Klassik

Music for strings

Renate Baumiller-Guggenberger bespricht die aktuelle CD der bkp. Sie ist dem vor 125 Jahren geborenen Musiker Paul Ben-Haim gewidmet.

Schon immer hat sich die bkp parallel zu ihrer Vater-und-Sohn-Mozart-Expertise für besondere Konzertprojekte mit Neugier auf musikalische Spurensuche begeben. Jetzt ist sie einmal mehr fündig geworden. Als aktuellen Schatz hob sie pünktlich zum 125. Geburtstag den Komponisten Paul Ben-Haim und setzte ihn im Album »Music for strings« mit Stücken für Streichorchester ins gebührende Licht.

Die vier ausgewählten Werke komponierte Ben-Haim in elf Jahren direkt nach dem Zweiten Weltkrieg und somit in einer Lebensphase, die ihn nachhaltig prägte. Seine Hoffnung und seine Aufbruchsstimmung standen im Schatten der katastrophalen Ereignisse in Europa und der schmerzhaften Erfahrungen von Verfolgung und Exil. Seine Biografie ist die vieler deutscher Juden, die den mit den persönlichen und politischen Verwerfungen jener Zeit verbundenen Bruch in der ganzen Breite durchlebten.

1897 kommt Paul Ben-Haim in München unter dem Namen Paul Frankenburger zur Welt. Zwischen Odeonsplatz und Stachus wächst er in einer wohlhabenden Familie auf, besucht das Wilhelmsgymnasium, lernt Geige und Klavier, wird Absolvent der Münchner Königlichen Akademie für Tonkunst in den Fächern Dirigieren, Klavier und Komposition (1915–1920). An der Bayerischen Staatsoper assistiert er Bruno Walter und Hans Knappertsbusch und wird schließlich im Jahr 1924 als Kapellmeister in Augsburg engagiert. Bald werden rechtspopulistische Parolen salonfähig und die Judenfeindlichkeit zieht in die Kulturinstitutionen ein. 1931 entlässt das Augsburger Theater den jüdischen Kapellmeister Frankenburger. Wie viele jüdische Künstler emigriert er nach Palästina, ändert seinen Nachnamen in »Ben-Haim« (»Sohn Heinrichs«) und baut in Tel Aviv seine Karriere als Pianist, Dirigent und Komponist aus.

In Deutschland hatte er im »romantischen« Stil komponiert, schrieb Lieder zu Gedichten von Goethe, Mörike oder Heine, in Israel änderte sich das entsprechend rasch, zogen sephardische Melodien in seine Werke ein, vertonte er biblische Texte oder Gedichte zeitgenössischer jüdischer Schriftsteller und ließ sich von der Melodik und Rhythmik jüdischer und arabischer Lieder beeinflussen.

In seiner neuen Heimat wurde er zu einer prägenden Persönlichkeit für das Musikleben Palästinas und die Entwicklung eines israelischen Nationalstils. Ihn selber inspirierte die Musik von Richard Strauss und Gustav Mahler. Hört man das aktuelle Album an, darf man vermuten, dass er auch Schostakowitsch schätzte, Bartóks und Brittens Werke (aner)kannte, womöglich auch Carl Orff spannend fand.

Aus Ben-Haims rund 70-jähriger künstlerischen Tätigkeit gingen über 250 Kompositionen für nahezu alle Gattungen hervor, die trotz großer Aufführungserfolge heute eher selten zu hören sind. Das Oratorium »Joram«, das er 1933 komponierte, wurde erstmals im April 2012 in Israel in einer ungekürzten Originalfassung aufgeführt.

Womöglich ändert sich das mit dem Album und kommenden Livekonzerten und auch dank des Engagements und der Arbeit des nach ihm benannten Forschungszentrums in München, das zwischen dem israelischen Generalkonsulat und dem NS-Dokumentationszentrum situiert ist und sich intensiv den Geschichten und der Musik jüdischer Komponistinnen und Komponisten widmet.

