Wo liegt Wien?

31. Juli 2019 - 9:04 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch mit Vea Kaiser über ihren aktuellen Roman, kulinarische Aspekte des Lebens und den Balkan.

a3kultur: Schönen guten Tag, Frau Kaiser. Ich habe Sie gerade im Auto erwischt. In Ihrem aktuellen Roman »Rückwärtswalzer« spielt eine über 1.000 Kilometer lange Fahrt von Wien nach Montenegro eine zentrale Rolle. Sind Sie eigentlich viel im Auto unterwegs?

Vea Kaiser: Nein, eigentlich bin ich eine leidenschaftliche Zufußgeherin. Was vielleicht auch ein wenig daran liegt, dass mein Hund viel Auslauf braucht. Gegenwärtig bin ich allerdings auf Lesereise und da ist ein eigenes Auto doch sehr praktisch. Die 1.029 Kilometer von Wien nach Montenegro, die Sie eben erwähnt haben, bin ich natürlich auch selbst abgefahren. Zweimal sogar. 

An dem Terminkalender auf Ihrer Homepage kann man sehen, dass Sie als vorlesende Autorin recht gefragt sind. Kommen Ihre Geschichten denn überall gleich an oder liest man die Romane in Österreich anders als in Deutschland?

Sie denken da viel zu groß, glauben Sie mir. Ich habe tatsächlich das Privileg, für viele Lesungen gebucht zu werden. Bisher war ich wohl in mehr als 300 Städten zu Gast. Und ich kann Ihnen versichern, dass es nicht nur Unterschiede gibt, ob ich in Österreich, Deutschland, der Schweiz oder in Südtirol lese. Die Menschen im Burgenland reagieren bei Lesungen anders als in Oberösterreich, Wien oder Graz. Im Sauerland ist es anders als in Köln. Und ich werde nie eine Lesung im tiefsten Schwaben und tags darauf im benachbarten Baden vergessen. Das waren zwei Welten. Es liegt wohl an der ursprünglichen Kleinteiligkeit des deutschen Sprachraums, dass man diese gravierenden Mentalitätsunterschiede noch heute spüren kann.

Auch die Mentalitäten der drei Schwestern in »Rückwärtswalzer« sind sehr unterschiedlich angelegt.

Bei Mirl, Wetti und Hedi geht es eigentlich eher um verschiedene Charaktere als um regionale Mentalitäten. Sie sind sich durch ihre Biografien auf eine gewisse Weise gleich und doch verschieden. Das ist ein Kennzeichen, das viele Geschwister teilen. Interessant ist für mich die Metaebene der drei. Sie stehen für völlig unterschiedliche Zugänge oder Strömungen, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kennzeichnen. Es ist doch immer wieder interessant, was das Leben mit uns macht.

Willi, Rapid-Wien-Fan und Ehemann von Hedi, vor Jahrzehnten aus dem ehemaligen Jugoslawien zugewandert, wird durch sein vorzeitiges Ableben unfreiwillig zu der Person des Romans, um die sich alles dreht. Haben Sie viele Menschen in Ihrem Umfeld mit einer vergleichbaren Biografie?

Ja natürlich, ich lebe ja schließlich in Wien. Viele meiner Freunde und Teile meiner Familie sind zugewandert oder haben einen direkten Bezug zu Menschen mit Migrationshintergrund. Sie haben gerade versucht, diesen schrecklichen Begriff zu vermeiden.

Machen Sie sich über diese Begrifflichkeiten Gedanken?

Eigentlich nicht. Wir sind alle Menschen. Mein Schwiegervater kommt aus Neapel, eine Schwägerin aus Polen. Geflüchtete, Gastarbeiter, in Österreich aufgewachsene Ausländer … allein wenn ich meine Familie anschaue, bräuchte ich wahrscheinlich hundert verschiedene Begriffe, um die einzelnen Personen politisch korrekt zu definieren. Mit diesen Begriffen versuchen Menschen, Dinge zu beschreiben und begreifbar zu machen, die sie aus eigener Erfahrung nicht kennen. 

