog in der Berliner Morgenpost dazu eindeutig Position: »Wir erlebten in Ungarn immer weniger Freiheit, wir hatten immer weniger Luft zum Atmen.« »Man kann sich in Ungarn nicht mehr frei äußern und Kritik üben« ist der Tenor, den zahlreiche Ungar*innen anstimmen, die wegen  Orbáns Politik das Land verlassen mussten.

Vielleicht sollte Domonkos Héja seine Erschütterung darüber, dass sein Engagement an der Ungarischen Staatsoper mit seiner Leitungs­position am Staatstheater in Verbindung gebracht wird, einmal mit Vertreter*innen von Aid for Artists in Exile oder dem ungarischen Theaterregisseur Árpád Schilling diskutieren. Dieser wurde wegen seiner Arbeit in Ungarn zum potenziellen Vorberei­ter staatsfeindlicher Aktivitäten erklärt, wie nicht nur im österreichischen Standard zu lesen war.

Um es noch einmal deutlich zu sagen. Es geht in dieser Diskussion nicht um die künstlerische Arbeit des GMD an der Staatsoper Budapest. Das Engagement könnte für die Demokratiebewegung in Ungarn sogar von Vorteil sein, sofern Héja mit seiner Präsenz und Prominenz ein Zeichen gegen das Unterdrückungssystem Orbán setzen und sich damit klar gegen die antisemitische Hetze, homophobe Stimmungs­mache und gegen den Druck auf ungarische Künstler*innen, Intellektuelle und Medienschaffende aussprechen würde.

Auch Brüssel hat das Thema Ungarn seit Jahren auf der Agenda. Gegenwärtig hält die EU Förderzahlungen in Milliardenhöhe zurück. Der Grund: fehlende Transparenz bei der Mittelvergabe, Korruption, Nepotismus.

Neben ihrer kremlfreundlichen Politik gerät die ungarische Regierung auch wegen ihrer antisemitischen Kampagnen regelmäßig in die Kritik. Ziel der Hetze ist insbesondere der aus Ungarn stammende US-Finanzier und Philanthrop George Soros. Mit den Open Society Foundations unterstützt er unter anderem NGOs für Menschenrechte, Bildungseinrichtungen und Bürgerrechtsorganisationen. Das Budapester Büro musste die Organisation 2018 aufgrund der »repressiven Politik der Regierung« schließen, wie es damals im Spiegel hieß, und nach Berlin verlagern.  

Wie sich das Engagement des Augsburger GMD an der Staatsoper in Budapest mit den Positionen des Staatstheaters vereinbaren lässt, bleibt nach wie vor offen. Wer sich, wie Intendant André Bücker, bei seiner Arbeit Begriffen wie Freiheit, Diversität und Nachhaltigkeit verpflichtet, sollte auch auf die Frage, wie sein Haus Héjas Arbeit für Orbáns Staats­oper bewertet, eine Antwort parat haben und sich nicht hinter Vertragsfloskeln verschanzen.
 

Wer mehr über das System Orbán erfahren möchte, dem sei die Doku »Hallo Diktator« em­pfohlen, derzeit abrufbar in der Arte-Mediathek.  Ebenso lesenswert: die Berichte über Orbáns Rede im Sommer 2022 im rumänischen Băile Tuşnad, zu finden auf der Homepage der Frankfurter Rundschau.

 

Das Staatstheater Augsburg hat die a3kultur-Redaktion darum gebeten, das Foto von Domonkos Héja, mit dem wir den Beitrag ursprünglich bebildert hatten, offline zu nehmen. Wir kommen diesem Wunsch nach.

Wir hatten die Aufnahme des Theaters Augsburg 2015 im Kontext eines Interviews mit dem Künstler verwendet, aus dem wir in diesem Beitrag zitieren. Die Aufnahme zeigt den GMD in schwarzem Pullover vor schwarzem Hintergrund. Sein Gesicht sticht hell hervor. Das Motiv erinnert an Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den 30er Jahren. Er hält den Zeigefinger der linken Hand vor den Mund. Die Lippen sind gespitzt. Wir kennen diese Geste. Sie will sagen: Psssst, Ruhe, nicht sprechen.

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