Zum Bewundern und Nachdenken
Die Ausstellung „Money and Diaries“ in der Neuen Galerie im Höhmannhaus präsentiert Arbeiten von Ferit Kuyas. Von Iacov Grenberg
Die Ausstellung „Money and Diaries“ in der Neuen Galerie im Höhmannhaus präsentiert Arbeiten von Ferit Kuyas. Von Iacov Grenberg
Der Fotokünstler wurde 1955 im Istanbul geboren, lebt und arbeitet heute in Schweiz. Er ist außer als Fotokünstler auch als Kurator und Lehrer tätig, seine Arbeiten sind in verschiedenen renommierten Sammlungen vertreten, einige seine Bücher mit Fotoarbeiten sind im Ausstellungsraum ausgelegt.
Üblicherweise erwartet man auf eine Fotoausstellung besonders gelungene Aufnahmen von verschiedenen Objekten oder einige Objekte unter einem besonderen Blickwinkel zu sehen. Hier gibt es einige solcher Art, wie zum Beispiel ein Hinterteil eines Hundes mit Schwanz, der kleine Kinder so gerne streicheln möchten. Die Aufnahme eines ausgestreckten Frauenbeines, einiger Türmchen aus Münzen und fremdländischen Geldscheinen mit für uns unverständlichen Inschriften auf ihnen. Aufnahme eines einsamen Baumes mit krummen Stamm, in einer Ecke von zwei mit Sonnenlicht übergossenen Mauern. Mich aber haben die ausgestellten Arbeitsgruppen und Aufnahmen von Gruppen einiger Objekte beeindruckt.
Eine der Arbeitsgruppen zeigt zahlreiche kleine Objekte von abgerissenen Hotels. Es gibt Aufnahme von den vielen Kaffeekapseln, die der Künstler getrunken hat, von seinen zeitlich angeordneten Zigarettenkippen, von verschiedenen Computersteckern, die jemand benutzt hat, zahlreiche Blicke aus dem Flugzeugfenster, Gepäcketiketten, an denen noch Reisedaten und Ziele sichtbar sind. Sie alle schreien buchstäblich: Solche gruppierten Aufnahmen einfacher Menschen/Gegenstände können viel über diese Menschen/Gegenstände oder über der/diejenige, der/die diese Aufnahme gemacht oder angeordnet hat, erzählen. Sie haben eine Metaebene, man soll das nie vergessen.
Ich habe schon einmal geschrieben, dass das Wahrnehmen von ausgestellten Objekten einer Ausstellung von Gedanken beeinflusst werden kann, die ein Besucher mit sich in die Ausstellungsräume bringt. Diesmal war das für mich ein Vortrag eines Spezialisten in Computersicherheit, den ich vor einigen Tagen gehört habe. Er sprach von sogenannten Big Data, Speicherung von Daten unserer Aktivitäten im Internet und ständiger Geopositionierung, die unsere Handys und Smartphones machen und jemandem schicken. Als Beispiel nannte er, dass die Datensammlung an einem Tag auf einem Parkplatz kaum aussagekräftig sind. Aber solche Daten ein Jahr gesammelt, erlauben ganz bestimmte Rückschlüsse. Sie verraten zum Beispiel, wer in der Nähe lebt oder arbeitet, wer hier ständig einen Arzt besucht oder eine Geliebte hat.
Das Hauptproblem war für ihn, dass solche Daten auf den Servern von Internetgiganten gesammelt werden, auf die diverse Nachrichtendienste haben können. Das Problem, dass solche Datensammlungen uns, einfache Bürger, in gläserne Menschen verwandeln, war für ihn zweitrangig. Obwohl er sagte, dass alles, was man verbrauchen kann, auch missbraucht werden kann.
Die drohende Perspektive in einen „gläsernen“ Mensch verwandelt zu werden lässt mir keine Ruhe. Obwohl, mit 72 Lebensjahren sind meine Möglichkeiten zu sündigen sehr eng geworden und es gibt wenig zu verbergen. Dennoch gibt es viele Dinge, die ich nicht öffentlich zugänglich machen möchte. Einige meine Beschwerden und Arztvisiten verheimliche ich auch von meiner Frau. Wenn ich ein Geschenk für meine Kinder aussuche, ist Verheimlichung einfach geboten, da ein Geschenk an Kindern nicht nur großzügig, sondern auch überraschend sein soll. Falls Sie, liebe Leser*innen jünger sind, haben sie zweifelsohne wesentlich mehr, was Sie keinesfalls zugänglich für unbefugten Dritten machen möchten.
Die ausgestellten Arbeitsgruppen und Aufnahmen von zeitlich angeordneten Objekten schienen mir als eine laute Erinnerung an unsere heutige Situation. Liebe Leser*innen, hoffentlich besuchen Sie diese Ausstellung mit anderen „Hintergrundgedanken“ und sehen die ausgestellten Arbeiten mit anderen Augen. Im jeden Fall dort gibt es was zu bewundern und das ist noch bis 26. September.
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de/neue-galerie-im-hoehmannhaus
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