In Ihren Büchern spielen diese Definitionen keine Rolle. Sie benennen die Menschen mit Namen.

Ich schreibe Romane. Ich bin keine Journalistin oder Sachbuchautorin. Außerdem habe ich noch nie in großen Romanen Begriffe wie Migrationshintergrund gelesen.

In Saša Stanišićs aktuellem Buch »Herkunft« werden diese Begriffe erörtert.

Das ist ein wunderbares Buch. Ein Highlight des Jahres. Aber »Herkunft« ist kein Roman. Ich möchte mit meiner Arbeit eine Lanze für das Denken abseits von Schablonen brechen. Das Feuilleton verwendet in Bezug auf meinen Roman reihenweise Begriffe wie Familienentwicklung, Bio-Roman oder transmediale Literatur. Das sind meist Versuche, Dinge einfacher zu machen, als sie sind, um so ein schnelles Abfertigen zu ermöglichen. Um als Autorin Geschichten zu beschreiben, hilft mir schubladenhaftes Vokabular aber nicht weiter. Im Gegenteil, es zerstört die Fantasie.

Sie haben bereits über die Vielfalt Ihres persönlichen Umfelds in Wien berichtet. Welche Erfahrungen konnten Sie in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens sammeln?

Bei dieser Frage merkt man den Unterschied zwischen Deutschland und Österreich. Ein Journalist aus Wien würde niemals diese Frage stellen. Wir teilen mit den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, aber auch mit Ungarn, der Slowakei und Tschechien einen Kulturraum. Nehmen Sie nur die Ibiza-Videos. Die ganze Geschichte vermittelt mehr über die Strategien eines östlichen Staates als die eines westlichen.

Meinen Sie wirklich? Wenn ich da zum Beispiel an die gegenwärtige Situation in den USA denke …

Sie dürfen nie vergessen, wo Wien liegt. Nämlich sehr weit im Osten. Etwa auf gleicher Höhe wie Zagreb. Östlicher als Prag und Ljubljana. In nicht einmal einer Stunde Fahrzeit ist man – von Wien aus gerechnet – in der Slowakei oder Ungarn. Nach Slowenien, Kroatien, Tschechien oder Serbien braucht man vielleicht zwei Stunden. Und selbst an die montenegrinische Adriaküste ist man nur einen halben Tag unterwegs. Diese geografische Nähe, gepaart mit den Grenzöffnungen der letzten Jahrzehnte, hat diesen Raum auch wieder zusammenwachsen lassen. Und denken Sie daran: Von den rund neun Millionen Österreichern haben etwa eine Million ihre Wurzeln auf dem Balkan. Und diese Menschen leben konzentriert im Großraum Wien.

Sie meinen, dass Menschen, die im Gebiet der ehemaligen K.-u.-k.-Monarchie leben, dieses in einer bestimmten Form als Einheit wahrnehmen?

Gewiss nicht politisch, allerdings räumlich und getragen von einem gewissen Gefühl. Aber das versteht man ja intuitiv in ganz Europa. Es würde doch nie ein Journalist auf die Idee kommen, die Beziehung zwischen Österreich und Frankreich zu hinterfragen. Dieses Thema ist den Deutschen vorbehalten. Ihr tragt ja seit Jahrzehnten die größte Paartherapie der Welt mit Frankreich aus. Die Menschen hier spüren einen gemeinsamen Raum. Das beste Beispiel dafür ist vielleicht die Küche. Die klassischen österreichischen Schwergerichte sind böhmisch, ungarisch oder kroatisch. Balkanisch eben. Nehmen Sie nur den Palatschinken. Urbalkanisch schlechthin. Oder denken Sie an die Art, zu würzen, und die Zubereitungsformen. Auch hier zeigt sich eine ungebrochene Verbindung eines Raumes, der durch politische Umstände getrennt war und nun wieder zusammenwächst.

