Architektur

Handlungsbedarf

Gastautor

Wie umgehen mit den Bauten der 1960er und 1970er Jahre? 

Elias Holl hat Glück. Er genießt bis heute hohe Anerkennung als Architekt und Gestalter unserer Stadt. Niemand würde auf die Idee kommen, das Rathaus abreißen zu wollen, weil es doch schon recht alt ist.

Doch wie sieht es mit Bauwerken der 1960er und 1970er Jahre aus? Beton war damals ein beliebter
Baustoff. Die daraus hochgezogene Architektur stößt heute auf Unbehagen. Abriss statt Umbau ist oft die gewünschte Lösung, wie aktuell auch die Diskussion um das Spickelbad zeigt. Doch muss das sein? Fehlt es an Liebe zu diesen Zeugnissen einer nach Freiheit strebenden Zeit? Will man die großzügige Umbauung von Raum und den damit geschaffenen Treffpunkten und Freiflächen für Menschen nicht mehr haben? Was würde wohl Elias Holl 450 Jahre nach seiner Geburt dazu sagen? Und noch wichtiger: Was können wir von ihm lernen?

Sommerwoche der Architektur

Diesen Fragen widmeten sich eine Woche lang Architekt*innen bei der Sommerwoche der Architektur in Augsburg. Die Abschlussveranstaltung fand am 23. Juli bei der Sonntagsmatinee anlässlich der Buchpräsentation »Reallabor Nachkriegs­moderne« (jovis Verlag, Berlin) im Kongress am Park statt.

Der Mitautor Olaf Gisbertz leitete eloquent und mit guten Fragen zur Hand durch die Diskussion mit seinen Kolleg*innen: Meike Gerchow, Roman Adrianovytsch, Hanns-Erik Endres und Jörg 
Stabenow. Allesamt hochkarätige Fachleute auf ihrem Gebiet, die mit viel Leidenschaft für den Erhalt und die Wertschätzung der Architektur jener Zeit kämpfen.

Fazit: Es gibt dringenden Handlungsbedarf für Augsburg. Zu schnell werden Gebäude abgerissen, die noch einen großen Wert darstellen. Emotional wie auch wirtschaftlich. Auch geht es um Erinnerung und Identität (Beispiel Spickelbad). Eine genaue Prüfung eines jeden Objekts ist daher ge­boten. Es braucht umfangreiche Netzwerke und Erfahrungsaustausch auf allen Ebenen. Letztlich muss es eine »Betriebsanleitung für den Umgang mit Bauten der 1960er und 1970er Jahre« geben. Fachleute und deren Kompetenz stehen zur Verfügung, wie diese Veranstaltung deutlich gezeigt hat.

Gelungenes Beispiel: Der Kongress am Park

Und als wollten die Veranstalter gleich glaubhaft demonstrieren, wie sinnvoll Umbau statt Abriss sein kann, blickten alle Teilnehmenden vom Tagungsraum hinaus in den Wittelsbacher Park und erfreuten sich am  Ausblick ins Grüne. Die aufwendig renovierte ehemalige Kongresshalle bietet heute neben dem original erhaltenen 70er Jahre Interieur, Raum für Konzerte und unzählige Kongresse. Der Terminkalender ist jetzt schon bis 2025 gut gefüllt. Alleine noch dieses Jahr stehen unter anderem die FED-Konferenz oder der internationale Textilkongress IFATCC an. Jeder Tagungsgast gibt durchschnittlich 280 Euro im Augsburger Einzelhandel aus und bucht sich in hiesige Hotels ein. Für die Stadt Augsburg ein riesiger Wirtschaftsmotor.

Haus der Baukultur

Ob das Rathaus oder der Kongress am Park, für Frank Lattke, der die Veranstaltung mit einer Zusammenfassung der Sommerwoche der Architektur beendete, steht fest: Augsburg braucht ein »Haus der Baukultur«. Darin soll alles zusammenkommen, was Augsburg an Baugeschichte aufzuweisen hat. Hier sollte gemeinsam geforscht und diskutiert werden können. Und letztlich auch entschieden werden, welches Bauwerk weiterhin erhalten werden muss. Eine sehr gute Idee!
 

www.nachholl.de
 

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