Wenn die Tage kürzer werden
Der November ist wohl der passende Monat, um auf vier Bücher aufmerksam zu machen, die sich mit dem Thema Depressionen auseinandersetzen. Lesebedarf – die a3kultur-Kolumne von Juliana Hazoth im November.
Winston Churchill nannte sie seinen »schwarzen Hund«. Mit der Metapher versuchte Churchill seine Gefühle in Worte zu fassen, denn der berühmte britische Premierminister litt an Depressionen. Jeden Morgen nach dem Aufwachen befand sich der Hund in einer anderen Position. Manchmal saß er friedlich in der Ecke und betrachtete interessiert das Geschehen um ihn herum, war kaum zu bemerken. Manchmal lag er quer über Churchills Brust und ließ ihn kaum atmen, doch der Hund war immer da.
Obwohl sogar viele berühmte Persönlichkeiten wie Churchill oder Abraham Lincoln Depressionen hatten, gehören diese noch heute zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen. Dabei erleben zwischen 16 und 20 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens eine depressive Phase. Die Gründe dafür sind so vielfältig und individuell wie die Lebensumstände der betroffenen Personen. Zu den häufigen Symptomen zählen beispielsweise Appetitverlust, Schlaflosigkeit, allgemeine Lustlosigkeit oder auch das Gefühl von Überforderung und Hoffnungslosigkeit. Die Gefährlichkeit der Krankheit besteht oftmals darin, dass ihre Symptome nicht ernst genug genommen werden. Teilweise lernt man diese zeitweise auszublenden und zu ignorieren, um im Alltag weiterhin funktionieren zu können. Brechen die Gefühle schließlich durch oder spricht man gar darüber, werden Betroffene häufig mit leeren Floskeln und sicherlich gut gemeinten, aber nutzlosen Ratschlägen vertröstet.
Ein Problem im Umgang mit Depressionen ist, dass die Krankheit oft missverstanden wird. Eine depressive Person ist nicht einfach nur traurig, Aufmunterung allein hilft also nicht. Es ist nichts, was »morgen schon ganz anders aussieht«. Depressionen sind nicht eingebildet, nur weil man noch lachen kann oder sich sogar längere Zeit glücklich fühlt. Depressionen sind real, die Gefühle der betroffenen Personen sind es, und so muss ihnen begegnet werden. Dazu gehört vor allem, Depressionen und psychische Erkrankungen im Allgemeinen nicht weiter als Tabuthema zu begreifen. Nur so können Betroffene sich öffnen und es kann ihnen geholfen werden.
Ein persönlicher Appell: Falls Sie das Gefühl haben, sie könnten möglicherweise Depressionen oder eine depressive Phase haben, sind Sie nicht allein damit. Es gibt viele von uns und unsere Krankheit macht uns nicht schwach, sie ist nicht unsere Schuld und wir haben ein Recht darauf, dass uns geglaubt wird. Suchen Sie sich eine Person, der Sie vertrauen, oder vielleicht fühlen Sie sich sogar bereit dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Manchmal kann es erfahrungsgemäß heilsam sein, Repräsentation in den Medien zu finden. Sie gibt einem das Gefühl, gesehen zu werden und nicht allein zu sein. Auch einige Autor*innen haben sich dem Thema Depressionen gewidmet, um damit das Tabu zu brechen und teils ihre eigene Erkrankung zu verarbeiten. Eine kleine Auswahl habe ich für Sie zusammengestellt, die Ihnen vielleicht auch hilft, sich selbst oder Menschen in Ihrem Umfeld ein klein wenig besser zu verstehen.
Die Blüten der Sonne von Rupi Kaur
Lyrik, 256 Seiten, 2018.
Erschienen bei Fischer Sauerländer
www.fischerverlage.de
Darius der Große fühlt sich klein
von Adib Khorram
Jugendbuch, 336 Seiten, 2020.
Erschienen bei Lago/Münchner Verlagsgruppe
www.m-vg.de/lago/
Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben von Matt Haig
Sachbuch, 304 Seiten, 2016.
Erschienen bei dtv
www.dtv.de
Mängelexemplar von Sarah Kuttner
Roman, 272 Seiten, 2010.
Erschienen bei Fischer Taschenbuch
www.fischerverlage.de
Wo finde ich Hilfe?
Haben Sie Fragen zur Erkrankung Depression und zu Anlaufstellen in Ihrer Nähe?
Eine erste Anlaufstelle ist die www.deutsche-depressionshilfe.de.
Zudem können Sie sich an das Team des Infotelefons wenden: 0800 – 33 44 533