Theater & Bühne

Angst

In der Welt überschlagen sich die Ereignisse und im Martini-Park feiert die belarussische Theatergruppe »Kupalaucy« eine Premiere, in der es um Angst geht, viel Angst, zu viel Angst.

Ein Richter, der trotz eindeutigen Sachverhalts nicht fähig ist zu urteilen, da er aus Furcht vor Repressalien nicht nach geltendem Recht glaubt urteilen zu können. Eine jüdische Frau, die ihren Mann verlässt, da dieser von der besseren Gesellschaft geächtet wird, weil er mit ihr verheiratet ist. Ein paranoides Ehepaar, das glaubt ihr Sohn könnte ihre nicht regimetreuen Worte verraten und sie anzeigen. Und letztlich ein Radiomoderator, der zwei Arbeiter zu Propagandazwecken interviewt. Als ein Arbeiter seine Meinung vertritt, wird ihm das Wort entzogen.

Das Theaterkollektiv »Kupalaucy« pickte sich für sein Stück »Fear/Furcht«, das gestern Abend seine Live-Premiere feierte, vier drastische Szenen aus Brechts »Furcht und Elend im Dritten Reich« heraus. Jene Furcht, die durch alle Ritzen und jeden Spalt eingedrungen ist und sich nun in den Häusern und Köpfen der Menschen breit gemacht hat. Die Furcht geht so tief, dass Eltern glauben, ihr eigenes Kind könnte sie bespitzeln und verraten.

Die Theatergruppe aus Minsk agiert nur noch im Untergrund oder im Ausland. 2020 verließen die Schauspieler*innen geschlossen das Janka Kupala Nationaltheater, um auf diese Art ein Zeichen gegen das repressive Regime des Diktators Lukaschenko zu setzen. Ein Teil der Künstler*innen musste nach Polen oder Deutschland fliehen. Es war das Einzige was sie tun konnten, so Regisseur Nikolai Pinigin. Die Darsteller*innen, die nach Augsburg einreisen konnten, haben sich für das Brechtfestival erst wieder zusammenfinden müssen. Ein Teil konnte überhaupt nicht einreisen. Und so, sehen die Zuschauer*innen an diesem Abend zwei Kurzfilme und zwei live dargestellte Szenen auf der realen Bühne. Nicht wegen Corona, nein, mangels realer Freiheit.

Pinigin erklärte in einem Interview, dass er sich nicht hätte vorstellen können, dass Brechts Stück in seiner Heimat so aktuell werden würde, in einem Land, wo jeder Dritte im Zweiten Weltkrieg umgekommen sei. Pinigin ist selbst nicht nach Augsburg gereist, da er derzeit in der Ukraine arbeitet und ein Einreiseverbot dorthin zurück fürchtete. Nur Stunden nach der Premiere seines Theaterabends werden Hunderttausende Ukrainer*innen aus Angst versuchen ihr Land zu verlassen.

Obwohl keine Bezüge in die Gegenwart gesetzt wurden, ist dieser Theaterabend aktueller denn je, so erbarmungslos ehrlich und unglaublich berührend. Denn auf der Bühne stehen Menschen, die unvorstellbare Angst und Leid darstellen, die selbst unvorstellbare Angst und Leid erleiden mussten und noch müssen. 

»Dieses Stück geht so sehr über unser heutiges Belarus. Um unsere Menschen. Vielleicht ist das von außen nicht so sichtbar, aber viele müssen ihre Heimat verlassen, viele Familien gehen deshalb auseinander. Diese Angst, die unser Umfeld kontrolliert, das alles finden wir bei Brecht und das alles ist unsere Realität hier und jetzt und deshalb tut es so weh«, teilte die Hauptdarstellerin in einem Interview vorab mit. Doch von außen ist das durchaus sichtbar und fühlbar.

Wie wir im Theatersaal sitzen und anschließend den Heimweg antreten, überschlagen sich die Ereignisse und Brechts Stück über Angst wird an diesem Abend real. Dieser Theaterabend lässt jeden nicht mehr so schnell los.

 

Die Aufzeichnung des Publikumsgesprächs mit »Kupalaucy« ist in der Mediathek des Brechtfestivals verfügbar. 

www.brechtfestival.de

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