Zentraler Grundwert und Machtressource
Seit Juni läuft im tim die Schau »Who cares? Solidarität neu entdecken«. Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, nahm zum Ausstellungsstart in einer Rede Stellung zum Thema Solidarität. Hier seine Rede in Auszügen.
Wenn wir von Solidarität sprechen, müssen wir uns ihrer Vielschichtigkeit bewusst sein. Das ist nicht nur positiv: Solidaritätsangebote gibt es von rechtsextremen Gruppen als Nationalismus und Rassismus, von Anhänger*innen unterschiedlichster Verschwörungstheorien, auch von Unternehmensvorständen, die die eigene Betriebsgemeinschaft in der Standortkonkurrenz beschwören.
Eine neue – positive – Solidarität sehen wir in der Pandemie, wenn Ältere Hilfe von Jüngeren erfahren, wenn aus bislang anonymen Mieter*innen in einem Wohnblock eine Hausgemeinschaft entsteht. In der aktuellen Hochwasserkatastrophe erleben wir Solidarität, wenn sich Menschen mit der Schaufel in der Hand aufmachen, um den Betroffenen bei den Räumarbeiten zu helfen.
Wir erleben transnationale, humanitäre Solidarität in der Flüchtlingshilfe, von der Seenotrettung bis hin zum Beispiel zu unserem »Laden« in Frankfurt, über den wir als IG Metall geflüchteten Menschen Unterstützung bei der beruflichen Orientierung anbieten und erste Schritte in der deutschen Arbeitswelt begleiten.
Gewerkschaften sind Interessenverbände von Lohnabhängigen. Solidarität war und ist unsere Basis, Solidarität war aber für uns nie gleichbedeutend mit Harmonie. Für die Arbeiterbewegung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war Solidarität das Mittel, um fundamentale Rechte zu erkämpfen.
»Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun«, singen wir in der »Internationale«. Solidarität schließt uns zusammen – unsere Solidarität grenzt sich von anderen ab: von den Bedrängern und Unterdrückern, den Reichen, den mächtigen Geiern, den Müßiggängern, wie es im weltweit populärsten Arbeiterlied heißt.
Der soziale und ökonomische Interessengegensatz von Kapital und Arbeit bestimmt gewerkschaftliche Solidarität. Wir haben viel erreicht und erkämpft. Die Rechte der Arbeitnehmer*innen, die Mitbestimmung, den Sozialstaat gäbe es ohne die solidarischen Kämpfe der Gewerkschafter*innen nicht. Trotz dieser unbestreitbaren Erfolge war die Entwicklung gewerkschaftlicher Solidarität dialektisch. Gewerkschaften waren zum Beispiel lange weitgehend blind gegenüber Frauen. Die Frauen haben sich auch in den Gewerkschaften durchgekämpft.
Die IG Metall begreift Solidarität heute als einen unserer zentralen Grundwerte und als zentrale Machtressource. Gewerkschaftliche Solidarität gründet sich auf gemeinsame Erfahrungen, die mit Lohnarbeit zusammenhängen – im Betrieb, im Familien- und Bekanntenkreis, in Gesellschaft und Politik. Denn gemeinsame Erfahrungen führen zu gemeinsamen Interessen. Diese Interessen sind Ausgangspunkt von konkreten Forderungen für Tarifverträge und betriebliche Vereinbarungen. Um sie durchzusetzen, brauchen wir wiederum eine glaubwürdige Gegenmacht und müssen konfliktfähig sein.
Die Gegenmacht beruht auf dem Bewusstsein unserer Mitglieder, dass starke Gewerkschaften unabdingbar sind, um ihre Rechte durchzusetzen und gegen Risiken und Gefahren zu schützen. Solidarität bildet und entwickelt sich aus dieser Einsicht eines jeden Mitglieds. Das ist die rationale Seite.
