»Wir wollen uns immer weiterentwickeln«
Im Rahmen unserer Serie »Theater.Macht.Zukunft« sprachen wir mit Staatsintendant André Bücker über den Mythos des Intendanten als Feudalherrscher, die Machtverteilung am Staatstheater und seine Ziele.
a3kultur: Anlass für unser Treffen ist nicht zuletzt auch die gelungene Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit nachtkritik.de »Theater und Macht. Beobachtungen am Übergang«. Darin ist auch ein Interview mit Ihnen zu finden. Bekamen Sie Reaktionen auf Ihr Interview bzw. auf die Publikation?
André Bücker: Ja, relativ viele. Ich wurde von Theaterleuten und Kulturwissenschaftlern angerufen, die sich derzeit viel mit diesen Fragen auseinandersetzen. Es ist ja eine sehr umfangreiche Publikation, die viele Aspekte abbildet und die Theaterlandschaft auch in ihrer Vielseitigkeit darstellt, denn es gibt nicht das Theater, wie so oft behauptet wird. Wir haben unfassbar viele und unterschiedliche Häuser und freie Gruppen und Projekte in Deutschland. Diese Publikation bildet diese große Bandbreite von Strukturen ab, und das ist das Interessante daran.
Nicht jeder, der unzufrieden ist mit seiner Arbeitssituation, ist gleich Opfer von Machtmissbrauch
Dr. Kathrin Mädler, Intendantin des Landestheaters Schwaben, hat im Interview mit uns angemerkt, dass ihr in den aktuellen Debatten um Machtmissbrauch an Theatern die Multiperspektivität fehle. Stimmen Sie ihr zu?
Man sollte sich stets fragen, wann Machtmissbrauch anfängt. Nicht jeder, der unzufrieden ist mit seiner Arbeitssituation, ist gleich Opfer von Machtmissbrauch. In dem Augenblick, wo jemand seine Position benutzt, um jemand anderen willkürlich zu benachteiligen, muss das natürlich sofort sanktioniert werden, unabhängig von der Struktur des Hauses.
Der Begriff »Machtmissbrauch« wird oft reflex-artig benutzt und jeder, der in einer Führungsposition ist, steht im Verdacht, seine Macht zu missbrauchen. In vielen Berichten über Vorfälle und mögliche Konsequenzen fehlt die Betrachtung der tatsächlichen Strukturen. Es gibt in den öffentlichen Theatern Strukturen, um Machtmissbrauch zu verhindern oder um sich dagegen zu wehren. Es gibt Personalräte, Tarifverträge, Leitbilder, Gewerkschaften oder Dienstvereinbarungen. Oft werden zum Beispiel Intendantinnen und Intendanten als die letzten Feudalherrscher dargestellt – das ist auch vor dem Hintergrund der eben genannten Kontrollmechanismen Unsinn.
Wie wird im Bühnenverein oder beim Intendant*innen-Treffen über Themen wie »Macht und Machtmissbrauch« diskutiert?
Seit vier, fünf Jahren wird extrem viel darüber diskutiert. Es gab vor Jahren schon einen vom Bühnenverein verabschiedeten Wertekodex, der nun noch einmal überarbeitet wurde.
Ich bin seit fast 30 Jahren an professionellen Theatern tätig und seit 16 Jahren an drei verschiedenen Häusern Intendant. Ich habe als Hospitant und Regieassistent am Theater angefangen. Früher war es selbstverständlich, dass ich als Regieassistent 16 Stunden am Tag im Theater gearbeitet habe, da hat kein Mensch auf Arbeitszeiten geachtet. Das geht heutzutage gar nicht mehr, zumindest nicht bei uns am Haus. Es gibt inzwischen eine neue Generation in der Leitungsebene, die das nicht mehr zulässt. Da ist sehr viel passiert, auch angestoßen durch das Ensemble-Netzwerk, durch »art but fair«. Sie haben Missstände aufgezeigt und transparent gemacht.
Eine mehrköpfige Leitung ist nicht automatisch immun gegen Machtmissbrauch
Sind Sie der Meinung, dass das Konzept des Intendant*innentheaters reformbedürftig ist?
Alle Konzepte sind immer reformierbar. Aber ganz ehrlich, ich fühle mich überhaupt nicht als Alleinherrscher hier. Es gibt immer Menschen, die in letzter Instanz eine Verantwortung tragen müssen, und gerade bei großen Betrieben ist es sehr schwierig, diese Verantwortung in eine vollkommene Kollektivität zu übertragen. Ich glaube aber durchaus daran, Verantwortung abzugeben bzw. aufzuteilen. In Augsburg bin ich mit dem geschäftsführenden Direktor gleichberechtigt. Wir sind der Stiftungsvorstand, das heißt aber auch, dass wir persönlich haftbar gemacht werden können. Wir tragen die Gesamtverantwortung. Dann gibt es eine weitere Leitungsebene darunter: Das Schauspiel hat eine Teamleitung, es gibt eine leitende Dramaturgin, einen Ballettdirektor, einen technischen Direktor, einen Operndirektor und natürlich den Generalmusikdirektor. Gemeinsam mit ihnen erarbeiten wir das Spielzeitprogramm und viele weitere wichtige Entscheidungen für das Haus werden gemeinsam gefällt. Gleichzeitig haben wir viele Feedback-Schleifen mit unseren Beschäftigten.
