Jazz

Winterblues

Gastautor

Ein Stimmungsbericht der Augsburger Jazzszene mit Epilog. 

Die Nachricht vom vorläufigen Aus des Jazzclubs Augsburg traf tief ins Herz. Dann kurz darauf eine Art Entwarnung. Anschließend Funkstille. Konzerte fanden nicht statt oder wurden an andere Orte verlegt, die Internetseite sprach von »vorübergehender Schließung«.

Doch in der Augsburger Musik- und Jazzszene munkelte man, dass es ab Februar 2024 dort wieder Konzerte geben solle. Trotz Nachfrage war von den Verantwortlichen keine Stellungnahme zu bekommen.

Stattdessen schließlich eine Pressemitteilung am 24. November. Darin wurde bekannt gegeben, dass es einen Neuanfang gibt und dazu eine Partnerschaft mit weiteren Veranstaltern. Somit geht es weiter mit dem Jazzclub Augsburg, wenn auch nicht mehr in gewohnter Form. Die Räumlichkeiten werden jetzt auch vom Event­anbieter Copa Caribe mitgenutzt:

»Aus dem reinen Jazzclub wird in Zukunft ein Ort, an dem neben Jazzkonzerten verschiedene lateinamerikanische Tanzveranstaltungen (Salsa, Bachata, Tango etc.) sowie auch wieder die Comedy Lounge von Florian Simbeck stattfinden«, so die Pressemitteilung. Dann wollen wir uns einmal überraschen lassen von diesem neuen Konzept.

Unabhängig von den internen Details wirft die aktuelle Entscheidung doch die Frage auf, warum der Jazzclub diese Entwicklung nahm. Die Räumlichkeiten sind perfekt, die Akustik großartig, das Programm vielfältig und geschmackvoll. Was wohl fehlt, sind die zahlenden Gäste. Warum also geht die Jazzgemeinde nicht regelmäßig genug in »ihren« Club?

Ein Grund könnte sein, dass dort in der Regel nur Konzerte stattfanden, es also kein täglicher Treffpunkt für Jazzliebhaber*innen war. Damit stand der Jazzclub natürlich in starker Konkurrenz zu allen anderen Veranstaltungen der Stadt.

Dann natürlich die Folgen der Pandemie. Die Rückkehr in den normalen Konzertbetrieb ist immer noch nicht vollständig erfolgt. Darunter leiden fast alle Bühnenbetreiber*innen. Ohne große Reserven schafft das niemand.

Oder hat sich das Ausgehverhalten einfach verändert? Wollen wir uns schon Wochen vorher festlegen, ob wir zu einem Konzert gehen oder nicht? Oder überlassen wir die Entscheidung nicht doch lieber der tagesaktuellen Laune? Stimmen aus der Konzertbranche bestätigen Letzteres. So sind die Vorverkaufszahlen inzwischen drastisch gesunken und führen auch bei Großevents zu Absagen mangels im Vorfeld verkaufter Tickets.

Fakt ist, dass der Jazzclub Augsburg es wert ist, erhalten zu bleiben. Augsburg braucht einen Ort wie diesen! Denn ein Beispiel aus der Vergangenheit zeigt, dass Jazz in Augsburg schon lange zu Hause ist.
 

Warum das legendäre Underground vermisst wird 


Maximilianstraße, nachts um 3 Uhr. Wir befinden uns in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Um diese Uhrzeit gab es eigentlich nur noch ein Ziel: die enge Treppe hinunter in den Untergrund Augsburgs. Rauchschwaden kamen einem entgegen, irre Jazzmusik kratzte aus den schlechten Lautsprechern und Ursula Jarach, die Ikone des Jazzclubs Underground, nahm einen tiefen Zug ihrer Gitanes ohne Filter. Der Laden war immer bis auf den letzten Zentimeter voll mit Menschen, die Jazz einfach liebten, darunter Musiker*innen aus der ganzen Welt. Sei es, weil sie in der Nähe ein Konzert hatten oder dem legendären Ruf gefolgt sind.

