Unter Kastanien, unter Leuten

a3kultur-Redaktion

Arno Loeb wirft (s)einen Blick auf die Biergartenkultur: einen Genußort, der soziokulturelle Drehschreibe, humanes Sittenbild und gleichzeitig Entspannungs-Point im Grünen ist.

Zu den friedlichsten Orten gehört der Biergarten. Hier trinken wir vielleicht gar kein Bier, sondern lieber Wein, vielleicht Mineralwasser, eine Limo oder eine Saftschorle, oder gar ein Schnäpschen und diskutieren vielleicht mehr oder weniger heftig darüber, was einen echten Biergarten ausmacht. Ist das nur einer, in den man seine eigene Brotzeit mitbringen darf? Darf es da Selbstbedienung geben? Klar, ein Wirt, der ums Überleben kämpft, der bekommt natürlich einen dicken Hals, wenn die Leute am Tisch ihre Futtersachen auspacken und sein köstlicher Brotzeitteller verschmäht wird. In einem großen Biergarten, der super läuft, ist das kein Problem. Natürlich ist es schöner, wenn eine Bedienung das Essen und die Getränke an die Tische bringt. Aber immer mehr Biergärten gehen zur Selbstbedienung über. Ich finde, ideal ist es, wenn es beide Formen gibt, Selbstbedienung (SB) und Service. Allerdings sollten dann die SB-Preise niedriger sein, wenn ich schon die Arbeit der Bedienung selbst erledige.

Manchmal liegen die Biergärten an einer Straße, an einem Fluss, an einem See, oder mitten zwischen Häusern an einem Marktplatz, in efeuverzierten Innenhöfen, sie gehören zu Klöstern, zu Schlössern und Burgen, oder sind versteckt hinter Mauern. Manchmal sind sie ein Geheimtipp, meistens aber bekannte Pilgertreffpunkte für Relax-Wallfahrer. Fragʼ einen Einheimischen danach!

Philosophen und Wadlstrümpfe

Doch Jede und Jeder hat seinen speziellen »schönsten Biergarten«. Soziologisch ausgedrückt haben Biergärten eine wichtige soziale und kommunikative Funktion. Sie sind damit gemeinwohlfördernd, wobei wir den Genussfaktor durchaus in den Vordergrund stellen sollten. Geradezu eine Pflicht ist es für Biergarten-Gäste, zu philosophieren. Über Gott und die Welt. Ich warte zwar noch auf einen Biergarten, in dem ein Kant, ein Hegel oder ein Nietzsche sitzt und mit mir die wichtigsten Dinge des Lebens durchkaut. Wenigstens als lebensgroße Puppe, wie in einem Wiener Café der österreichische Kaffeehaus-Poet Peter Altenberg. Von mir aus könnte es auch eine Puppe des bayerischen Autors Oskar Maria Graf in der Lederhose mit Wadlstrümpfen und Haferlschuhe sein. Auch wenn es noch nicht Mode geworden ist, mit der bayerischen Tracht angetan den Biergarten aufzusuchen, wie bei den bayerischen Volksfesten, wo das schon fast zur Uniform wurde. Sicherlich hat Oskar Maria Graf die eine oder andere schlüpfrige Geschichte für seinen deftig-erotischen Bestseller »Das bayrische Dekameron« im Biergarten gehört. Diese spitzbübischen, boshaften, urwüchsigen und frivolen Storys von schamlosen Weibern und gehörnten Ehemännern lassen sich bei einer schäumenden Maß Bier besonders gut erzählen und anhören.
Im Biergarten werden Nachrichten, Meinungen und Geschichten ausgetauscht. Schließlich ist ein Biergarten kein Schnellimbiss, sondern hier sitzt der Gast oft stundenlang, wenn das Wetter mitmacht. Und selbst ein kleiner Regenschauer kann uns nicht aus dem Paradies der Bayern vertreiben. Unter dichten Kastanienblättern kann ein kurzes Unwetter trocken überstanden werden.

Entspannungs-Points mit Grün

Wurden in den 1970ern die Biergärten immer mehr als Parkplätze für Autos missbraucht, hat vor einigen Jahren das Revival der Biergärten begonnen. Jetzt werden sie wieder zu den himmlischen Plätzen, Paradiesen, Oasen und Nirvanas erklärt und auch gemacht. Die neuen Biergarten-Wirte legen viel Wert auf eine gute und schöne Ausstattung ihrer Entspannungs-Points. Blicken wir in einem Biergarten in den Himmel, ist es meistens das fingerartige Laub von Kastanien, das ihr Grün in den blauen Himmel mit den weißen Wolken streckt. Wir haben sehr klischeehafte Vorstellungen von einem Biergarten. Ich auch. Stehen da nur Birken, Pappeln oder Weiden drin, ist es für mich kein uriger Biergarten.

