Betörend bis verstörend
Ana Isabel Casquilho, Nikolaos Doede und Giovanni Napoli, drei Company-Mitglieder, zeigten ihr choreografisches Potential und überzeugten beim aktuellen Tanzabend junger Choreografen nicht zuletzt mit ausdrucksstarken visuellen Bühnen-Momenten. Die jeweils halbstündigen Tanzwerke tragen Titel wie »Blink«, »To Remove a Wasp« und »Ines« und setzen die seit einigen Jahren gemachte programmatische Ansage »Schluss mit lustig!« fort.
So dunkel, verstörend und beängstigend die Krisen- und Kriegsstimmung »Draußen«, so wenig amüsant blieb es konsequenterweise auch »Drinnen« auf der Brechtbühne. Während im Martini-Park das Musiktheater mit apokalyptischer Wucht »Das Ende der Schöpfung« auf die Bühne stellt, beschäftigen sich die zeitgenössischen Tänzer*innen am Staatstheater Augsburg u.a. mit den verheerenden Auswirkungen, die Selbstzweifel, Angst und negative Energien auf die »geistige oder emotionale Gesundheit« unseres Organismus haben. Was das dann mit der emotionalen Verfasstheit der Zuschauer*Innen macht, steht auf einem anderen Blatt … Die kreischende Zustimmung der Insider und lange anhaltender Premierenbeifall blieben in jedem Fall nicht aus und zollten der vitalen Company, die wirklich alles gab, um den Erfolg ihrer choreografierenden Kolleg*innen auf hohem tänzerischem Level zu ermöglichen, den verdienten Respekt.
Nikolaos Doede überschrieb seine Choreografie mit »To remove a Wasp«. Angeheizt vom wahrhaft »polymorph«-schrägen Soundmix (u.a. Auszüge aus dem Album »Pendercki and Greenwood« sowie Radiohead) spornte er sein elfköpfiges Ensemble im uniformierenden Anzuglook zu flippigen Höhen-Sprung-Leistungen an. Kompromisslos und rau fochten sie den Verteilungs-Kampf aller gegen alle und gegen die eigenen zerstörerischen Zwänge aus. Im »High Energy«-Modus wurde das Gegenüber in Duo und Trio-Sequenzen bedrängt, solistisch eindringlich die am Ende vernichtende Entblößung vorgeführt und vom Bühnenhimmel regnete es endlos lange und nebelumflort ascheähnliche Kleiderfetzen. Schaurig verstörend!
Wasser, das aus einem Trichter ebenfalls von oben herab auf die einem (Ritual?)- Mord zum Opfer gefallene Titelfigur »Ines« (schwerelos, schmerzlich intensiv getanzt von Martina Piacentino) herabregnet, um sich alsbald blutrot einzufärben, spielte dagegen in Ana Isabel Casquilhos Stück eine wesentliche Rolle. Hier wurde mit archaischer Symbolik, hinreißender poetischer Bilderkraft und neun überaus präsenten Tänzer*innen gearbeitet, um die von einer alten portugiesischen Legende inspirierte Choreografie zur emotionalen Komposition von Pluto Tideswell in einer transparent und sinnlich formulierten Körpersprache zu erzählen. Dramaturgisch und choreografisch der stärkste Beitrag im »New Comer«-Abend.
Dieser startete mit »Blink« und einem visuellen Wow-Moment in Form effektvoll auf vier Tafeln projizierten Ozean-Rauschens. Ein unheimliches, magisches Riesen-Auge unterbrach mit seinen Lidschlägen das Geschehen, das Erfahrungen von Leere, (Ent)-Zweisamkeit, Abhängigkeiten, Rettung und Befreiung einkreiste und bannte seinerseits die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Gekonnt spielte Giovanni Napoli gemeinsam mit den sechs Tänzerinnen und den drei Tänzern, die er auf mehreren Ebenen und den jetzt als Auftrittspodesten genutzten Tafeln in den Werden und Vergehen-Kreislauf der Naturkräfte involvierte. Was im Moment entsteht, entfacht bald Größeres, wo wie der Flügelschlag der Schmetterlinge. Bemerkenswert neben den kleidsamen Kostümen (Cosmo Sancilio, Nuvia Valestri) die Bewegungsqualität, die fantasievoll dem animalischen Naturell nachspürte und im finalen Solo der betörend tanzenden Gabriela Zorzete Finardi Flügel verlieh.
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Bewegende Verbindungen
»Stofflich« haben sich die drei Tänzerinnen des Augsburger Kollektivs ContempoGary mit der Kostümdesignerin Rebecca Bender, die als Veranstalterin das Publikum begrüßte und in den Abend einführte, auf das Thema des »Verbunden-Seins« verständigt.
Einbindung und Ausstoßung
Atemberaubend die Schrecksekunde vor dem finalen Blackout, in der Martina Piacentino als wagemutige Heldin von vier Tänzern zirkusreif in die Luft geschleudert wird. Ihr »Opfer« ist Teil der ausweglosen, rigiden Ordnung. So sichert sich ein undurchdringliches, letztlich erbarmungsloses System im Kollektiv sein Überleben. »Was geschieht, vollzieht sich durch viele – ohne eindeutige Verantwortung«, so klärt Dramaturg Nikolas Léwy im Programmheft auf.