Politik & Gesellschaft

Wichtiger Kompass

a3kultur-Redaktion

Man muss Kunst herstellen, um auf die Wirklichkeit zu schauen! Im Sinne Brechts trat Dr. Joachim Lang an, und blieb sieben Jahre Festivalleiter (2010–2016) in Augsburg. Er eröffnete Perspektiven, begeisterte und polarisierte. Von Marion Buk-Kluger und Jürgen Kannler

 

Gefeiert oder verkannt – zu lang oder einfach nicht lange genug da in Augsburg, um verstanden zu werden, von der Stadt, den Verantwortlichen für Brecht, in dem was er wollte, wie er Brecht sieht, bearbeitet, lebt, eintaucht in sein Schaffen und Werk. Von allen bisherigen Leitern ist er unbestritten der mit der weitgehendsten Brecht-Expertise, wohl auch einer der leidenschaftlichsten Streiter für und mit Brecht, und mit sieben Jahren der längste Festivalleiter.
Joachim Lang erreichen wir im Studio. Er macht gerade den Schnitt zu seinem nächsten  großen Kinofilm. So viel sei verraten, es geht um die Kunst der Verführung. Es geht um Hitler und Goebbels. »Wenn ich Brecht nicht kennengelernt hätte, würde ich diesen Film mit Sicherheit ganz anders machen«, sagt er, der Vielarbeiter, der derzeit auch noch an einem Filmprojekt über John Cranko, den großen britischen Tanzregisseur und Choreografen, arbeitet.

a3kultur wollte wissen, ob er in seiner Augsburger Zeit als Festivalleiter das ausdrücken konnte, was er sich vorgenommen hatte?
»Ich konnte Möglichkeiten aufzeigen, die weiterentwickelt werden können, Ansätze bieten. Als ich anfing, herrschte ein heilloser Streit um Albert Ostermaier, (dieser leitete das Festival in den drei Jahren vor Lang). Er hat gewiss eine gute Arbeit gemacht. Aber die Fronten zwischen den verschiedenen Brechtlagern in Augsburg waren verhärtet. Es war wichtig, diese Fronten aufzubrechen und überhaupt einmal etwas zu Brecht machen zu können.«

In seiner Zeit als Festivalleiter wollte er etwas bewirken, ein neues Brechtbild etablieren und klar machen, mit wem man es in der Stadt zu tun hat.
»Ich glaube, dies ist gelungen. Wir hatten in der Spitze 15.000 Zuschauer*innen (bis heute ist das Besucher*innenrekord), und konnten mit unserer Arbeit eine gewisse Aufmerksamkeit erreichen und für die gewünschte Auseinanderset­zung mit dem Thema sorgen.«


Für Lang hätte dies Anstoß zu und der Anfang einer größeren umfassenderen Entwicklung in Augsburg sein können. Die Basis war geschaffen, die Unterstützung der Bevölkerung war gewonnen, und das Interesse der überregionalen Presse war angefacht.
»Ich habe mit Künstler*innen aus aller Welt zu tun, die sich intensiv mit Brecht beschäftigen. Für die er größte Bedeutung hat.«

In der Brechtstadt Augsburg fehle letztendlich der große Wurf, seine Notwendigkeit würde nicht einmal diskutiert werden.
»Ich will niemandem zu nahe treten. Ich bin überzeugt, dass alle Festivals tolle Momente geschaffen haben. Ich glaube trotzdem, dass man seit unserer Zeit hier mehr Rückschritte gemacht hat, statt zu sehen, gemein­sam in Sachen Brecht voranzukommen. Damit meine ich nicht die einzelnen Festivals. Hier möchte ich mir kein Urteil erlauben. Jedoch nur alle paar Jahre die Festivalleiter auszutauschen ist als Plan für Brecht in Augsburg zu wenig. Man braucht ein Gesamtkonzept.«

Dies erfordere und bedinge auch, eine gewisse Reichweite zu haben, sowohl auf nationaler wie auch internationaler Ebene. Lang kann sich auf die Fahnen schreiben, die Stars der deutschen Schauspielriege gebracht zu haben, um somit auch Brechts Bedeutung für Künstler*innen der Gegenwart aufzuzeigen. Im Laufe der Jahre waren dies u. a. Heino Ferch, Dominique Horwitz, Dagmar Manzel, Christine Kaufmann, Meret Becker, Ben Becker, Eva-Maria Hagen, Carmen-Maja Antoni, Therese Affolter, Pasquale Aleardi, Iris Berben, Burghart Klaußner, Thomas Thieme u.v.m.

Doch auch die Größen der Musikszene aus unterschiedlichen Musikgenres gastierten unter Langs Festivalleitung. Im zweiten Jahr gab es schon vor der Festivaleröffnung in der Stadthalle Gersthofen ein vielbeachtetes Konzert mit Musicalstar Ute Lemper. Weitere bekannte Musiker*innen, die unter Lang in Augsburg auftreten waren: Milva mit einem ihrer letzten Auftritte überhaupt, Nina Hagen, die Band Bonaparte, Annette Louisan, Element of Crime, Sophie Hunger und die Indie-Band Slut.

2014 stand zudem die US-amerika­nische Lyrikerin und Musikerin Patti Smith auf der Bühne des Theater Augsburg.
»Patti Smith ein Weltstar. Sie steht für die ganze amerikanische Singer­Songwriter-Tradition. Sie steht für ein anderes Amerika. Sie steht zu Brecht. Es hat Bedeutung, wenn sie im Stadttheater Augsburg auftritt und auch Brechttexte singt.«

Genauso wichtig, wie die großen Namen zu präsentieren, war für Lang, die lokalen Szenen in seine Programme einzubeziehen.
»Das war für mich immer wieder beeindruckend, zu erleben, was die Leute hier mit Brecht zustande gekriegt haben. Ein wirklich tolles Engagement.«

Ein Höhepunkt zudem 2013, als die Brechtenkelin Johanna Schall die Uraufführung des Dramas »Die Bibel« inszenierte, ein Stück, das Brecht bereits 1914 noch als Schüler in Augsburg ge­schrie­ben hatte.

Nach sieben Festivaljahren in Augsburg hatte sich das Thema Brecht für Lang keineswegs erschöpft, zu dessen 125. Ge­burtstag hat er seine persönliche Sicht:
»Ich werde immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie aktuell Brecht ist. Zu Beginn des Ukraine-Krieges sah ich, wie er zu einem wichtigen Kompass wird. Ich glaube, man sollte seiner auch nicht nur wegen seines Geburtstages gedenken, sondern wegen seiner Positionen, die uns auch bei aktuellen Themen weiter bringen können. Diese werden uns ja ständig vor Augen geführt, etwa die soziale Ungleich­heit auf der Welt.«

Für Lang ist Brechts ästhetisches Herangehen unendlich bedeutsam in seiner Arbeit als Regisseur im Film und im Theater.
»Diese Methode, Brecht als Philosoph, das begleitet einen. Seine Art, an die Wirklichkeit, an die Kunst heranzugehen, die beschäftigt mich, auch bei Filmen, die thematisch auf den ersten Blick nichts mit ihm als Künstler oder seinen Themen zu tun haben.«

Und was sollten sich die Augsburger*innen zum 125. Geburtstag von Brecht selbst zum Geschenk machen?
»Ihn lesen! Er hat uns mit seinem Werk ein Geschenk gemacht, das vor uns liegt.«

 

Brechtfestival-Programmcover 2016

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