Bühne frei! … von Diskriminierung?
Am 1. Oktober feierte das Junge Theater Augsburg mit »Irreparabel« Premiere. Die Veranstaltung im Abraxas Theater bildete den Auftakt zum Projekt »Bühne frei!«, dessen Ziel es ist, Menschen mit und ohne Behinderung zusammen auf die Bühne zu bringen.
Ikarus und Francis sind ein ungleiches Paar. Trotzdem werden sie während eines Krankenhausaufenthalts beste Freunde und helfen sich gegenseitig durch die Reha. Denn Ikarus sitzt im Rollstuhl und Francis hat eine degenerative Nervenkrankheit. Als Francis früher als gedacht entlassen wird, droht die Freundschaft zu zerbrechen.
Die Dynamik zwischen Ikarus, gespielt von Joschka Kientsch, und Francis, dargestellt von Ferdinand Ascher, ist beeindruckend. Man spürt nicht nur die ungezwungene Verbundenheit der beiden Figuren, auch die beiden Schauspieler harmonieren ideal auf der Bühne, stützen sich gegenseitig. Kientsch und Ascher liefern ab, stehen sich in nichts nach und beweisen damit, wie gut die Zusammenarbeit zwischen Menschen mit und ohne sichtbare Behinderungen funktionieren kann.
Nichtsdestotrotz hinterlässt das Stück einen faden Nachgeschmack. Nach der Vorlage von Sergej Gößner, die nach einiger Kritik erst in »Irreparabel« umbenannt wurde, präsentiert das Team des Jungen Theater Augsburg ein lautes, plakatives und sprachlich derbes Stück, das sich an der Zielgruppe von Jugendlichen orientiert. Soweit geht der Plan auf, das Schauspiel zeigt sich provokativ und ungezügelt. Leider kippt dies teils ins Problematische. Wenn Ikarus beispielsweise seinen Psychologen mit homophoben Begriffen beschimpft oder seinen Schwarm Jasmin zum Objekt degradiert, wird man hellhörig. Im Gegensatz zu der (sehr richtigen) Klarstellung, dass diskriminierende Begriffe gegenüber Menschen mit Behinderung nicht benutzt werden sollten, fallen Sexismus und Homophobie beinahe gänzlich unter den Tisch. Bei einer derart plakativ gestalteten Inszenierung wäre mehr Klarheit definitiv wünschenswert.
Dennoch zeigt sich: Der Plan von »Bühne frei!« geht auf. Als Bestandteil des von der Aktion Mensch geförderten Vierjahresprozesses zeigt »Irreparabel«, wie die langfristige inklusive Öffnung des Jungen Theaters Augsburg funktionieren kann. Das ist ein lobenswerter und längst überfälliger Schritt. Das JTA macht es vor, die Frage nun: Wer schließt sich an?