Politik & Gesellschaft

Die Wahrnehmung des Älterwerdens

Gastautor

Bei seiner jüngsten Sitzung, am Donnerstag, 18. November, hatte das Augsburger Philosophische Café das »Älter werden« zum Thema. Wie immer wurden viele Aspekte besprochen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Das Philosophische Café hält ihre Treffen immer noch digital ab. Auch hier zeigen sich den Teilnehmern die Vor- und Nachteile der Videokonferenzen: Einerseits ist es nun möglich teilzunehmen, auch wenn man sich derzeit im Ausland befindet, andererseits fehlt die Gestik, die bei Gesprächen wichtig ist.

Die Diskussion war diesmal besonders interessant, da die Teilnehmer aus allen Altersgruppen stammten: Für einige ist das Älter werden noch in weiter Ferne, andere haben bereits reichlich Erfahrung damit.

Dass ein menschlicher Organismus mit der Zeit »abnutzt«, war allen Teilnehmern bekannt. Es gibt objektive Veränderungen, die mit steigendem Alter auftreten: Man sieht und hört schlechter als früher, läuft nicht so schnell oder kann gar nicht mehr laufen. Es existiert sogar die Geriatrie – ein Medizinbereich, der sich mit der Behandlung von älteren Menschen beschäftigt. Für die älteren Teilnehmer ist dies Teil ihres täglichen Lebens, für die jüngeren aber noch eine abstrakte Vorstellung, die nicht emotional aufgeladen ist.

Bei  verschiedenen Ausstellungen wurden zahlreiche schwere Anzüge präsentiert, die es Interessierten möglich machte, zu fühlen, wie sich der Körper im Alter verhält. Diese Anzüge sind aber für gewöhnlich nicht einfach zu bekommen. Aber auch die altersbedingten Schwierigkeiten und körperlichen Grenzen treten bei den Menschen in einer ganz unterschiedlichen Intensität auf. Nicht umsonst werden ständig zahlreiche Tests vorgeschlagen, die einschätzen sollen, wie sich das kalendarische Alter vom biologischen Alter unterscheidet. Der Schwerpunkt der Diskussion des Philosophischen Cafés lag aber auf der subjektiven Wahrnehmung: Wie nimmt ein Mensch sein Alter wahr, wie verändert sich mit dem Alter seine Sicht auf sich selbst und auf das Leben.

Manchmal verändern sich die Lebensumstände schnell und drastisch, wenn zum Beispiel der Lebensgefährte oder die Lebensgefährtin stirbt oder auch mit dem Übergang in die Rente. Die Folgen des ersten Beispiels wurden in der Literatur häufig beschrieben, wie zum Beispiel in der berühmten Erzählung von Bertolt Brecht »Die unwürdige Greisin«. Auch die Folgen des zweiten Beispiels sind heute von der Wissenschaft und in der Literatur beschrieben. Menschen verlieren sprunghaft ihre gesellschaftliche Position, ihr gewöhnliches Umfeld. Als es früher noch normal war in einem Drei-Generationen-Haushalt zu leben, tauchten sie in das Familienleben ein. Heute suchen sie nach neuen Tätigkeitsfeldern: Sie engagieren sich im Ehrenamt oder besuchen Kreativkurse verschiedenster Art. Dennoch finden viele keinen Ersatz für ihren Beruf und brauchen folglich oftmals Hilfe. Die Teilnehmer interessierten sich vor allem für die schleichenden, nicht auf den ersten Blick bemerkbaren Veränderungen.

Die Wissenschaft gibt vor allem Auskunft über das subjektive Wahrnehmen. Ein wissenschaftlicher Artikel beschäftigte sich mit Auffälligkeiten bei der Nennung des Alters. Kleine Kinder zählen oftmals auch die Monate bei ihrem Alter und sagen »Ich bin schon 5 Jahre und 7 Monate alt«, um älter zu wirken. Auch bei Menschen über hundert wurde dies festgestellt: »Ich bin 102 Jahre und 5 Monate alt« wird da oftmals gesagt.

Der Artikel beschreibt, wie sich mit dem Alter die Sicht auf das, was noch bevor steht, verändert. Jüngere Menschen nehmen das Ableben ihrer Bekannten älterer Generationen als etwas Trauriges, aber Gesetzmäßiges wahr. Im fortschreitenden Alter macht das Ableben von Gleichaltrigen und das dadurch hervorgerufene Gefühl des lauernden eigenen Todes Angst.

Das Selbstwertgefühl der Menschen verändert sich ebenso mit steigendem Alter: Solange eines der eigenen Elternteile noch lebt, ist man stets auch noch Kind. Wenn aber beide Elternteile verstorben sind, macht sich das Gefühl breit, nun selbst der ältesten Generation anzugehören.

Aus der Literatur ist auch bekannt, dass das innere Wertesystem eines Menschen einmal in 7 bis 10 Jahren eine tiefgreifende Veränderung durchläuft. Frühere Begehren verlieren an Attraktivität, Ziele scheinen jetzt wertlos. Beim Erreichen von Zielen oder beim Erfüllen von Wünschen tritt das Gefühl auf: »Ja, es ist da, aber zu spät«. Man schaut zurück in die Vergangenheit und wundert sich: In diese Dummheiten habe ich so viel Zeit und Kraft investiert? Diese Veränderungen bezeichnet die Wissenschaft auch als Ursache für die sogenannte »Midlife-Crisis« – der Krise in der Mitte des Lebens.

Ich zitiere immer gerne folgende Zeilen aus »Faust«:

Ich bin zu alt, um nur zu spielen

Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

Aber wie verändern sich Bedeutungen aller Wörter dieser Zeilen mit steigendem Alter!

Die Menschen wehren sich im Inneren gegen die Summe ihrer Lebensjahre und sind verwundert, wenn ihnen im Bus ein Sitzplatz angeboten wird. Die Diskrepanz zwischen tatsächlichem und empfundenem Alter, dem eigenen Bild von sich selbst und das durch die Augen der anderen, führen zu vielen komischen Situationen.

Für eine tiefer gehende Diskussion dieser Diskrepanzen reichten die angesetzten zwei Stunden dieses Mal nicht aus und so wurde entschieden, dass sie als Teil der nächsten Sitzung zum Thema »Selbstbild versus Fremdbild« am Freitag, 17. Dezember um 19 Uhr fortgesetzt werden soll.

Falls Sie dieses Thema auch interessant finden, können Sie nach einer vorherigen Anmeldung bei Herrn Uwe Hillesheimer (pcas@hillesheimer1.de) teilnehmen.

 

 

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