Politik & Gesellschaft

Zur Sache, Schätzchen

a3kultur-Redaktion

Der erfreuliche Fund von 15 Kilogramm römischer Silbermünzen bringt die Augsburger Politik einmal mehr in Verlegenheit.

Endlich einmal gute Nachrichten. Der Andrang war groß, als Vertreter*innen der Stadt Augsburg mit stolzgeschwellter Brust im blitzsauberen Depot der Stadtarchäologie, der Presse den spektakulären Fund von rund 5.600 römischen Silbermünzen präsentierten.

Schnell machte schon Tage zuvor die Meldung vom größten römischen Silberschatz, der jemals in Bayern gefunden wurde, die Runde. Dieses Ereignis weckt Sehnsucht und Abenteuerlust und bindet für einen Augenblick die Aufmerksamkeit der Menschen. Ein perfektes Thema, möchte man meinen.

Die ersten Denare tauchten bereits vor rund einem Jahr bei Grabungen auf, welche die Bauarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Zeuna-Werke im Augsburger Stadtteil Oberhausen begleiten.

»Wir gehen davon aus, dass der Schatz im frühen 3. Jahrhundert außerhalb der Stadt Augusta Vindelicum, nahe der dort verlaufenden Via Claudia, vergraben und nicht wieder geborgen wurde. Das Versteck wurde wohl viele Jahrhunderte später durch ein Wertach-Hochwasser weggespült und die Münzen damit im Flusskies verstreut«, erläutert Sebastian Gairhos, Leiter der Stadtarchäologie Augsburg und quasi Schatzmeister des Fundes.    

Außer der Münzen bargen die Wissenschaftler*innen in den vergangenen zwei Jahren auf dem besagten Gelände Waffen, Werkzeuge, Geschirr und vieles mehr. Rund 1.000 Kubikmeter Kiesboden mussten untersucht werden. Die Fragmente und Artefakte mit einem Gesamtgewicht von über 400 Kilogramm stammen von einem Militärstützpunkt, der an der Wertach im 1. Jahrzehnt vor unserer Zeitrechnung dort eingerichtet wurde. Die Funde sind in Teilen stark korrodiert, oft bis zur Unkenntlichkeit verkrustet. Die Konservierung, Freilegung und wissenschaftliche Bearbeitung steht noch bevor. 

Das Grabungsareal wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem einst wilden Alpenfluss Wertach abgetrotzt und bildete die Südgrenze des Fischerholzes, des legendären und zeitweise größten Elendsviertels der Fuggerstadt. Erst vor wenigen Jahren verschwanden hier die letzten Baracken. Das Quartier wurde zur Gentrifizierung freigegeben. Den Zuschlag für die Entwicklung und Bebauung der ehemaligen Auspufffabrik Zeuna Stärker ging an das Unternehmen Solidas aus der Nachbarstadt Gersthofen, nur wenige Kilometer flussabwärts. 

»Wir wussten natürlich vor dem Kauf, dass dieses Gelände historische Bodenschätze bergen kann«, erzählte Dr. Heinz Schnürch, Immobilienökonom bei Solidas, am Rande des Pressetermins. Die damit verbundenen finanziellen Risiken waren von Beginn an Teil des Rechnungskonzepts bei diesem Projekt. Für seine Firma bedeuten die Grabungen nicht nur eine erhebliche zeitliche Verzögerung, sondern auch Kosten für die vor Ort tätigen Archäolog*innen.

Als Eigentümerin des Geländes ist Solidas, nach bayerischem Recht, alleinige Besitzerin der Münzen. Diese stellen jedoch keinen so enormen monetären Wert da, wie man es beim Schlagwort Silberschatz vermuten möchte. Zur Römerzeit entsprach der Wert der Münzen in etwa dem Jahressold von zehn Soldaten. Mit einer Summe in vergleichbarer Höhe schlug auch eine der prächtigen antiken Grabstelen zu Buche, die unweit der Zeuna-Fundstelle schon vor Jahren entdeckt wurden und lange Zeit zum Stolz des Römischen Museums in Augsburg gehörten, bis dieses geschlossen wurde. Aber dazu später. 