Emotionale Komponente
Solidarität hat aber auch eine sehr starke emotionale Komponente. In Tarifrunden kämpfen die Mitglieder gemeinsam. Sie stehen zusammen für mehr Entgelt und Verbesserungen im Arbeitsleben. Sie stehen gemeinsam vor dem Werkstor beim Warnstreik. Wenn ich Kolleg*innen frage, was für sie die IG Metall ausmacht, lautet die Antwort oft: »Ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Wenn wir gemeinsam vors Tor ziehen, dann sehe ich, dass wir viele sind, dass wir zusammenstehen, dass wir was erreichen können. Das gibt mir Kraft.«
Wir machen Solidarität erfahrbar. Unser Zusammenhalt gibt uns ein gutes Gefühl, stärkt uns auch persönlich. Aber Solidarität ist heute mehr denn je eine individuelle Entscheidung. Natürlich gibt es viele, zu viele Trittbrettfahrer*innen, die davon profitieren, dass unsere Mitglieder solidarisch Regelungen durchsetzen und auch einen finanziellen Beitrag leisten. Immer wieder höre ich von Betriebsrät*innen, dass Nichtmitglieder die Ersten sind, die ganz genau wissen wollen, was sie persönlich von neuen Tarifabschlüssen haben.
Über zwei Millionen Menschen sind Mitglied der IG Metall. Sie und ihre Solidarität sind eine beeindruckende Machtressource, die auch auf der politischen Bühne in Berlin wirkt. Die IG Metall wird von der Regierung und den Abgeordneten gehört und ernst genommen – nicht unbedingt, weil unseren Argumenten gefolgt wird, sondern weil wir über zwei Millionen Menschen vertreten.
Epochale Aufgabe
Solidarität neu – und weiter – denken, das ist auch Aufgabe der Gewerkschaften. Dekarbonisierung, Digitalisierung, die globale Entwicklung von Wertschöpfungsketten bedingen den strukturellen Wandel unserer Industrien. De facto erleben wir immer noch die Hegemonie der seit Jahrzehnten dominierenden neoliberalen Konstrukte in Politik und Wirtschaft. Und diese Hegemonie müssen wir durch einen ökosozialen Entwicklungspfad ablösen. Wir müssen beweisen, dass mitbestimmte und gut bezahlte Industriearbeit und konsequenter Klimaschutz kein Widerspruch sind.
Das ist eine epochale Aufgabe: der klimaneutrale Umbau unserer Industrie und unserer Energie-systeme und ein die Ressourcen schonender, in die Zukunft gerichteter Umbau unserer Mobilität. Um diesen Entwicklungspfad erfolgreich zu beschreiten, müssen viele gesellschaftliche Gruppen, Organisationen und Institutionen mit- und zusammenwirken.
Nur ein breiter gesellschaftlicher und ökonomischer Konsens wird diese Transformation zum Erfolg machen. Schaffen wir diesen Konsens, dann haben wir die Basis für eine neue, ergänzende Form der Solidarität. Solidarität bedeutet aber hier nicht Harmonie. Streit, Diskussionen und Auseinandersetzungen werden ständiger Begleiter auf der Wegstrecke.
Jürgen Kerner
ist Hauptkassierer und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Der gelernte Informationselektroniker und gebürtige Augsburger verantwortet die Bereiche Finanzen und Controlling, Mitglieder/Beiträge und Leistungen, kaufmännische Dienstleistungen sowie die IT der IG Metall.
Die Ausstellung »Who cares? Solidarität neu entdecken« kann noch bis Anfang 2022 im tim (Textil- und Industriemuseum Augsburg) besucht werden. Ein umfangreiches Rahmenprogramm – die nächsten Termine sind im November – sowie öffentliche Führungen und Gruppenführungen (auch für Schüler und Kindergärten) begleiten die Ausstellung.
Mit der App durch die Sonderausstellung: Auf einer multimedialen Erlebnistour können via Smartphone-App die verschiedenen Themenbereiche erkundet werden: www.actionbound.com/bound/whocares