Zu-zweit-Sicht
Über zwei Jahrzehnte hinweg hat hauserconsulting Kunstschaffende ausgezeichnet, die von den Großen der nationalen Kunstszene ausgewählt wurden. In der Halle 1 im Glaspalast sind alle in der Ausstellung »Seismograph unserer Zeit. 20 Jahre Zeitsicht Art Award« vereinigt.
Es gibt Kunstpreise, deren Intention sich nicht punktuell an einem Preisträger oder dem prämierten Werk festmachen lässt, sondern es bedarf der Betrachtung über einen längeren Zeitraum, damit sich das Gesamtbild ergibt.
Der »Zeitsicht Art Award«, den der Unternehmensdienstleister hauserconsulting seit 2002 vergibt, gehört zu dieser Sorte Preis. Es gibt kein vorgegebenes Thema, eine Bewerbung ist nicht möglich. Die preiswürdigen Künstler*innen, bis zu jenem Zeitpunkt oft unbekannt, werden seit 2007 von namhaften Kolleg*innen aus der deutschen Kunstszene vorgeschlagen, die auch die Laudatio dazu halten. Unter diesen finden sich prominente Namen wie Rebecca Horn, Neo Rauch, Arnulf Rainer oder Daniel Richter.
Das von Eberhard Hauser und Martin Hagen ins Leben gerufene Konzept, die Auswahl der Preisträger*innen in die Hände unabhängiger Fachleute zu legen, hat zu einer interessanten Mischung aus Techniken, Ethnien und Themen geführt, die auch ohne spezielle Kuratierung einen facettenreichen Blick in die jüngere Vergangenheit gestattet.
Manches überrascht, anderes weniger. So kann man im Werk des Bildhauers Alexander Knych (geboren 1972) durchaus Parallelen zu den Arbeiten seines Bewunderers Markus Lüpertz sehen, und auch das Wirken beider an der Düsseldorfer Kunstakademie dürfte verbindendes Element sein. Dass sich allerdings der Documenta-14-Teilnehmer und studierte Künstler Daniel Knorr – der Kunstwelt noch durch den weißen Rauch, den er vom Kasseler Zwehrenturm aufsteigen ließ, bekannt – mit der Französin Nès Joëssel eine autodidakte Kunstschaffende, welche sich bis dato gar nicht selbst als Künstlerin begriff, überhaupt erst ins Licht der Öffentlichkeit gerückt hat, zählt zu den interessanten Hintergrundgeschichten, die die Dimension des Begriffs »Zeitsicht« erst erahnen lassen: Es muss nicht der akademische Blick auf die Welt sein, auch der der sogenannten »outsider art« ist geduldet, ja vielleicht sogar erwünscht.
Auch Arnulf Rainers Wunschkandidat, der geistig behinderte, ebenfalls autodidakte Zeichner Josef Hofer, der in der Folge des Awards in das Blickfeld internationaler Galerien rückte, eröffnet mit seinen rohen, aber von innerer Kohärenz getragenen Zeichnungen einen Blick auf die Welt, vielleicht sogar den ehrlicheren als manch verbildetes Kunstwerk.
Eine inhaltliche Linie gibt es also nicht. Auch an Techniken ist von Malerei und Grafik über Fotografie bis zur Performance die gesamte Bandbreite künstlerischen Schaffens zu sehen. Nicht die großen Themen der letzten zwanzig Jahre – Kriege, Naturkatastrophen, technischer oder medizinischer Fortschritt – werden hier verhandelt. Eher nähert sich die Ausstellung aus der individuellen Beobachtung des eigenen Nahbereichs an die Themen der zwei zurückliegenden Dekaden an.
Das Additive der Ausstellung macht ihren Reiz aus. Der Bezug zu Zeit und Zeitgeschehen in den verschiedenen Kunstkonzepten springt manchmal nur allzu deutlich ins Gesicht; zum Beispiel bei den Fotomontagen von Dirk Brömmel (des ersten Preisträgers 2002, damals noch von einer Jury ausgewählt), die Szenen aus dem Privatleben deutscher Bundeskanzler zeigen. Manchmal muss man ihn auch suchen, wie in den Naturfotografien von Kerstin Braun (ebenfalls 2002), wo vor allem in der Art des künstlerischen In-Szene-Setzens der Motive die Verortung ansetzen kann. Und mit dem Grandhotel Cosmopolis (2015, vorgeschlagen von Katharina Sieverding), das als soziale Plastik naturgemäß nicht als Werk ausgestellt werden kann, sondern in Form seiner Dokumentation nacherlebbar wird, hat sogar ein Stück Augsburger Stadtgeschichte Einzug in den »Zeitsicht«-Reigen gefunden.
Mehr Infos auf www.zeitsicht.info und auch in unserer aktuellen Sonderveröffentlichung »20 Jahre Zeitsicht Art Award«.
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