Ausstellungen & Kunstprojekte

Wo Sehnsucht wächst

a3kultur-Redaktion

Blumen, Palmen und Früchte im Künstlerhaus Marktoberdorf. Und die Frage nach ihrer Selbstverständlichkeit. 

Wenn Kurator*innen in leitender Position persönliche Vorlieben oder Bekanntschaften in ihre kuratorische Tätigkeit einweben, hat das oft ein »G’schmäckle«. Nicht so im Fall der neuesten Ausstellung »Flora« im Künstlerhaus Marktoberdorf. Museumsleiterin Maya Heckelmann erklärt bereitwillig von ihren persönlichen Bezügen zu den ausgestellten Künstler*innen und deren Werken und wie sie für diese Werkschau eins ans andere gereiht hat.

Keimzelle der Werkschau war eine Begegnung Heckelmanns mit den Fotografien der in Berlin geborenen Wahl-Amerikanerin Vera Mercer (Jahrgang 1936). Diese war lange Jahre die Ehefrau des Schweizer Künstlers und Pioniers der »Eat Art« Daniel Spoerri, dem manches Werk z.B. ein beeindruckendes Vanitas-Stilleben, gewollt oder ungewollt, Reverenz erweist. 

Mercers akkuraten, in spezieller, verblüffende Tiefen auslotender Platin-Palladium-Technik erstellten Blumen-Arrangements wollte die Kuratorin nur zu gerne die ungestümen Malereien ihres eigenen Vaters Ernst Heckelmann (*1948) gegenüberstellen (angeblich attackiert dieser seine Leinwände geradezu mit dem Pinsel, um mit wenigen, kräftigen Strichen Bildnisse vor allem Palmen mit und ohne mediterranen Umraum zu schaffen). 

Über das Gestische ist der Weg dann nicht weit zum 1954 geborenen Christian Rothmann. Er und seine Kunst waren in Marktoberdorf erstmals im Jahre 2021 in der Gruppenausstellung »Abgefahren« vertreten. Seine großformatigen Blumenbilder in Öl sind ihres Motivs fast zugunsten einer überbordenden Farbenpracht entrückt, die zuweilen an die Farbfeldmalerei eines Ernst Wilhelm Nay (1902–1968) erinnert, und der er selbst, quasi »zum Herunterkommen«, monochrom bemalte Leinwände zur Seite stellt. 

Aus der Münchner Kunstszene enstammt die Malerin Brigitte Stenzel (*1981). Sie war Preisträgerin der Ausstellung »Junge Kunst« anlässlich der Vergabe des Förderpreises der Antonia- und Hermann-Götz-Stiftung 2011 und ist somit im Künstlerhaus ebenfalls keine Unbekannte mehr. Ihre Bildserie »Non Plus Ultra I–III« ist ein Highlight der Ausstellung, das schon bei Betreten der Räume ins Auge fällt: Meisterhaft fotorealistisch gemalt, zeigt es eine Art Stundenglas mit Zitronen und einem Totenschädel, die wie im Zeitraffer gefilmt, unterschiedlichen Stadien des Zerfalls anheimgegeben sind. Es ist fast ein Jammer, dass es Stenzels einziger Beitrag zu der über 70 Werke umfassenden Schau ist. Aber dieser wirkt dafür umso länger nach.

Das verlorene Geschenk der Bienen

Ein weiterer Name aus der Riege der Preisträger*innen des Künstlerhauses Marktoberdorf hat sich ebenfalls für Heckelmanns Schau qualifiziert: Maximilian Prüfer (Sonderpreis Franz Schmid-Stiftung anlässlich der 34. Ostallgäuer Kunstausstellung 2012), aktuell Augsburgs Kunstexportschlager Nr. 1 mit Ausstellungen u.a. zurzeit im Weltmuseum Wien, beschäftigt sich in seiner Kunst seit jeher mit dem Thema Natur. Er hat ein Stipendium genutzt, ab 2018 mehrmals in die chinesische Provinz Szechuan zu reisen und sich vor Ort in ein erschreckendes Phänomen einzuarbeiten: Dort ist ein Szenario wahrgeworden, das man hierzulande noch allzu gern in den Bereich der Science-fction verweisen möchte: 

Im Zuge zahlreicher staatlich gesteuerter Eingriffe in das Ökosystem (zurückgehend auf einen ökologischen »Säuberungsplan« Mao Zedongs in den 1960er-Jahren) gibt es dort keine Honigbienen mehr, weswegen Menschen in mühevoller Handarbeit die Obstbäume auf den Plantagen selbst bestäuben müssen. 

Prüfer hat diese Tätigkeit und den Weg von der Bestäubung bis zum Endprodukt, den auf dem Markt feilgebotenen Früchten, in einem 11-minütigen Video (»A Gift From Him«) festgehalten, welches zu den eigentlichen Kunstwerken hinführt: Große, leuchtende Fotoprints zeigen Blüten, eingeschlossen in kristallisierten Honig, wie Insekten in Bernstein und, vor dem Hintergrund des Videos, mindestens ebenso kostbar. 
Bilder wie diese sind Gegenstand von Prüfers derzeit laufenden Einzelausstellung »Fruits of Labour« in Wien (dort bis 9. Juli zu sehen). Hier in Marktoberdorf kann Prüfers Arbeit im Dialog mit anderen zeitgenössischen Positionen erlebt werden, was nicht minder spannend ist. 

Überhaupt Dialoge: Der Kuratorin Heckelmann ist es gelungen, alle stilistisch so unterschiedlichen Werke einzubinden und vieles einander gegenüberzustellen, sei es unter dem Aspekt Vergänglichkeit (Mercer/Stenzel), Farbe (Rothmann/Prüfer) oder Komposition (Mercer/Heckelmann). 

So ergibt sich auf dem Weg durch den modernen Klinkerbau in den heimeligen Altbau und zurück immer wieder ein Wechselspiel aus arrangierten Stillleben, Landschaften, Detailaufnahmen, Skizzenhaftem und fein Ausgearbeitetem, das vor allem eine Botschaft trägt: Dem Sujet Natur können auch im hochtechnisierten 21. Jahrhundert immer neue, keineswegs altbackene Aspekte abgewonnen werden. Und sie zeigen uns wie schon früheren Generationen, wie fragil und vergänglich die pralle Pracht ist.

»Flora. Von Blüten, Blättern, Palmen und Früchten« ist bereits jetzt offiziell verlängert und bis zum 12. Mai im Künstlerhaus Marktoberdorf zu sehen.

www.kuenstlerhaus-marktoberdorf.de

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