Politik & Gesellschaft

Wo ist das Original?

Gastautor

Ein Gastbeitrag von Knut Schaflinger, Journalist und Lyriker

Ein Festakt soll es werden am 10. Februar 2023, jenem Tag, an dem vor 125 Jahren Bertolt Brecht in Augsburg zur Welt kam.
Vertreter*innen der Augsburger Stadtgesellschaft versammeln sich in der besten Stube, die die Stadt zu bieten hat, im Goldenen Saal, um das Brechtfestival 2023 zu eröffnen – »Kickoff«, wie das im Programm heißt.

Anschließend wollen die Künstler*innen des Festivals mit allen, die sich das nicht entgehen lassen wollen, in einer Parade, wie es heißt, nach Lechhausen ziehen. Vom langen Fußmarsch hoffentlich nicht müde, aber hungrig geworden, soll abends in Lechhausen getafelt werden. Offen für jedermann und -frau, wenn man denn Lust hat und ein bisschen Eintritt zahlt.
Claudia Roth, Kulturstaatsministerin, Markus Blume, Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Eva Weber, Oberbürgermeisterin, Jürgen Enninger, Kulturreferent, André Bücker, Staatstheaterintendant, werden zu Tische sitzen und mit anderen darauf warten, was man ihnen kredenzt.

Die Menüfolge wird noch nicht verraten. Aber als Entree darf man den Festgästen schon ein paar Gedanken zur Speisefolge mit auf den Weg geben.

Sehr geehrte Festesser,
liebe Augsburgerinnen und Augsburger!

Sie und wir und ich feiern heute einen der Unseren – Bertolt Brecht!    

Zu »Bert’s Birthday Bash, inkl. Geburtstagsessen und -torte«, haben Sie sich in den Räumen der Alevitischen Gemeinde versammelt. Sie zahlen: »as you can« – wie das Programm verspricht – und vielleicht sagen Sie ja auch: Bert Brecht ist uns jede Menge wert.

Mir auch! Denn wir alle sind »Brecht‘s people«, so das Motto des Festivals. Wer oder was das sein soll – wir werden es sehen. Vielleicht? Hoffentlich!

Ein Festbankett zum 125. Geburtstag – wie schön. Zum Gedenken an jenen Bert Brecht, der »An die Nachgeborenen« sich wendend, hinterließ: »... Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast! ... «

Ja, wir können froh sein – sehr. Ich bin es auch. Was uns das Brechtfestival auftischen wird, mag uns durchaus munden – mich aber macht es nicht satt.

Mir fehlt in diesem Festmenü der Hauptgang. Wo ist ein großes Brechtstück, wo ist jener Beitrag des Staatstheaters Augsburg, der den Jubilar und sein Werk adäquat würdigen würde? »Bier mit Bert« ist o.k. – aber klingt allenfalls nach Nachtisch. »Brechtmaschine – Szenische Lesung des Brechttextes aus der kybernetischen Medienwerkstatt«, klingt nach augmented reality. Oder »Blue Monday – Überraschendes und Unterhaltsames im Alten Rock Café«– klingt ... ja, nach was eigentlich?

Um ein großes Theaterstück von Bert Brecht im Jahre seines 125. Geburts­tages auf einer Bühne zu sehen, müsste ich nach Berlin, Hamburg, Stuttgart, Essen, Freiburg, Kassel, ja, auch nach Landshut oder in eine der über zwanzig anderen Städte in Deutschland (Quelle: Dreigroschenheft, nach Suhrkamp) fahren – überall dort wird B.B. gespielt. In Augsburg: nichts! Fast so, als gäbe es seine Stücke nicht. Gefeiert wird: das Epigonale, das Periphere!

Ich vermisse auf der Festival-Speisekarte ein Original, eine große Inszenierung des Staatstheaters oder, wenn dieses schon nicht mag oder kann, ein Brecht-Gastspiel – ein großes Bühnenwerk aus seiner Feder! So ein Stück nämlich hätte ich mir für ein Festival gewünscht, das Bert Brecht zum 125. Geburtstag feiert und damit einem der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts gerecht werden will. Immer noch gilt: »man kann die Dinge erkennen, indem man sie ändert.«

Gewiss, Julian Warner hat jedes Recht der Welt, »sein« Festival zu planen. Aber da der Kurator Bert Brecht, wie er sagte, nicht von seinem Werk, sondern von seiner Produktionsweise her denken will, möge er auch bedenken, dass diese nicht erklärbar ist, ohne jenes darzustellen. Hier besteht ein unauflöslicher dialektischer Zusammenhang. Erst aus dem Werk selbst lässt sich die Art und Weise wie es entstanden ist, ableiten. »Das moderne Theater muß nicht danach beurteilt werden, wie weit es die Gewohnheiten des Publikums befriedigt, sondern danach, wie weit es sie verändert.«

Wir, das Publikum, könnten viel aus Brechts Stücken lernen. Und genau so dürfte es Brecht auch gemeint haben. Lernen! Wer das ne­giert, kann am Ende nur sagen:

»Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.«

In diesem Sinne und dennoch: Guten Appetit!

Knut Schaflinger

 

 

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