Wolfgang Lackerschmid war es, der die ersten Instrumente zunächst als Leihgabe dem Betreiber Hans Medla zur Verfügung stellte. Als Ursula Jarach dann das Underground übernahm, gingen auch die Instrumente nach und nach in den Bestand des Clubs über. Das war der Grundstock einer über zehn Jahre nicht enden wollenden Jamsession.

Lackerschmid erinnert sich: »Der offizielle Tag für Jamsessions war Dienstag, aber jeder Abend war für eine Überraschung gut. Zum Beispiel brachte ich die Bandmitglieder von James Brown nach einem Konzert ins Underground, wo wir dann die ganze Nacht durch zusammen gespielt haben. Durch die Sessions entstanden auch immer wieder neue Formationen mit Mitgliedern aus Augsburg, München und darüber hinaus, die dann in dieser Besetzung auch weiterhin zusammen spielten … So wurde das Underground auch ein wichtiger Treffpunkt zum Kennenlernen, Ausprobieren und um Auftritte zu bekommen.«

Nach dem Ende des Underground blieb der Spirit dennoch in der Stadt erhalten und verlagerte sich mit den Jahren auf viele Standorte: Im Hoffmannkeller gab es eine Zeitlang noch die Jamsessions am Dienstag, im Traumraum in der Altstadt fanden ab 1997 in den Folgejahren über 250 Konzerte und Sessions statt, aber auch im Abraxas-Lokal, im Sensemble Theater, dem Mohrenkönig, im Hempels unter dem Annapam, im Thalia, im Neruda und natürlich im Jazzclub Augsburg und der Kresslesmühle wurde und wird bis heute Jazz gespielt. Der Internationale Augsburger Jazzsommer begeistert seit Jahrzehnten das Publikum, daneben gibt es viele kleine und kleinere Events rund um das Thema Jazz, wie zum Beispiel die »Architektur.Film.Jazz«-Reihe immer am ersten Montag des Monats im Thalia.


Epilog


Augsburg hat eine lebendige Jazzszene. Was (vielleicht) fehlt, ist ein zentraler Ort der Begegnung, ein Hotspot für alle, die gerne Jazz hören und/oder spielen, wo man sich austauschen und fachsimpeln kann – oder einfach nur gepflegt ein Glas Wein zu der Musik von Chet Baker genießen will.

Wer also hat den Mut, diesen Ort zu schaffen?
 

Jazz-Empfehlungen im Januar:

• Have Yourself a Little Christmas feat. Colin Dawson, Stephan Holstein Donnerstag, 21., Freitag, 22. und Samstag, 23. Dezember (19:30 Uhr) Kaffeehaus Thalia
• Mountain’s Eleven – Gala der elfköpfigen Formation um Wolfgang Lackerschmid Mittwoch, 27. Dezember (20:30 Uhr) Kulturhaus Abraxas
• Friday Jazz Jam Session Freitag, 29. Dezember (20 Uhr) Rheingold
• Jazz in der Mühle mit Los Molineros Donnerstag, 4. Januar (20 Uhr) Kulturhaus Kresslesmühle
• SWR Big Band mit Curtis Stigers Freitag, 12. Januar (19:30 Uhr) Stadthalle Gersthofen
• Like Standards Jazz Trio Donnerstag, 18. Januar (19:30 Uhr) Stadthalle Schwabmünchen
• Buechi-Hellmüller-Jerjen Trio – Moon Trail Donnerstag, 25. Januar (20 Uhr) Kulturhaus Kresslesmühle
• Raffael Müller Trio & Stephan Holstein Donnerstag, 8. Februar (19:30 Uhr) Sensemble Theater
• »Novecento«: Die Legende vom Ozeanpianisten wieder ab 9. Februar (19:30 Uhr) Sensemble Theater
• »Sieben Rosen hat der Strauch«: Brechtprogramm mit Karla Andrä, Stefanie Schlesinger, Alexandrina Simeon, Anna Holzhauser, Isabell Münsch, Ute Legner und Eva Gold & Band Freitag, 9. Februar und Samstag, 10. Februar (20 Uhr) Kulturhaus Abraxas
• Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys Sonntag, 17. März (18 Uhr) Stadthalle Gersthofen
• Marialy Pacheco & Max Mutzke Mittwoch, 17. April (19:30 Uhr) Stadthalle Gersthofen
 

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