In »Orca« wird aus der Perspektive der Protagonistin Cora erzählt, die sich immer weiter in einem endlos wirkenden Doppelleben aus Lügen verstrickt. Die anfangs ehrgeizige Schülerin einer Eliteschule hat ein unglaubliches Bedürfnis nach Anerkennung. Die »rich kids« ihrer Schule nehmen sie nicht wirklich freundlich auf und sie landet durch ihre ehemalige Kindheitsfreundin Olympia in einer klimaaktivistischen Gruppierung, in der sich beide immer weiter radikalisieren, jedoch aus unterschiedlichem Antrieb.
Vergib mir, oder nicht.
In der Kapelle »kein roter Elefant« der Villa Schöne Felder war die skurrile und außergewöhnliche Madame Nielsen zu Gast.
Die dänische Performancekünstlerin, Sängerin und Schauspielerin hat sich neben ihren Multitalenten auch hervorragend als Autorin bewiesen.
Am 7. September brachte sie ihr neues Buch »Das Zeitgeisterhaus – eine deutsche Geschichte« mit in die Villa.
Madame Nielsen beginnt ihre »Lesung«, indem sie sich in einer Gelassenheit Perücke und ein extravagantes Jackett überzieht. Der Raum ist still und beobachtet sie mit einer Aufmerksamkeit, als hätte man Angst, irgendetwas zu verpassen, irgendetwas nicht mitzubekommen – Madame Nielsen zieht von Sekunde 1, ohne Worte, in ihren Bann.
Anschließend stellt sie sich grinsend ans Mikrofon, fragt, ob denn »alle Handys tot gemacht wurden« und beginnt ihre einzigartige One-Woman-Show in der Rolle einer Künstlerin »aus dem hohen, fremden Norden«, die in ihrer autofiktionalen Erzählung nach Deutschland eingeladen wird, um an einem »altehrwürdigen Gesamtkunsthaus« ihre Show auf die Bühne zu bringen. Was in der Geschichte als vielversprechende künstlerische Zusammenarbeit beginnt, entwickelt sich schnell zum Kulturkonflikt. Die prominente Künstlerin tut genau das, was man in diesem Land nicht tun darf – aus einer Diskussion mit dem Kostümassistenten über Wäsche waschen, Regeln befolgen und eigenständig Denken, die deutsche Spießigkeit und Bürokratie, rutscht der Künstlerin ein ironischer Hitlergruß heraus – und prompt meldet sich der gekränkte Zeitgeist zu Wort. Dieser Vorfall zieht einen komplizierten Rattenschwanz mit sich, eine Kritik an die »deutsche Ordnung«, wie sie es nennt, an einen »Spiegel unserer Zeit«, dann nochmal ein Vergleich mit dem Holocaust. Dem Publikum konnte man den inneren Zwiespalt ansehen, den Madame Nielsen mit ihrer Performance auf die Bühne der Kapelle donnert.
Nach einem kurzen, etwas irritierenden Verschwinden, kommt Madame Nielsen umgezogen, mit neuer Perücke und Sonnenbrille im Haar auf die Bühne zurück. In der Rolle des betroffenen Bühnenassistenten erzählt sie den Vorfall erneut, verleiht ihm eine Stimme und dreht damit die Perspektive der Geschichte um 180 Grad: Die Künstlerin ist auf einmal nicht mehr das falsch verstandene Opfer, in den neu verliehenen Augen des Bühnenassistenten wird sie als selbstverliebte, überhebliche »Egotripperin« dargestellt.
Am Ende der Erzählung muss sie nach diesem, und weiteren Vorfällen, das Projekt verlassen und die Zusammenarbeit wird beendet. Die »Täterin« versucht zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, und was hier – in diesem Haus, in diesem Land, in dieser Geschichte, in dieser Zeit – eigentlich vor sich geht.
Madame Nielsen schafft es mit ihrer abstrusen Performance und ebenso skurrilen musikalischen Einlagen, Gesellschaftskritik in Grauzonen-Humor zu verpacken, Tabus zu brechen und eine mehrstimmige Reflexion über machtkritische Kulturpraxis in eine Tragödie einzubetten, eine Tragödie über jene, die unbedingt das Richtige tun wollen – und gerade deshalb immer wieder das Falsche wiederholen.
Mit einer Geste zum Publikum und den Worten »Vergib mir oder nicht, das ist letzten Endes eure Entscheidung« beendete sie die Show und ließ damit das Publikum in einem Raum für Gesprächsstoff und Reflexion zurück.
Der Roman »Zeitgeisterhaus – eine deutsche Geschichte« ist bereits online oder in verschiedenen Buchhandlungen erhältlich.