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Weiten, Weiten, Weiten

STENT Moritzkirche

Auch im Juli gab es eine stattliche Anzahl Kunstaktionen im Rahmen des Vernetzungsprojekts der Moritzkirche »STENT«. Manuel Schedl und Martina Vodermayer haben sich einige davon angesehen

Kunst, Gespräche, Literatur. Die Agenda des Projekts »STENT« (benannt nach einer medizinischen Methode zur Gefäßweitung als Metapher für die Weitung der Kunst in andere Bereiche) war stattlich im sowieso schon an Veranstaltungen nicht armen Monat Juli. Wer genau hinsah, konnte das eine oder andere im öffentlichen Raum entdecken oder sich an einen der Orte im Stadtgebiet begeben, die zum Teil so abenteuerlich waren wie das, was dort stattfand.

»Von der räumlichen Dimension des Häutens« 

Die Künstlerinnen Esther Irina Pschibul und Erika Kassnel-Henneberg luden insgesamt vier Abende lang ein zur Teilhabe an ihrem analog-digitalen Experiment »Von der räumlichen Dimension des Häutens« rund um Schutzräume, Parallelwelten und Überwachung. Hautnah, anhand einer rasanten Installation aus Videoprojektionen (Kassnel-Henneberg) und echten Tierblasen (Pschibul), ließ sich hier im Werkraum E.I.P. im Domviertel erspüren, wie der Mensch jahreszeitlichen Naturgewalten begegnet, welche Schutzanzüge oder -keller wir vielleicht bald (wieder) brauchen, wo in der digitalen Welt Kipppunkte zwischen Geborgenheit, Bedrohung, sogar Ohnmacht lauern. Der Diskurs über diese wie angrenzende Themen dürfte weit über die Kunstaktion hinaus reichen. Für Pschibul und Kassnel-Henneberg, die sich über die STENT-Plattform zusammengefunden hatten, sind weitere Kooperationsprojekte vorstellbar.

»Out of the Blue«

Im Rund des Kleinen Scheibengasbehälters im Gaswerk gab es unter dem Titel »Out of the Blue« eine Mischung aus Theater, Kunstperformance und Industrial-Konzert, bei dem der mit Down-Syndrom geborene Dennis Fell-Hernandez von der Freien Bühne München eine bockstarke Performance ablieferte, so stark, dass seine Mitstreiter, der Künstler und Initiator Christoph Lammers und »SoundMann« Corbinian Meier trotz vollen Köpereinsatzes zeitweise Mühe hatten, die Aufmerksamkeit des erfreulich zahlreich erschienenen Publikums auf ihren Part zu richten, was vielleicht auch ein bisschen an den Elementen und Ausdrucksmitteln der Performance selbst lag, die zwar versuchte, »artsy« zu sein, dem Raum und der Kunst an sich allerdings wenig Neues oder Originelles hinzuzufügen vermochte. Das anschließende Künstlergespräch geriet denn auch eher zum kleinen Kennenlernspiel der Besucher*innen untereinander, statt umfassend über die Arbeit des Trios und die Entstehung des Projekts zu informieren, aber Vernetzung ist ja auch das Kernthema des ganzen STENT-Projekts.

Eine durchaus gelungene Mischung aus künstlerischem und gesellschaftlichem Anspruch ist noch bis 8. August in der Moritzkirche zu sehen: Mitten im strahlenden Weiß des Kirchenschiffs hat die Künstlerin Stefanie Kraut den Weg vom Eingang zum Christus Salvator am anderen Ende teilweise verstellt mit großen, tiefroten Blechen (Teile der Außenhülle der bis 2018 existierenden provisorischen Brechtbühne, aber das nur am Rande), welche mit weißer Schrift besprüht sind. Zwei Videoschirme zeigen Orte in Augsburg, an denen sich junge Obdachlose aufhalten. »wenn die sonne tief steht …«, eine Kooperation mit dem karitativen Verein JCube e.V., wirkt als wuchtige, farbige skulpturale Installation ebenso wie als Denkanstoß über Baupolitik und Stadtgesellschaft, über Barmherzigkeit und Menschenwürde . 

»wenn die sonne tief steht …«

Weitere Ausstellungen, Literaturabende oder Kunstexperimente fanden über die letzten Wochen verteilt im Moritzpunkt und an diversen öffentlichen Plätzen statt. Bereits seit Beginn der Veranstaltungsreihe konnte man sich z.B. am Königsplatz in »Warteschleife« begeben und im Bushäuschen von Anette Olbrich vergeblich auf einen Bus warten. Diese leicht schelmische, mit ihrem Angebot einer Auszeit am betriebsamsten Platz in der Stadt aber auch irgendwie romantische Installation wird noch bis zum 1. August stehen bleiben. Die Veranstaltungsreihe wird im August in die Zielgerade einbiegen. Das bereits begonnene Projekt von Martin Muth »Augschburg Autarque« wird am Freitag, 2. August im »Forum der Entscheidung« gipfeln (19 Uhr, Elias-Holl-Platz). Die Schlusspunkte setzen dann die Tänzerin und Performance-Künstlerin Kathrin Knöpfle sowie der Graffiti-Verein »Die Bunten« zusammen mit Pax Christi und Cypher e.V. am Samstag, 3. August um 17 Uhr am Holbein- bzw. 20 Uhr am Moritzplatz. Dann war es das mit der ersten Ausgabe des neuen Kunstformats in Augsburg, das sicher noch ein wenig den Weg in die Kunstlandschaft finden muss, aber viel Engagement und Willen zu einer »volksnahen« Vermittlung zeitgenössischer Kunsttendenzen an den Tag legte.

Abschließend wird es Ende September noch ein Hearing mit den Macher*innen Michael Grau und Marlene Gölz von der Moritzkirche geben, das in den Kultursalon Schwaben 2024 unter dem Motto »Von der Kunstfreiheit gedeckt« eingebunden sein wird, der von 26. bis 28. September stattfindet. Alle Termine und Infos zu den Veranstaltungen finden sich in der STENT-Zeitung, die in der Stadt kostenlos aus liegt oder papierlos auf der Website der Moritzkirche heruntergeladen werden kann. 
 

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