Lieder für gewaltige Zeiten
Die russische Mezzosopranistin Natalya Boeva ist Ensemblemitglied beim Staatstheater Augsburg, ARD-Wettbewerbs-Gewinnerin und brachte nun ihr erstes Album auf den Markt.
Die am Staatstheater Augsburg engagierte Mezzosopranistin Natalya Boeva ist im vergangenen August Mutter geworden. Die Babypause, in die sie im Frühling 22 ging, ist der Grund, warum viele ihrer Bewunderer sie erst wieder in der Spielzeit 2023/24 auf der großen Opernbühne erleben können – dann hoffentlich in großen Partien, die ihrem sängerischen und darstellerischen Können angemessen sind.
Die Wartezeit kann jetzt mit dem im März erschienenen Debütalbum »Meine Seele weinte« überbrückt werden, bei dem sie die Pianistin Polina Spirina mitatmend und kongenial begleitet.
Wer wie Natalya Boeva als stolze ARD-Wettbewerbs-Gewinnerin (2018) ins Ensemble kommt, ist ein Jackpot für jedes Haus, das davon profitiert, im Spielplan adäquate Mezzosopran-Partien bereitzuhalten, in denen ein solcherart »geadeltes« und ausgezeichnetes Potenzial (der ARD-Wettbewerb zählt weltweit zu den wertvollsten Klassikpreisen!) glänzen und auch ein überregionales Opernpublikum anziehen kann.
Zu den Rollen, mit denen Boeva sich als stark emotionale Sänger-Darstellerin am besten identifizieren konnte, zählt sie selber den »Sesto« in Mozarts 2021 am Staatstheater inszenierten Oper »La Clemenza di Tito«. In Erinnerung blieb dem Publikum nicht minder ihr »Orfeo« die »Charlotte« oder in der Ariadne auf Naxos die Rolle des »Komponisten«, eine auf sie zugeschnittene »Carmen« z.B. steht noch aus!
Da spricht, bzw. singt sich die Künstlerin auf eindrucksvolle Weise sehr viel von ihrer tief bewegten Seele. Die letzte Zeile »Meine Seele weinte« von Otto Julis Bierbaums expressionistischem Gedicht »Nachtgang«, das Richard Strauss 1895 vertonte, stand Pate für den Titel des Albums. Im Booklet äußert sich Boeva so zum Konzept: »Die Tränen der Seele drücken tiefe menschliche Gefühle unseres Daseins wie Trauer, Schmerz oder auch Freude, Rührung und Mitgefühl auf eine derart unmittelbare Weise aus, dass Leid in Glück, Schwere in Leichtigkeit und Schmerz in Freude umgewandelt werden können.«
Schon die tiefen Klavierakkorde, mit denen Karol Szymanowskis (1882-1937) Lied »Ich bin so trübe« beginnt, weisen in die Richtung der Katharsis, in die uns Natalya Boeva mit den 20 auf der CD vereinten Liedern führt. Man kann und sollte das Album nicht mal schnell, nicht nebenbei anhören, um es in seiner komplexen lyrisch-musikalischen Dimension zu genießen und man sollte die von Boeva aus dem Polnischen und Russischen übersetzten Liedtexte wirklich lesen. Mit einer Gesamtspielzeit von 61’18 führt »Meine Seele weinte« facettenreich in die Gefilde der Seelenlandschaft. Mit der ihr eigenen Intensität als Opernsängerin setzt sie auch als Lied-Ausgestalterin ihr rundes, ihr strahlendes Timbre ein, kostet mit Emphase und klug kalkuliert die dynamischen Bögen aus. Präzise am Textgehalt orientiert, beleuchtet sie mit Hochspannung den emotionalen Kosmos, der zwischen bitterstes Leiderfahrung und verzehrender Leidenschaft liegt, aus dem die Sehnsucht nach Erlösung seufzt, der Himmel und die Naturerfahrungen Hoffnungsschimmer wecken. Neben den zeitgenössischen Liedkompositionen aus der Feder des Russen Alexander Labyrich oder dem Liederzyklus »Die stillen Wasser« (nach ins Russische übersetzten Gedichten von Garcia Lorca) von Dmitri Smirnow (*1952) macht Boeva insbesondere die drei ausgewählten Schubert-Lieder (Nachstück, Der Zwerg, Der Jüngling auf dem Hügel) zum Ereignis – eine atemberaubende Theatralik, mit der hier die Atmosphäre der Lieder lebendig wird!
Das Album entstand in Zusammenarbeit mit dem BR und ist im März 2023 im GENUIN-Label erschienen – zu empfehlen wäre auch das in München stattfindende Release-Konzert am 16. April um 18 Uhr (in der Kontrapunkt Klavierwerkstatt GmbH).
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