Zehn Söldner auf ein Jahr wären heutzutage für den aktuellen Gegenwert des Fundes, zumindest in unseren Breiten, nicht zu bekommen. Ein kunstvoll gefertigtes Grabmonument wohl auch nicht. Der Preis für das Edelmetall bei dem etwa 15 Kilogramm schweren Fund liegt gegenwärtig bei gut 10.000 Euro und ist damit, vom reinen Geldwert her gesehen, eher ein Schätzchen als ein Schatz. Sein Verkauf würde allenfalls einen Bruchteil der anfallenden Kosten für die Bergung, Freilegung und weitere wissenschaftliche Bearbeitung der Fundstücke decken. Solidas denkt jedoch gar nicht an eine Verwertung und überlässt den Fund erfreulicherweise der Stadt Augsburg und ihren Bürger*innen.

Im Hinblick auf den historischen Wert bringt der Fund, nach aktuellem Wissensstand, kaum wirklich neue Erkenntnisse. Dass auf dem Gebiet der heutigen Stadt Augsburg zur Römerzeit ein militärisch und wirtschaftlich gleichermaßen bedeutender Ort heranwuchs, war längst bekannt.

Menschen aus dem gesamten Römischen Reich wurden dort heimisch. Sie kamen aus Gebieten des heutigen Bulgarien oder Griechenland ebenso wie aus dem Mittleren und Nahen Osten, aus Nordafrika, von der Iberischen Halbinsel, aus Gallien und Germanien sowieso und einige wohl auch aus Rom. Man darf sich die Straßen im antiken Augsburg ebenso lebendig, divers und bunt vorstellen wie heute im Stadtteil Oberhausen, dem Fundort der Münzen. Eine kollektive Besinnung auf diesen Ursprung unserer Stadt wäre ein echter Gewinn.

Auch wäre es wünschenswert, dass die Aufmerksamkeit, die aus dem Silber erwächst, der seit Jahren festgefahrenen Suche nach einem Präsentationsort für die römische Vergangenheit der Stadt neue Schubkraft verleihen würde. Wir erinnern uns, vor bald zehn Jahren musste das Römische Museum aufgrund statischer Probleme seine Pforten schließen. Ein weiterer Schock, den die Kulturstadt Augsburg zu verkraften hatte. Seither ringt die Politik mit sich selbst um ein annehmbares Nachfolgekonzept.

Folgerichtig bezeichnete OB Eva Weber bei der Pressekonferenz diesen Zustand als »einen Stachel im Fleisch der Stadt«. So weit, so richtig. Wenn die OB den Stillstand in der Causa jedoch, wie bei der Pressekonferenz geschehen, mit den Steuerausfällen durch die Coronakrise erklärt, verschweigt sie den Fakt, dass die Stadt – mit ihr als Finanzreferentin – schon vor der Pandemie kein Geld für das römische Erbe aufbringen wollte. Wie man weiß, bindet die Stadt derweilen ihre Möglichkeiten in anderen Bauvorhaben historischer Dimension.

Da blieb dem selbstverständlich ebenfalls beim Pressetermin angetretenen Kulturreferenten Jürgen Enninger nichts anderes übrig, als auf einen rasch entworfenen dreistufigen Aktionsplan Römerstadt zu verweisen, der mit der Präsentation der neuen Funde in wenigen Wochen starten soll. Enninger sprach von einer virtuellen Erlebnistour »alte Römerstadt«, einer Neuausrichtung der Ausstellung »Römerlager« in der Toskanischen Säulenhalle unter besonderer Berücksichtigung der neuesten Fundstücke sowie der Planung eines Museums. Angesprochen auf den Zeitplan für diesen neu zu schaffenden Kulturort antwortete der Referent sinngemäß wie folgt: »Wenn in dieser Legislaturperiode eine Einigung über den Standort erzielt werden kann, werte ich das als Erfolg.« Derweil wundert man sich Land auf, Land ab, über den fragwürdigen Umgang der Augsburger*innen mit ihrem großen kulturellen Erbe.

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