Nicht neutral und objektiv
Wie Europa einst die Welt sah – und warum wir dies heute hinterfragen müssen. Ein Gastbeitrag von Claas Henschel
Europas Blick auf die Welt dominierte in den letzten Jahrhunderten: Europäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler »entdeckten« neue Pflanzen, die den Menschen vor Ort wohlbekannt waren. Berge und Flüsse wurden nach berühmten Europäerinnen und Europäern benannt, obwohl diese bereits Namen hatten. Und europäische Kunstschaffende zeichneten andere Länder und Kulturen für ein europäisches Publikum, ohne diese selbst bereist zu haben.
In den letzten Jahrzehnten wurden sowohl innerhalb wie außerhalb Europas immer mehr Stimmen laut, die darauf hinwiesen, dass der Blick Europas auf die Welt eben nicht neutral und objektiv war. Europäische Wissenschaftlerinnen und Künstler waren in ihrer Wahrnehmung anderer Kulturen durch ihre eigenen Vorannahmen geprägt, die teils auf jahrhundertealten Beschreibungen und Reiseberichten beruhten, die oft mit der Realität wenig zu tun hatten.
Kritisch hinterfragen und alternative Perspektiven zulassen
Dieses »Sich-bewusst-Werden« des eigenen, stark europäisch geprägten Standpunktes betrifft jedoch nicht nur die Kunstwerke in unseren Museen, auf denen andere Kulturen dargestellt werden. Es erfordert auch von uns Museumsmitarbeitenden, dass wir die eurozentrischen Grundannahmen, mit denen wir aufgewachsen sind, kritisch hinterfragen und alternative Perspektiven zulassen. Wir sehen uns dazu nicht nur aus wissenschaftlicher Redlichkeit verpflichtet, die Sichtweisen vergangener Jahrhunderte nicht einfach zu replizieren, sondern sind es auch unserem kulturell vielfältigen Publikum schuldig. Dieses besucht unsere Kunstsammlungen und Museen und stellt sich zu Recht die Frage: Wie wird meine Kultur hier eigentlich dargestellt?
Ein anschauliches Beispiel hierfür kann man im Festsaal des Schaezlerpalais betrachten: Das beeindruckende Deckengemälde von 1767 zeigt vier Kontinente in Frauengestalt: Diese Allegorien von Afrika, Amerika und Asia umgeben die Darstellung der Europa, die hier im Zentrum der Welt steht. Prächtig werden alle vier Frauenfiguren dargestellt, aber sie unterscheiden sich enorm in ihren Attributen: Europa ist umgeben von Geige und Zirkel als Zeichen von Kultur und Wissenschaft, Kanone und Gewehr als Symbol für militärische Schlagkraft und der Bibel als Kennzeichen für die »wahre« Religion. Afrika dagegen prägen wilde Tiere, während Asia mit wertvollen Stoffen geschmückt ist. Die Darstellung von Amerika ist dominiert von Waren wie Perlen, Korallen und Gold, die mit Schiffen gen Europa transportiert werden. Im Zentrum schüttet der Gott Merkur den Reichtum aus, den Europa aus den anderen Weltteilen gezogen hat.
BU: Das beeindruckende Deckengemälde im Festsaal des Schaezlerpalais zeigt vier Kontinente in Frauengestalt: Diese Allegorien von Afrika, Amerika und Asia umgeben die Darstellung der Europa, die hier im Zentrum der Welt steht. Europa ist umgeben von Geige und Zirkel als Zeichen von Kultur und Wissenschaft, Kanone und Gewehr als Symbol für militärische Schlagkraft und der Bibel als Kennzeichen für die »wahre« Religion. Afrika dagegen prägen wilde Tiere. Im Gegensatz zur voll bekleideten Europa bleibt Afrika beinahe gänzlich nackt.
Auffällig ist auch die Kleidung der vier Kontinentdarstellungen. Im Gegensatz zur voll bekleideten Europa wird die Asia mit halb entblößter Brust dargestellt. Afrika und Amerika bleiben beinahe gänzlich nackt. Dies kann als Hinweis auf das wärmere Klima dieser Kontinente verstanden werden, setzt die vier Figuren aber auch in eine klare Rangfolge bezüglich ihrer »Zivilisiertheit«, mit Europa an der Spitze. Um diesen Blick auf andere Kulturen, der sich vor allem auf das konzentrierte, was für Europa interessant und wertvoll erschien, sichtbar zu machen, arbeiten wir aktuell mit mehreren Augsburger Initiativen wie der Black Community Foundation oder Open Afro Aux zusammen.
Es müssen aber nicht nur die selten neutralen Perspektiven aufeinander, sondern auch die vielfältigen Kontakte zwischen verschiedenen Kulturen in der Geschichte deutlich gemacht werden. Der Handel mit Waren und die Migration von Menschen aus allen Teilen Europas, Nordafrikas und dem Nahen Osten prägten Augsburg bereits in der Römerzeit und haben ihre Spuren in unseren Sammlungen hinterlassen. Augsburger Künstler reisten in der Frühen Neuzeit zu ihrer Ausbildung quer durch Europa und produzierten Auftragsarbeiten für den osmanischen Hof. Und der Handel reicher Augsburger Familien und Industrieller mit europäischen Kolonien in den Amerikas, Afrika und Asien prägte die Stadt seit dem 16. Jahrhundert.
Um diese Verbindungen zu vermitteln, entwickeln wir als ersten Schritt im Rahmen des EU-geförderten Projekts DIWA (Das inklusive Wir in Augsburg) eine App, die verschiedene Rundgänge durch die Sammlungen der Augsburger Museen anbietet. Dies ermöglicht es uns, die Hintergründe der ausgestellten Objekte neu zu beleuchten und unterschiedliche Sichtweisen dazu zu vermitteln. Durch das Angebot dieser Rundgänge, auch in einfacher Sprache, Gebärdensprache, Englisch und weiteren Sprachen, haben wir die Möglichkeit, neue Zielgruppen zu erreichen und an unseren Ausstellungen teilhaben zu lassen. Das gilt auch für alle, die in Augsburg wohnen, einer Stadt, die in ihrer Geschichte schon immer von Migration und kulturellem Austausch geprägt war.
Sehen Sie zu diesem Thema auch das Interview mit Dr. Christof Trepesch, leitender Direktor der Kunstsammlungen und Museen Augsburg.
Claas Henschel studierte in Jena und Heidelberg Soziologie und Geschichte mit Schwerpunkt auf globalen Verbindungen seit der Frühen Neuzeit. Von 2016 bis 2021 unterrichtete er an der Universität Augsburg am Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte und promovierte zu Identitätsdiskursen und Kolonialismus im internationalen Flugverkehr. Aktuell arbeitet er für die Kunstsammlungen und Museen Augsburg im Projekt DIWA (Das inklusive Wir in Augsburg) an einer App mit spannenden Rundgängen durch die Vielzahl an Augsburger Museen.