Politik & Gesellschaft

»Wir sind auf dem Weg«

a3kultur-Redaktion

a3kultur-Autorin Marion Buk-Kluger sprach mit Nihat Anaç. Er ist bei den Stadtwerken Geschäftsbereichsleiter KreativWerk und damit Chef des Gaswerks.

Die Stadtwerke Augsburg (SWA) werden in diesem Jahr als Betreiberin des Gaswerkareals rund 100.000 Besucher*innen vermelden können. Fokussiert auf wenige Festivaltage im Sommer stürmen die Massen das industriehistorische Denkmal. Die Stadtwerke werden diese Zahl als Erfolg deklarieren und sich damit immer weiter von ihren ehemaligen Zielen entfernen. Wir erinnern uns: Im Gaswerk sollte ein lebendiger Kulturort für alle mit einer Strahlkraft weit über unsere Region hinaus geschaffen werden. Beteiligungsprozesse für Bürger*innen wurden abgespult und Expert*innen kamen zu Wort. Fünf Jahre, nachdem 2019 mit dem Ofenhaus die ersten Spielstätte auf dem weitläufigen Gelände der Öffentlichkeit übergeben wurde, herrscht an mehr als 300 Nächten im Jahr im Gaswerk gespenstige Ruhe und tagsüber staubige Öde. In der verbleibenden Zeit wird das Gelände zu einer Gated Community für einen oft beliebigen Festivalzirkus.

a3kultur: Seit einigen Jahren wird das Gaswerkgelände mitsamt den Ge­bäuden darauf renoviert bzw. saniert, aber so richtig zum Leben erweckt wird es doch immer nur dann, wenn hier Festivals über die Bühne gehen.

Nihat Anaç: Ich sehe es ein wenig anders. Hier findet schon jede Menge Leben statt, auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich ist. Alle Gebäude, die hier zu vermieten sind, sind zu 100 Prozent vermietet.

Mir geht es konkret um den Aspekt, dass immer wieder kommuniziert wurde, hier ein Kreativquartier zu schaffen, das zum einen die drei Stadtteile Oberhausen, Bärenkeller, Kriegshaber verbindet und zum anderen Menschen anzieht, als Ort der kulturellen Begegnung für die Stadtgesellschaft, eben auch über die Festivals hinaus.

Genau das entsteht hier, aber doch nach und nach, wie das auch bei anderen vergleichbaren Kreativquartieren in Deutschland war. In kurzer Zeit ist viel entstanden. Nicht zu vergessen: Wir hatten über zwei Jahre Pandemie. Man kann nicht einfach den Schalter umlegen, und zack, ist so ein Gelände für jeden immer ersichtlich belebt.

Wie lässt sich über die jeweiligen Interessengruppen der spezifischen Angebote hinaus ein breiteres Publikum hierherlocken?

Wir haben einen wunderschönen Park, sitzen gerade im Erlebnisgarten, in dem die Menschen aktiv mitmachen dürfen, können, sollen. Außerdem haben wir eine reichhaltige Flora und Fauna. Das braucht auch Zeit und muss von den Menschen entdeckt werden. Die vielen Veranstaltungen mit mehr als 100.000 Besucherinnen und Besuchern in diesem Jahr helfen natürlich dabei, das Gelände erfahrbar zu machen.

Aber kommen sie auch? Fehlt es hier nicht an Bars, an Cafés und Clubs und Ausstellungsräumen?

Ein Café kommt in das Garagengebäude. Das ist das nächste Projekt, das schon länger in Planung ist. Ein Betreiber ist hier auch schon gefunden. Ein konkretes Datum zu benennen, ist schwierig. Wir wollten es schon früher verwirklichen, doch dann kamen die Themen Corona und Energiekrise, die das verzögert haben. Aktuell arbeiten wir an den Vertragsvereinbarungen und dann geht es in die Baugenehmigungsphase. Das kann zwischen einem und zwei Jahren dauern. Doch wir haben uns eine Zwischenlösung überlegt und installieren dieser Tage einen 24-Stunden-Selbstbedienungsautomaten für die Besucher und Besucherinnen. Und so kann auf den Stühlen und Bänken das Gelände genossen werden. Picknick inklusive, nur Grillen ist nicht erlaubt. Auch zwei Food-Trucks sind vorhanden. Das Gelände ist 24 Stunden offen für alle, zur freien Nutzung. Das wird auch schon gemacht, muss sich wohl nur noch mehr herumsprechen.

Ist dann Ihrer Meinung nach das Gelände so in Nutzung, wie es ursprünglich gedacht war?

Wir sind auf dem Weg dahin. Wir haben vier verschiedene Möglichkeiten, das Gelände zu entwickeln. Eines der kleineren Produkte ist die Festival- und Partylocation. Dann ist ein weiteres Standbein die kulturelle Teilhabe, die wir mit 4.500 Quadratmetern vermietbarer Fläche ermöglichen. Komponente drei ist die kreativwirtschaftliche Nutzung: zum einen in der Direktorenvilla mit zwei Coworking Spaces und zum anderen mit den Büroräumen in der Musikbox, die ebenfalls komplett vermietet sind. Das vierte Standbein ist das Gaswerkgelände als Ort der Begegnung der Bürgerinnen und Bürger. Natürlich müssen wir dies auch noch mehr bewerben. Und, ganz klar, die zweite gastronomische Einheit schaffen. Darüber hinaus binden wir bei Veranstaltungen und Projekten örtliche Vereine und Initiativen ein, etwa den sehr rührigen Pareaz e.V., und vernetzen vor Ort.

Sind eigentlich alle Sanierungsarbeiten an den Gebäuden abgeschlossen?

Das Reinigergebäude fehlt noch, die Arbeiten daran sind aktuell zurückgestellt. Wir haben in den letzten drei, vier Jahren knapp 60 Millionen Euro für die Umbauarbeiten ausgegeben.

 

Vor bald 20 Jahren begann die Metamorphose des Gaswerkareals in Augsburg. Man wollte weg vom Image der Industierbrache und zum großen Kultur- und Kreativzentrum der Region erwachsen. Die Perspektiven dafür waren gut. Schon vor mehr als zehn Jahren strömten zehntausende Besucher*innen zu Events wie dem Grenzenlos-Festival. Doch über die Erfolge als Festivalgelände kamen die Stadtwerke Augsburg, als Betreiberin des Areals, bisher kaum hinaus. Es gelingt dem städtischen Unternehmen nur schleppend, dem Gaswerk echtes Leben, abseits von Festivalprogrammen einzuhauchen. Dabei stehen die Chancen für einen überregional strahlenden Kulturhotspot an der Schnittstelle zwischen den Vorstadtquartieren Kriegshaber, Oberhausen und Bärenkeller besser denn je. Den Beweis trat der Kulturpark West an. Vor zwei Jahren startete er mit seiner neusten Dependance, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gaswerkareal und brachte damit etwas Leben in die Bude.

Sehen Sie hierzu auch den Kommentar von Jürgen Kannler oder auch den Gastbeitrag von Peter Bommas (bald online).

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