Die beiden »Welten« von Paul Ben-Haim, der Versuch, sie klanglich zu verschmelzen, die emotionalen Erlebnisse und Erfahrungen haben den Komponisten Paul Ben-Haim ganz offenkundig geprägt. Oder ist er gar als Komponist zwischen den Welten zu sehen bzw. zu hören? Womöglich sind seine Stücke für Liebhaber der klassischen Moderne nicht avantgardistisch genug, für andere nicht jüdisch oder orientalisch genug. Wo liegen der Reiz und die Besonderheit seines Schaffens und warum lohnt es sich heute, seiner Musik, die er für das »vornehmste aller Instrumente« (so bezeichnete Ben-Haim das Streichorchester im Vorwort einer Partitur) komponierte, vorurteilsfrei zu begegnen?

Es ist eine für sich sprechende Musik, die sich klanglich, »sanglich« mühelos erschließt, ohne jemals eindimensional zu sein. Wer hinhört, wer hineinspürt, kann leicht nachvollziehen, wie sehr sich Paul Ben-Haim auch im fernen Tel Aviv mit schmerzlichen und sicher auch schönen Erinnerungen an die Heimat auseinandersetzte, die er verlassen musste. Während andere sich an Zwölftonmusik und elektronischen Experimenten versuchten, entwickelte Paul Ben-Haim seine eigene Musiksprache. Und das geradezu still und heimlich, erklärt der Musikwissenschaftler und Leiter des Ben-Haim-Forschungszentrums in München, Tobias Reichard. »Im Grunde genommen zeichnen ihn als Mensch dieselben Qualitäten aus wie auch als Künstler – in dem Sinn, dass er ein sehr ernsthafter, zurückgenommener Komponist war, aber auch ein Mensch, dem es nicht auf die große Geste ankam oder der sich irgendwie als Revolutionär inszeniert hat, wie das viele andere Komponistenkollegen damals gemacht haben. Er war jemand, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Tradition stand.«

Das Album der bayerischen kammerphilharmonie spiegelt die Gestimmtheit einer Musikerpersönlichkeit, ihre Ängste und Verzweiflung, ihre Visionen, Hoffnungen und die Lust, Neues zu entdecken und kreativ und originell in »Gewohntes« zu integrieren. Es ist ein veritables Geburtstagspräsent, wert, in Ruhe und am besten öfter angehört zu werden. Auf gewohnt hohem Level erkundet die bayerische kammerphilharmonie unter der Leitung von Konzertmeister Gabriel Adorján und mit der virtuosen Bereicherung der Solistinnen Bettina Aust (Soloklarinettistin der Augsburger Philharmoniker) und Talia Or (Sopranistin) die intensive Klangsprache Paul Ben-Haims. Beschwingte Tanzrhythmen treffen auf zurückgenommene Momente, leise Melodien werden mit perkussiver Wucht aufgenommen und fortgeführt. »Letztlich ist dieses tolle Album eine Komponisten-Hommage, die auch die gesellschaftliche Idee dieser Musik herausstellt. Indem Ben-Haim Strömungen aus verschiedenen Sphären zusammenführt, steht seine Musik für die Utopie eines gleichberechtigten Miteinanders in Palästina: Menschen aus verschiedenen Kulturen können voneinander profitieren und einen gemeinsamen Weg finden. Bleibt nur immer wieder zu wünschen, dass dieser in Musik eingeschriebene humanistische Funke nicht nur Utopie bleibt, sondern auch stellenweise und immer wieder Realität werden kann!« – Dieser Einschätzung von Meret Forster, die »Music for strings« im Juli als BR-Klassik-Album der Woche präsentierte, ist wenig mehr hinzuzufügen! Oder doch:

Die Stadt Augsburg ehrte den Komponisten im Jahr 2010 mit der Fußwegbenennung »Paul-Ben-Haim-Weg«. Der Weg führt im Stadtteil Oberhausen an der Wertach entlang.

Mehr dazu auch in unserer Sonderveröffentlichung zu 125 Jahre Ben-Haim.

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