Theater & Bühne

Der große Schmerz

Gastautor

Auf der Brechtbühne im Gaswerk bot die Freie Bühne München das inklusive Theaterstück »Romeo und Julia« nach William Shakespeare.

Das Bühnenbild besteht aus zwei rechteckigen hochstehenden Gestängen, in, um und an denen sich das Theaterstück unter der Regie von Ulf Goerke abspielt. Die Kuben stehen für die verfeindeten Familien von Romeo und Julia, die selbst nur erwähnt werden. Die Hintergrundbilder sind Fotocollagen von Mara Pollack, inspiriert vom ukrainischen Künstler Artem Volokitin.

Zugrunde gelegt ist das Stück von Shakespeare, wobei die Spieler*innen die Szenen mit eigenen Ideen ergänzen. So entsteht eine lebendige Aufführung. Es spielen jeweils drei Romeos und drei Julias.

Julia: »Ich liebe so total; ohne Gegenliebe wird die Seele schwer.« Die Romeos sind bewaffnet, gewaltig, spielen die Starken.

Der Ball. Romeo: »Ich will den Kuss«, Julia: »Dein Kuss schmeckt nach Pommes mit Mayo. Wie heißt du?« Romeo: »Und du?«, Julia: »Ich bin eine Capulet.«, Romeo: »Ich bin der einzige Sohn von unserem größten Feind.« Julia: »An den schlimmsten Feind hängt sich mein Herz.«

Romeo und seine Freunde. Romeo: »Es geht um was Großes: Den Sinnenhass in Liebe umzukehren. Durch mein Opfer soll mein Feind genesen.« Julia und ihre Freundinnen. Nachtgalopp. »Du trägst mich in den Tag, wenn ich sterbe mit ihm. Romeo will mich sehen.«

Zerstörung aller Orte. Im Video werden auch die Zerstörungen von heute vorgeführt. Romeo geht ins Exil: »Exil ist viel mehr als Verbannung. Exil ist ein Kosewort für Tod.«

Julia nimmt Gift. »Die Pflanze birgt das Gift wie auch die Heilungskraft.« Romeo kommt: »Man sagt, sie schläft.« Julia liegt im Sarg. Romeo: »Warum bist du so schön?« Julia: »Ich bin tot. Sterben ist mein wahres Leben.«

Am Ende laufen die drei Julias und die drei Romeos über eine saftige, blühende Wiese.

Die inklusive Besetzung harmoniert hervorragend im Zusammenspiel der drei Schauspieler*innen mit kognitiver Beeinträchtigung oder Trisomie 21. Sie sind ebenso ausgebildet wie die Kolleg*innen ohne Beeinträchtigung. Dennis Fell-Hernandez ist festes Ensemblemitglied bei den Münchner Kammerspielen. Seine Kollegin Mara Widmann war festes Ensemblemitglied des Münchner Volkstheaters, dem sie bis heute verbunden ist. Georg Stephan spielte u. a. am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. David Martinez-Morente wurde während seines Studiums an der Züricher Hochschule mit dem Ensemblepreis deutschsprachiger Schauspielschulen ausgezeichnet. Kim Lehmann wie auch Lena Flögel studieren im 3. Ausbildungsjahr an der Akademie der Freien Bühne München und konnten beide schon TV-Erfahrungen sammeln.

Die Aufführung war sehr gut besucht. Ein großes Lob geht an alle Mitwirkenden. Ein besonderer Dank gebührt dem Staatstheater Augsburg, das die Brechtbühne für dieses wichtige Stück geöffnet und auch den Kartenvorverkauf organisiert hat. Es sind vielmehr Initiativen und Gastspiele inklusiven Theaters zu wünschen, denn wie der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter in seinem Grußwort so schön schrieb: »Nur wenn wir die Fähigkeiten aller gleichberechtigt gelten lassen, können wir die Potenziale aller nutzen. (…) Niemand darf ›behindert‹ werden, in einem Theaterstück mitzuwirken.«

 

Mehr zum Programm des Theaterteams auf der Homepage.

 

Das könnte Sie auch interessieren

Renate Baumiller-Guggenberger
Theater & Bühne

Turbulente neue Spielzeit

Das Sensemble Theater startet mit einem großen Spielzeit-Fest am Samstag, 26. September in die neue Saison. Und die Theatermacher*innen haben Grund zu feiern. Sie werden gebraucht, besucht und gebucht.
Jürgen Kannler
Theater & Bühne

Brecht in München

Die Spielzeit 26/27 gibt sich in München revolutionär bis kämpferisch. Wir werden sehen.
Renate Baumiller-Guggenberger
Theater & Bühne

Dramatischer Stoff

In Memmingen geht Vorhang für die neue Theaterspielzeit ab dem 20. September wieder auf.