Diese kulinarischen Aspekte kann man durchaus als verbindenden kulturellen Strang verstehen. Lorenz, Neffe der drei Tanten in »Rückwärtswalzer« und ein weiterer Hauptakteur in Ihrem Roman, ist ja Nutznießer dieser Kochkünste, die in seiner Verwandtschaft gepflegt werden. Dieser 30-jährige Egomane steht für mich auch stellvertretend für Teile einer Generation, die ebenso selbstverliebt wie konsumgeil versucht, durchs Leben zu kommen. Obwohl in weiten Bereichen von ihren Eltern kaum zur Alltagstauglichkeit erzogen, hat sich dieser Lorenz doch so etwas wie einen liebenswerten Kern bewahrt, der im Roman auch nach und nach durchdringt. Wie sehen Sie diese Zeitgenossen?

Mich persönlich überraschen die Selbstsicherheit und der gleichzeitige, schier grenzenlose Egoismus vieler heute zwischen 18- und 35-Jährigen. Einer Altersgruppe, zu der ich ja auch zähle. Mich befremden solche Verhaltensmuster. Ich weiß nicht genau, was mit mir geschehen ist, dass ich nach drei Romanen mehr Selbstzweifel und ein größeres Absicherungsbedürfnis in mir trage als die meisten mir bekannten jüngeren Nachwuchsautor*innen. Vielleicht liegt es an der oft sehr komfortablen finanziellen Ausstattung, die sie von zu Hause erfahren und die es ihnen erlaubt, sich weitgehend frei von monetären Sorgen im Schreiben zu erproben.

Womit haben Sie sich denn finanziert, bevor Sie sich als Autorin etablieren konnten?

Ich war Fremdenführerin, Kellnerin oder Assistentin für andere Schriftsteller. Eigentlich habe ich fast alles gemacht, was gerade etwas in die Kasse gebracht hat.

Die Ex von Lorenz ist Altphilologin. Sie haben auch Latein und Altgriechisch studiert. Ein Zufall?

Alle Autor*innen dieser Welt halten sich an Dinge, die sie kennen. Ihre Möglichkeiten sind in gewisser Weise immer limitiert. Das war bei Philip Roth nicht anders als bei Thomas Mann. Bei mir ist es wohl auch so. 

Letztendlich erzählen Sie in »Rückwärtswalzer« die Geschichte einer Leichenüberführung. Ein Paradethema für eine Wienerin?

Ich kann nicht verhehlen, dass der Tod in Wien immer noch ein großes Thema ist. Auch popkulturell oder eben literarisch. Man begegnet dem Tod hier meist auf charmante, oft makabre und nicht selten humoristische Art. Ich bin zwar nicht in Wien geboren, aber wenn man lang genug hier lebt, kommt man dem nicht aus.


Voller Verve, Witz und Herzenswärme erzählt
Vea Kaiser in »Rückwärtswalzer« von einer Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel, von drei Schwestern, die ein Geheimnis wahren, von Bärenforschern, die die Zeit anhalten möchten, und von den Seelen der Verstorbenen, die uns begleiten, ob wir wollen oder nicht. Als Onkel Willi stirbt, stehen der Drittel-Life-Crisis-geplagte Lorenz und seine drei Tanten vor einer Herausforderung. Willi wollte immer in seinem Geburtsland Montenegro begraben werden. Doch da für eine regelkonforme Überführung der Leiche das Geld fehlt, begibt man sich kurzerhand auf eine illegale Fahrt im Panda von Wien-Liesing bis zum Balkan. Auf der 1.029 Kilometer langen Reise finden die abenteuerlichen Geschichten der Familie Prischinger auf kunstvolle Weise zueinander. Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten.

Im Rahmen der Reihe »Literatur im Biergarten« liest Vea Kaiser am Sonntag, 4. August, 19 Uhr, im Drei Königinnen aus ihrem neuen Roman »Rückwärtswalzer«.

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