Politik & Gesellschaft
Workshop

Verabredung zum Kaffee

Wie kann sich die Museumslandschaft untereinander und mit der Bevölkerung vernetzen? Wie können Fördervereine und Freundeskreise junge Mitglieder werben und gemeinsame Veranstaltungen auf die Beine stellen? Expert*innen berichten beim Kultursalon Schwaben.

»Gute Impulse« wünscht Kultursalon-Organisator Jürgen Kannler den gut 20 Teilnehmer*innen des Panels II unter dem Motto »Nachbarschaftspflege – Netzwerkarbeit in schwäbischen Museen« an diesem sonnigen Morgen am Tag 2 des Kultursalons, mit Aussicht auf in die Stadtbücherei eilende Bücherfreund*innen, Familien auf dem Vorplatz und geschäftigem Treiben rund um den Stadtmarkt. 

Der erste Impulsgeber des Tages ist Dr. Aron Weigl von Educult, einem Wiener Beratungsunternehmen für Kultur- und Bildungseinrichtungen. Er schickt voraus, dass Kontakte nicht automatisch gleichbedeutend mit Netzwerken sind. Letztere müssen eine sinnvolle Maschenstruktur haben, in der alle miteinander verbunden sind, rhizomatisch, ohne Hierarchien oder unsinnige Doppelungen. Kooperation und Koordination sind hier die Zauberwörter. Opportunismus, Rivalitäten und mangelndes Vertrauen untereinander bremsen die Netzwerke, und zwar umso mehr, je mehr Ähnlichkeiten die Beteiligten aufweisen. Seine Beobachtung: Je deutlicher die eigenen Alleinstellungsmerkmale, desto besser kann man mit anderen zusammenarbeiten. Man muss also erst einmal bei sich selbst und seinem Kulturort anfangen. 

Dr. Karl Borromäus Murr hat sich die Suche nach solchen Ausnahmeorten zur (ehrenamtlichen!) Aufgabe gemacht: Er spricht heute weniger in der Funktion als Museumsleiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg (tim), als vielmehr in der des Vorstandsvorsitzenden der European Museum Academy. In seiner Freizeit reist er quer durch Europa und trifft sich mit seinen 40 Korrespondenten, um herausragende Museumsprojekte, z.B. im schottischen Glasgow oder im italienischen Trient aufzuspüren und mit Preisen zu prämieren. Dabei kommt schon auch einmal ein artist-in-residence-Projekt heraus, wie 2018 in Augsburg (a3kultur berichtete). 

Wiebke Schreier vom Fugger und Welser Erlebnismuseum stellt die Aktionen ihres vergleichsweise kleinen Hauses vor, das sich schon qua seiner Grundthematik mit Netzwerken, Globalisierung und Herrschaftsinteressen auseinandersetzen muss: Die im Museum wieder zum Leben erweckte Kolonialzeit mit den Fuggern und Welsern als zentralen Figuren ist ein heißes Eisen. Nicht jedem Menschen hier in dieser Stadt des 21. Jahrhunderts mit ihrem hohen Migrationsanteil behagt, was da zu sehen ist und wie es – trotz aller Bemühungen, hier den Zeitgeist einzufangen – präsentiert ist. Modifikationen wie Leonie Pichlers guerillaartig eingefügte, korrigierende Textfetzen finden aber wiederum auch nicht nur Zuspruch und werden zuweilen von erbosten Museumsbesucher*innen wieder heruntergerissen. Wiebke Schreier freut’s – handelt es sich doch um eine Interaktion zwischen Museum, Publikum und Künstler*innen, die, ebenso wie ein Gästebuch, die Meinungen und Wahrnehmung der verschiedenen Menschen in Bezug auf die Ausstellungen widerspiegelt.

»Die Arbeit am Büffet ist Kern unserer Aufgaben«

Christoph Lang, Bezirksheimatpfleger im Bezirk Schwaben, kennt sie alle: z.B. die Ehrenamtlichen, die im Weberei- und Heimatmuseum Ziemetshausen Handwerksvorführungen gestalten, Essen und Trinken ausgeben und so das Museum einmal im Monat zum Treff für den ganzen Ort machen, dessen Bewohner*innen sich mit »ihrem« Museum identifizieren. 
»Die Arbeit am Büffet ist Kern unserer Aufgaben«, fasst er seine Auffassung von Netzwerken zwischen Kulturorten und Bevölkerung zusammen. 

