Tanz

Vom Diesseits ins Jenseits

Der aktuelle Tanzabend stellt der apokalyptischen Zwischen-Welt, die Ricardo Fernandos Uraufführung »beyond« zur Musik von Lilijan Waworka entwarf, zwei Meisterwerke zeitgenössischen Tanzens gegenüber. Die »Metamorphers« von Jacopo Godani (UA 2016) und die Neuinterpretation von Fokines »Le Spectre de la Rose« durch Marco Goecke (UA 2009) dürften im »Hier und Jetzt« noch lange Bestand haben und begeistern.  

Wohin führte die »Suche nach Schlichtheit«, die Augsburgs Ballettchef Ricardo Fernando explizit als Gestaltungs-Klammer seines aktuellen Ballettabends im Martini-Park formulierte? Wem die damit darin postulierte Verschmelzung von Raum, Musik, Licht und Körpern als Essenz abstrakter zeitgenössischer Ballett-Kunst genügt, ist mit dem aktuellen »Triple bill«-Abend bestens bedient. Alle drei Werke, insbesondere aber die bemerkenswerte Leistung der auf 18 Tänzer*innen gewachsenen Company wurden vom Premierenpublikum gewohnt laut und lange gefeiert.

Würde man ein »Applausometer« bemühen, ginge wohl Marco Goeckes langjährig bewährte Choreografie »Le Spectre de la Rose« als Sieger hervor. Großen Anteil daran hatte der mit nacktem Oberkörper und sichtbarem, faszinierend präzisem Muskelspiel herausragende Cosmo Sancilio. Atemberaubend, sprungfreudig und im typisch fiebrigen »Goecke-Style« – ruckend, zuckend, flatternd und alles perfekt kontrolliert – formte er seinen Geist der Rose. In der glut- und geheimnisvollen Klassiker-Adaption (1911 schuf Fokine sein romantisches Pas de Deux) assistierten sechs Begleiter, um das nicht weniger stark bleibende »Mädchen« (Ana Casquilho) gehörig zu verwirren.

Der Dreiteiler startete mit dem raffiniert gebauten, physisch extrem intensiven Ensemblestück von Jacopo Godani. Umsichtig aufeinander achtende, laut den Takt einzählende 16 »Metamorphers« machten darin die komplexe rhythmische Struktur von Béla Bartóks »Streichquartett Nr. 4« transparent. Das Werk wurde 1928 komponiert, arbeitet mit besonderen Klangtechniken und ist beim Ersthören durchaus ein wenig sperrig. In immer wieder in überraschenden, fließend wechselnden Formationen stellten sich die Tänzer bravourös den abrupten Dynamikwechseln, dem Tempo und der anspruchsvollen, organisch ausgeklügelten »Godani«-spezifischen Tanztechnik.  

Einmal mehr positionierte sich Hausherr Ricardo Fernando mit seiner Uraufführung »beyond« ans Finale, das eigentlich dem stärksten Werk vorbehalten sein sollte. Das ist »beyond« sicher nicht. Aufwändiger ja, was Bühne, Lichtdesign, Kostüm und den bei Theatermusik-Produzent Lilijan Waworka in Auftrag gegebenen Sound betrifft. Und doch »verwabert« bald alles in der anfangs vielversprechenden Underground-Atmosphäre. Die mal im Duo, mal im Trio formierten, oft im Kreis (Aus)-Wege suchenden, reptilienähnlichen Wesen, geraten im Schwarm in Trance, frönen dem Beat-Rausch und erinnern an eine gut trainierte Videoclip- oder Showdance-Truppe. So bleibt diese Choreografie im schwebend-mystischem, sich am Ende in die Energie des Clubsounds musikalischen Background leider flach und blass.  

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