Die Kastanie ist der absolute Biergarten-Baum. Warum? Wirft er doch seine Blüten, Blätter und Kastanien ungefragt ins Bierglas. Als in Bayern die Biergärten aufkamen wurden sie oft über einem Lagerkeller für Bier angepflanzt. Der Kastanienbaum wächst schnell, hat ein flaches Wurzelwerk, das den Keller darunter nicht zerstört und gibt im Sommer mit seinen großen Blättern besten Schatten bei heißen Sonnenstrahlen. Wie kamʼs dazu? Vor einigen Jahrhunderten wurden das Brauen im Sommer verboten, da die angeheizten Sudkessel stets für verheerende Brände sorgten. Die schlauen Brauer produzierten darum lagerfähiges Bier, das sie im Keller mit Eis bis zum Herbst  genießbar hielten, oder über dem Keller mit aufgestellten Bänken und Tischen ans durstige Volk verdealten. Und weil das bayerische Volk nicht unbedingt als Anbeterschaft des Sonnengotts gilt, wurden  die Kastanienbäume als Schattenspender angebaut.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir vor vielen Jahren das Augsburger Stadtmagazin »Lueginsland« aus der Taufe hoben. Wir suchten fürs erste Heft, das im Sommer erscheinen sollte, einen Verkaufsknüller. Wir kamen auf den »Ersten Augsburger Biergartenplan«. Mit einer Doppelseite druckten wir einen Plan ab, der nicht nur die Lage der Biergärten in Augsburg zeigte, sondern auch die Öffnungszeiten, den Ruhetag, den Bierpreis und wie viele und welche Bäume im Garten standen. Mancher Biergarten-Betreiber musste in seinen Garten sausen und die Bäume zählen, wenn wir bei ihm anriefen. Viele Lokale wollten rein in unseren Biergartenplan. Allerdings verwechselten viele Lokal-Besitzer ihre Terrasse oder den Gehweg vor ihrer Kneipe mit einem richtigen Garten. Wo kein Baum, da ist auch kein richtiger Biergarten. Mit diesem einmaligen Biergartenplan war unser erstes Heft schnell ausverkauft.

Presssack, Taco, Pizza

Darf sich der Garten eines italienischen, türkischen, asiatischen oder mexikanischen Restaurants Biergarten nennen? Auch so eine Streitfrage. Taco, Pizza, Sushi statt Wurstsalat oder Presssack mit Brezen? Dürfen nur Gasthäuser mit regionalen Speisen und Getränken sich als Inhaber eines original Biergarten rühmen? Das sind durchaus Themen, die in einem Biergarten diskutiert werden können. Kaum ein Ort eignet sich so gut zum Austausch von Meinungen wie der Biergarten. Hier sind wir entspannt. Hier sind wir tolerant. Hier hören wir uns alles an. Besonders gut gefällt es uns, wenn im Biergarten ab und zu vorgelesen und musiziert wird. Eine Veranstaltung wie »Literatur im Biergarten« geht in Augsburg schon seit 30 Jahren über die Bühne.

Bis jetzt habe ich nichts von großem Ärger in Biergärten gelesen, geschweige denn von Mord und Totschlag. Abgesehen davon, dass lautstark für längere Öffnungszeiten für Biergärten demon­striert wird. In meinem Garski-Krimi »Das Fugger­ei-Phantom« kommt es schon mal zum Zoff unter Freunden in einem Biergarten an der Wertach. Es geht nicht um ein großes Verbrechen, sondern darum, welches Bier aus welcher Brauerei besser schmeckt. Ja, das ist eine ewige Streitfrage unter Biergenießern im Biergarten. Selten ist es eine Streitfrage, welcher Biergarten der schönste ist: immer der, in dem wir gerade unter schattigen Kastanien sitzen und in geselliger Runde eine herrliche Brotzeit mit einem frischen Getränk genießen.

Arno Loeb

Kulturmacher, Veranstalter­legende, Mediengründer, Krimi-Autor (aka Peter Garski), Roy-Black-Musical Librettist und geliebtes kulturelles Enfant terrible. Der Lexika-Herausgeber (unter anderem ein Nachschlagewerk zu Vampiren) und Literaturagent prägte die literarische Matrix der Stadt Augsburg als Festivalveranstalter und zum Beispiel durch die bis heute bestehenden Reihe »Literatur im Biergarten«. Als hochl(o)ebendigstes Beispiel einer Kult- und Kulturpersona extraordinaire ist er außerdem Kopf der Punkband Impotenz und Betreiber der Augsburger Skandalzeitung. Und Biergärten mag er auch.

www.augsburger-skandal-zeitung.blogspot.com