Aber Lang kennt auch sie: zaghafte Museumsleiter*innen, die Angst haben, dass man in München von ihnen Wind bekommen könnte, wodurch sie unter Fremdkontrolle geraten könnten und daher lieber isoliert und unter dem Radar bleiben. 

Lang will solche Vorbehalte abbauen. Er sieht sich als Berater für die Museen und hat hier durchaus konkrete Pläne: Im Juli 2024 soll, nach dem Vorbild des Bayerischem Museumtags, der alle zwei Jahre zusammenkommt, ein Schwäbischer Museumstag auf Bezirksebene erstmals und dann mit diesem im Wechsel stattfinden. Gastgeber soll hierbei das tim sein.

Lang räumt ein – und fast schmerzt es, dies ausgerechnet aus dem Munde des quirligen Schwaben zu hören – dass es natürlich auch immer wieder Versuche gab und gibt, Netzwerke zu generieren, die trotz allen Engagements sanft wieder einschlafen. Vielleicht ist auch nicht jedes Netzwerk per se sinnvoll.

Gar nicht eingeschlafen wirkt, was Jenny Sixt aus der Landeshauptstadt zu berichten hat. Mit Begeisterung stellt sie das Kunstareal München vor, das rund um die Pinakotheken eine Zahl von weiteren 50 kulturellen Institutionen einschließt, und an dem vielleicht nicht ganz die 16.000 in Freundeskreisen und Fördervereinen organisierten Bürger*innen mitwirken, die Sixts eigenes Projekt, die Initiative Kulturzukunft Bayern erreicht, aber die Zahl dürfte in die Tausende gehen. Dass hier nicht jeder jeden kennt, ist klar, aber man arbeitet daran: Einmal im Jahr verpflichtet sich jeder Kulturort und seine Unterstützer*innen, die anderen Vereine und Freundeskreise einzuladen. Die »Ägypter*innen« treffen Musiker*innen usw. 

Dass die Bevölkerung und die Politik dabei nicht außen vor bleiben dürfen, ist für Sixt selbstverständlich, denn diese Unterstützer*innenkreise haben ein massives Problem: die Überalterung. Es müssen also Wege gefunden werden, hier jüngere und ganz junge Leute zu einer Identifikation mit den Museen und Galerien zu bewegen und den Vereinen beizutreten. Am besten gelingt dies natürlich über Veranstaltungen.

Geburtshilfe für Fördervereine

Zum Schluss spricht dann noch Jürgen Kannler in Vertretung seines erkrankten Kompagnons Michael Bernicker selbst über sein ganz persönliches Netzwerkprojekt: Die Initiative »Kulturregion fördern«, die die beiden seit dem Jahr 2020 entwickelt haben, und die nun zur Marktreife gelangt ist, ist ein Netzwerkprojekt, das sich u.a. als »Geburtshilfestation für Fördervereine« (Zitat JK) versteht. Er bestätigt Jenny Sixts Betonung der Wichtigkeit von Fördervereinen und weiß aus seinen Streifzügen durch die lokale und regionale Kulturszene, dass diejenigen Kulturmacher*innen mit den besten Freundeskreisen auch am besten durch die Pandemiejahre gekommen sind. 
Er und Bernicker haben daher von der Bayerischen Kammerphilharmonie über den Brechtkreis bis zum Freundeskreis des tim und die Club & Kulturkommission Augsburg Treffen um Treffen veranstaltet, um alle von ihrem Konzept zu überzeugen. Mühe habe das kaum gekostet, meint Kannler. Im Grunde reiche eine halbe Stunde im Kaffeehaus, um die Zusammenarbeit in die Wege zu leiten.

Der Kaffee als Zaubertrank zur Vernetzung? Es scheint so. Denn auch Jenny Sixt bestätigt, wie einfach es sein kann: »Oft reicht eine Verabredung zu einem Kaffetrink-Date, und schon steht die Veranstaltung.«
Diese Kurzanleitung sollten sich Haupt- und Ehrenamtliche in den Museen und Kulturinstitionen getrost auf die Handfläche notieren, nicht nur in Augsburg und München, sondern überall. 

Am Samstag geht es weiter beim Kultursalon, mit einem Stadtrundgang und dem finalen Panel »Pop und Welt #2«.

www.a3kultur.de/kultursalon-schwaben

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