Ausstellungen & Kunstprojekte
Politik & Gesellschaft

Unsere kulturelle Infrastruktur bröckelt

a3kultur-Redaktion

Das Beispiel Kunstsammlungen & Museen Augsburg macht deutlich, wie abhängig unsere Kultureinrichtungen von der öffentlichen Hand sind, wenn sie mit guten Programmen auch gute Ergebnisse erzielen wollen. Ein Kommentar

Die Kunstsammlungen & Museen Augsburg sind mit rund 130 Mitarbeitenden an elf Kulturorten der zweitgrößte kommunale Museumsverband in Bayern. Mitte Januar präsentierte Christof Trepesch, seit nun zwanzig Jahren Leiter der Einrichtungen, gemeinsam mit dem Augsburger Kulturreferenten Jürgen Enninger die geplanten Projekte für das noch junge Jahr. 

Vor dem Blick in die nähere Zukunft wurden im Café des Schaezlerpalais die Zahlen des letzten Jahres präsentiert: Knapp eine Viertelmillion Menschen besuchten 2023 die städtischen Kunstsammlungen und Museen. Das ist erst einmal eine erfreulich steigende Tendenz nach den Stillständen in den zurückliegenden Coronajahren. 

Dennoch, die Besucherzahlen könnten besser sein und längst wieder in den Bereichen von 300.000 plus x wie vor der Pandemie liegen. Zahlen allein geben natürlich keine belastbare Auskunft über die Qualität der geleisteten Arbeit, die sich bei den KSMA im Schwerpunkt über die gezeigten Ausstellungen definiert. Sie sind dennoch ein Indikator für die gesellschaftliche Akzeptanz der präsentierten Themen in Form und Inhalt und die bestimmende Währung in der öffentlichen Wahrnehmung der Häuser. Es ist also geboten, sie einer Analyse zu unterziehen. 

Die Kunstsammlungen & Museen Augsburg scheuen kritische Betrachtung nicht 

Die Kunstsammlungen & Museen Augsburg scheuen diese kritische Betrachtung nicht. Gleich zu Beginn ihrer Jahresbilanz 2023 erklärten sie die Besucherzahlen ihrer zentralen Schau des letzten Jahres »Meister Werk Stadt« zum 500. Geburtstag des Baumeisters Elias Holl als »hinter den Erwartungen zurückgeblieben«. So viel Transparenz in Verbindung mit selbstkritischer Analyse würde man sich zuweilen auch von anderen Stellen in Verwaltung und Politik wünschen.

Ein Hauptproblem, mit dem die städtischen Kultursammlungen zu kämpfen haben, ist die bröckelnde kulturelle Infrastruktur, die in Augsburg aller Orten zu spüren ist und Kulturorte in Teilen oder im Ganzen ihrer Bestimmung beraubt. Gegenwärtig finden wir im Zentrum der Stadt mehr geschlossene als funktionsfähige Kulturorte. Der Grund dafür ist die angespannte Haushaltslage, in die unsere Stadt von diversen Stadtführungen manövriert wurde. Schon über Jahrzehnte fließen Millionen über Millionen in umstrittene Bauvorhaben, die alle Etat- und Terminvorgaben ignorierend vor sich hin irrlichtern. Das gern bemühte Narrativ der armen Stadt zieht hier nicht. Die Schieflagen sind weitgehend hausgemacht. Dieses Augsburger Verfahren korrespondiert mit einem fahrlässigen Umgang mit stadteigenen Immobilien und Grundstücken, die über Jahrzehnte hinweg im großen Stil verscherbelt und verjuxt wurden. Die Folgen dieser Politik haben unter anderem Einrichtungen wie die städtischen Kunstsammlungen auszubaden. So fehlt in der Römerstadt Augsburg seit ewigen Zeiten das Museum zum Thema. Ein Zustand, dessen Auswirkung auf mögliche Besucherzahlen sich kaum bemessen lässt. 

Im Glaspalast, dem neu ausgerufenen Cluster unserer Region für Gegenwartskunst, ignoriert die Stadt jeden zeitgemäßen Standard bezüglich Shop, Orientierung, Gastronomie. Auch das ist ein Manko, das sich negativ auf den Ticketverkauf auswirkt, aber auch Wirkung auf die Attraktivität der Programme ausüben kann. Nicht alle potenziellen Partner sind bereit, über die infrastrukturellen Schwächen des Hauses hinwegzusehen. Diese Mankos korrespondieren mit einem fehlenden Einkaufsetat für die Kunstsammlungen und Museen, unzureichender personeller Besetzung und bescheidenen Marketingetats. 

Dürer, Cranach, Holbein ungesehen. Ein Debakel. 

Besonders bitter wird sich das städtische Unvermögen, die eigenen Kulturorte bespielbar zu halten, auf die zentrale Schau des Jahres anlässlich des 500. Todestages des hier geborenen Malergenies Hans Holbein d.Ä. niederschlagen. Diese wird wohl weitgehend ohne die wertvollsten Arbeiten, die Augsburg zum Thema aufzubieten hätte, stattfinden. Diese hängen als Teil der Außenstelle der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in der ehemaligen Katharinenkirche. Einem städtischen Kulturort, dessen Zugang über das ebenfalls städtische Schaezlerpalais erfolgt. Seit bald zwei Jahren bleibt dieser den Besuchenden wegen statischer Probleme jedoch verwehrt. Dürer, Cranach, Holbein ungesehen. Ein Debakel. 

Die unter dem Titel »Der ältere Holbein. Augsburg an der Schwelle zur europäischen Kulturmetropole« firmierende Schau wird trotz alledem erblühen – Augsburg jedoch an seinem vor 500 Jahren eingenommenen Schwellenplatz zur Kulturmetropole stecken bleiben. 

Kulturelle Bildung ist ein wesentlicher Baustein unserer Identität 

Vor diesem Hintergrund sind die Jahresergebnisse 2023 der Kunstsammlungen & Museen Augsburg umso erstaunlicher und dürfen getrost als Erfolg verbucht werden. Dieser hat ja bekanntlich viele Mütter und Väter. In diesem Fall jedoch vor allem ein Gesicht: nämlich das von Christof Trepesch, den Leiter des Hauses. In den letzten Jahren akquirierte er Sponsorenmittel für Ausstellungen und Projekte jeweils zwischen 150.000 und 500.000 Euro – per anno, versteht sich. Hinzu kamen mehr als vier Millionen Euro für diverse Erwerbungen aus unterschiedlichsten Töpfen. So konnten wertvolle Holbein-Zeichnungen und Putten aus der Fuggerkapelle für die Sammlungen gesichert werden. Auch aus diesen Gründen wurde dem Museumsmann im letzten Jahr der Kreativpreis vom Bund der Steuerzahler in Bayern verliehen. In einem Interview mit dessen Verbandsorgan äußerte sich Trepesch wie folgt: »Museumsarbeit hat drei Säulen: einmal das Sammeln und Bewahren, dann das Erforschen und Präsentieren und schließlich das Vermitteln. Waren früher die Schwerpunkte der Museumsarbeit mehr im Sammel- und Forschungssektor angesiedelt, so ist in den letzten Jahrzehnten der Aspekt des Präsentierens und Vermittelns immer wichtiger geworden: Denn kulturelle Bildung ist ein wesentlicher Baustein unserer Identität.« Mehr gibt es dazu derzeit kaum zu sagen.

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