Aber egal, mit welchem Modell man arbeitet, es müssen sich immer die richtigen Leute zusammenfinden und gemeinsam vertrauensvoll zusammenarbeiten. Das funktioniert bei uns gut. Nicht jede Struktur ist für ein kollektives Leitungsprinzip geeignet und eine mehrköpfige Leitung ist nicht automatisch immun gegen Machtmissbrauch.
Müsste diese Untergliederung in Direktorien bzw. Teamleitung nicht auch im Stiftungsvertrag verankert sein?
Da wir eine Stiftung sind, ist eine gewisse Struktur vorgegeben, bestehend aus einem Stiftungsvorstand und einem Stiftungsrat. Das ist per Gesetz des Landtags des Freistaats Bayern festgelegt. In diese gesetzlichen Vorgaben kann man schlecht hineinschreiben »Der Operndirektor hat auch was zu sagen« – das ist Teil der inneren Verfasstheit des Theaters. Viele Entscheidungen dürfen wir aber nicht einfach nach Belieben treffen, dafür benötigen wir einen Stiftungsratsbeschluss. Der Stiftungsrat ist das höchste Entscheidungsgremium der Stiftung Staatstheater Augsburg.
Welchen Weg müssten Ihre Angestellten gehen, wenn sie Opfer von Machtmissbrauch geworden sind? Gibt es an Ihrem Haus oder in der Stadt eine Ombudsstelle?
Eine Ombudsstelle gibt es nicht. Eine wichtige Einrichtung ist bei uns der gewählte Personalrat. Das ist ein großes Gremium und wir haben eineinhalb Stellen für Mitarbeiter, die als Personalräte tätig sind. Es gibt Personalvertretungsgesetze, die dezidiert vorgeben, wo der Personalrat überall Mitspracherecht hat und auch welche Aufgaben er erfüllen soll. Oft werden aber kleinere Probleme, wie vermeintliche Fehler in der Abrechnung oder Probleme mit der Diensteinteilung, schon in der Personalabteilung beseitigt. Es gibt zudem Ensemblesprecher und Gewerkschaftsvertreter, die für unser Theater verantwortlich sind. Mitarbeiter, die immer noch bei der Stadt angestellt sind, könnten sich auch bei der Stadt melden. Wir haben auch Spezialisierungen innerhalb des Personalrats, wie zum Beispiel eine Schwerbehinderten-Beauftragte. Das sind alles wichtige Instanzen, die es bei einem freien Theater so meist nicht gibt.
Das sind alles wichtige Instanzen, die es bei einem freien Theater so meist nicht gibt
Wo ist denn das Leitbild des Staatstheaters Augsburg hinterlegt? Wir konnten es bei unserer Recherche nicht finden.
Das ist nicht öffentlich. Das ist unser internes Leitbild, das wir jedem Vertrag, sei es für neue Mitarbeiter oder Gäste, beilegen. Das Leitbild hängt zudem im Haus aus und ist auch im Intranet zu finden.
Wir haben damals den Prozess angestoßen, weil wir so viel Transformation und auch Umzüge im Haus hatten. Dadurch entstanden viele Diskussionen und auch Unsicherheiten bei den Mitarbeitern. Das nahmen wir zum Anlass, dieses Leitbild als Prozess anzustoßen. Wir haben uns Hilfe von Prof. Kellner von der Fakultät für Wirtschaft der Hochschule Augsburg geholt, der in einem Dreivierteljahr zahlreiche Einzelgespräche führte. Wir wollten nämlich keinen Top-down-Prozess, bei dem wir entscheiden, was für die restlichen Mitarbeiter gelten soll. Wir standen im ständigen Austausch miteinander und er hat uns letztlich Vorschläge gemacht, die stets den Mitarbeitern zurückgespiegelt wurden. Bei einer Vollversammlung wurde das Leitbild präsentiert, anschließend konnten alle anonym Verbesserungsvorschläge machen. Jeder im Haus war demnach in die Entstehung des Leitbilds involviert und konnte sich auch einbringen. Natürlich zeigt das Leitbild nicht, wo wir schon sind, sondern wo wir hinwollen.
Es bildete sich eine Arbeitsgruppe, die aus der Belegschaft heraus entstanden ist und zum Beispiel Workshops anbietet und Kommunikationsformate organisiert. Gerade in Pandemiezeiten war diese Arbeitsgruppe sehr hilfreich. Wir wollen uns immer weiterentwickeln.
Das Interview führte Anna Hahn