Vom Leerstand zum Zentrum
Zwischen den Zeilen der Augsburger Kulturszene. Eine Position von Agatha Heinold im Gespräch mit Franziska Gänsler und Tina Lurz.
Die Kulturszene in Augsburg ist zwar nicht mit den großen Zentren wie Berlin oder München vergleichbar, aber keineswegs zu unterschätzen. Bekannte Institutionen wie die Buchhandlung am Obstmarkt veranstalten regelmäßig Events, wie beispielsweise den Literarischen Abend im Parktheater Augsburg mit Vea Kaiser am 27. Januar. Neben diesen etablierten Playern haben sich in den vergangenen Jahren auch Franziska Gänsler (Autorin) und Tina Lurz (Marketing/Veranstaltungsmanagement) als prägende Akteur*innen positioniert. Ich bat beide um ein Gespräch, um ihre Einschätzungen zur lokalen Kulturlandschaft zu erhalten.
Gänsler ist gebürtige Augsburgerin und lebte die vergangenen Jahre unter anderem in Berlin und Wien. Nun ist sie nach Augsburg zurückgekehrt und lernt die Stadt neu kennen, die sich im kulturellen Bereich doch gewandelt hat: »Es gibt viele Leute, die sehr engagiert sind und coole Sachen machen. Das Brechtfestival zum Beispiel wird weit über die Region hinaus als diverse, interessante Kulturveranstaltung wahrgenommen. Und ich war schon bei tollen Lesungen, etwa bei ›sunsets & books‹.«
Besonders hervorheben möchte sie bestimmte Akteur*innen, die ihrer Meinung nach das kulturelle Leben in Augsburg maßgeblich gestalten. Dazu zählt die Schlosser’sche Buchhandlung als Ort der Begegnung bei Lesungen und im Austausch über Literatur selbst. Auch die Augsburger Lesebühne, konkret Angela Eßer, und das Team des Literaturhauses Augsburg sind Instanzen, die wesentlich zur Erweiterung der Szene beitragen. Die Gleichstellungsstelle zählt für sie ebenso dazu, »weil die super Sachen macht, den Frauen-Stadtplan zum Beispiel oder auch den Regenbogenempfang. Und natürlich gefällt mir, dass es einen Dyke March, den CSD und mehrere queere Stammtische gibt«.
Tina Lurz’ Veranstaltungsreihe »sunsets & books«, die mittlerweile etwa ein Jahr läuft, findet sie ebenfalls wertvoll. Sie selbst war im Rahmen dessen als Autorin dabei: Dieses Jahr kollaborierten Lurz und Gänsler mit einem Panel queerer Autor*innen für eine Lesung und einen Schreibtreff. Zwar bringt Lurz mit dieser Reihe auch queere Perspektiven nach Augsburg, möchte sich jedoch nicht darauf beschränken: »Ich achte darauf, dass ich Frauen und weitere marginalisierte Menschen mit auf die Bühne hole. Ich sehe die Reihe aber nicht explizit als queer, weil ich das als nicht-queere Frau nicht unbedingt leisten kann. Aber ich versuche natürlich, die Sichtbarkeit da mitreinzubringen.«
Auch Texte, die sich mit feministischen Fragestellungen und/oder migrantischen Erfahrungen befassen, werden ins Programm aufgenommen und sind in Augsburg gefragt.
Als Zugezogene machte Lurz eine interessante Beobachtung: »Ich hab das Gefühl, die Menschen hier schauen sich das mal vorsichtig an, was man tut, sind dann aber, wenn sie es gut finden, sehr herzlich und unterstützend. Man kriegt keine Vorschusslorbeeren, aber wenn man sie für sich gewonnen hat, sind sie dabei.«
Auf die Frage, ob es in Augsburg genug Raum für gesellschaftlich-politische Diskurse gibt, bringen Gänsler und Lurz unterschiedliche und doch ergänzende Aspekte auf: »Gerade in Augsburg fand ich die Besetzung des Klimacamps am Rathaus wertvoll, wo relativ wenige Leute langfristig geschafft haben, das Thema Klima ins Zentrum der Stadt zu holen. Ich glaube allgemein, dass die Klimakrise viel sichtbarer sein muss, und das ist mir beim Schreiben auch ein Anliegen.« (Gänsler)
Lurz wirft einen weiteren Punkt auf: »Wenn es über das Soziale geht, zum Beispiel bei den Wochen gegen Rassismus, dann passiert mehr, als wenn es über den literarisch-kulturellen Aspekt geht – was ich spannend finde, weil es so sehr zusammengehört.« (Lurz)
Es kann nie divers genug sein. Das sagen Gänsler und Lurz unabhängig voneinander, und auch ich schließe mich dieser Aussage an. Augsburg hat das Potenzial, Raum für vielfältige Diskurse zu schaffen, und ist das Zuhause unzähliger kreativer Personen. Vor allem aber besteht das Interesse am Lesen, Sich-Vernetzen und daran, einen Dialog zu erschaffen, der dem demografischen Wandel der Stadt gerecht wird.
Die Nutzung von Leerständen wie im KARO [10] ist ein wertvoller Schritt, um verlassenen Räumen neues Leben einzuhauchen und unterschiedliche Stadtteile zu füllen. Was mit punktuellen Angeboten startet, verbindet sich nach einer Weile zu einem Netzwerk, das verschiedene Stimmen miteinschließt und allen die Möglichkeit gibt, das Stadtleben zu gestalten.
All das führt zum Kern von Kultur, vor allem auch der Literatur – sie verbindet. Sie hält eine Stadt, Gruppen, Individuen am Leben und spricht mit und über uns. Sie erzählt unsere Geschichten und lässt uns in unserer Menschlichkeit nicht im Stich. Unsere Aufgabe ist es dabei, das zuzulassen und weiterzutragen.