Dasein

Dinge ganzheitlich angehen

a3kultur-Redaktion

Wie ein kreativer junger Lebensmittelhändler aus dem Sudetenland nach dem Krieg den Grundstein für die Kunzmann Weinkellerei – Mineralbrunnen – Fruchtsaft GmbH & Co. KG. legte und welche Innovation des Vaters für das heutige Unternehmen zukunftsweisend war, erfahren wir im Gespräch mit Jürgen, Natalie und Nico Kunzmann. 

Jürgen Kunzmann leitet in zweiter Generation zusammen mit seiner Frau, Natalie Kunzmann, das Unternehmen, das ursprünglich 1953 als Weingroßhandel von seinem Vater gegründet wurde. Jürgen Kunzmann stieg nach und nach in die Firma ein und absolvierte dort eine Ausbildung zum Industriekaufmann. »Nie im Leben habe ich irgendwo anders gearbeitet oder auch nur für ein Praktikum die Firma verlassen. Ich war die gesamte Zeit im eigenen Betrieb tätig. Seit 1985 sitze ich hier im Büro – genau in diesem Raum, mit genau diesem Granit-Schreibtisch. Ach nein, der kam etwas später«, schmunzelt er.

Das emotionalste Getränk kreierte der Firmengründer 

Neben der Weinkellerei gehört die Kelterei Landsberg mit ihren KELA-Säften zum Unternehmen und seit 1996 wird das Mineralwasser »Albertus Quelle« aus dem eigenen Mineralwasservorkommen abgefüllt. »Für mich ist das emotionalste Produkt im Sortiment unser Glühwein«, schwärmt Jürgen Kunzmann. »Es sind so viele Gefühle damit verbunden. Er versüßt die dunkle Jahreszeit und man verbindet mit dem wärmenden Getränk Geselligkeit, Genuss und Weihnachten. Wir waren die Ersten, die den Augsburger Christkindlesmarkt mit regionalem Glühwein beliefert haben.« Der Firmengründer Rudolf Kunzmann schuf 1956 diese Innovation des Weinhandels. Er entwickelte den ersten in Flaschen abgefüllten, perfekt angesetzten Glühwein aus Wein, Zucker und Gewürzen! Was kaum einer ahnt, die Produktion beginnt schon kurz nachdem der letzte Glühweinschwips ausgeschlafen ist – im Mai.

Der Großteil der Firmenanteile war bereits vor der Übergabe an Jürgen Kunzmann gegangen. Mit dem unerwarteten Tod des Vaters ging nicht nur dessen restlicher Anteil an ihn über, sondern auch der entsprechende Anteil an seine Mutter. Somit war die Mutter jetzt Gesellschafterin und gleichzeitig war die Gesellschafterin Mutter. »Das war nicht immer einfach und gleichzeitig eine sehr große Hilfe«, erinnert sich Jürgen Kunzmann. Nie gab es irgendwelche Stakeholder, die in der Firma mitgesprochen haben. Alles wurde und wird noch heute im Kreis der Familienmitglieder besprochen und entschieden. »Wenn man alleine verantwortlich ist und entscheiden muss und kann, sieht man die Dinge ganzheitlicher.« Die Eltern hatten sich 1961 kennengelernt. Die Mutter kümmerte sich lange Zeit um die Finanzen und als sie 2014 in den Ruhestand ging, übernahm Natalie Kunzmann nicht nur die finanzielle Leitung, sondern auch das Personalwesen. Seit 2023 ist sie Miteigentümerin bzw. Gesellschafterin. 

Will man das seinen Kindern eigentlich antun?

Sohn Nico (22) bringt sich bereits zu 100 Prozent im Betrieb mit ein. Eigentlich unschlüssig, hatte er lange nichts mit der Firma zu tun. Nach der Schule fand er dann im eigenen Familienunternehmen einen Ausbildungsplatz. Sehr motiviert und mit Spaß an der Arbeit ist er bereits durch alle Abteilungen gegangen und spürt schon jetzt die große Verantwortung. »Den Namen Kunzmann kennt man«, versichert er, »ich fühle mich verpflichtet und möchte auf keinen Fall, dass die Firma irgendwelchen Investorengruppen anheimfällt.« Nico Kunzmann hat nach der Ausbildung sein Abitur nachgeholt und nun ein duales Studium an der Universität Augsburg aufgenommen. »Das ist schon ziemlich viel Arbeit, macht aber auch sehr viel Spaß!«, freut sich Kunzmann Junior und schwärmt davon, dass er seine Möglichkeiten nutzen möchte, so gut es geht.

Die drei Familienmitglieder entscheiden gemeinsam über die Geschicke der Firma. Tochter Elena hat andere berufliche Träume für sich verwirklicht und ob Sohn Eliah auch irgendwann mitwirken möchte, lässt sich derzeit nicht sagen. »Man denkt immer über die Nachfolge nach«, versichert Jürgen Kunzmann, »vor allem, wenn Kinder zur Welt kommen. Allerdings ist es wichtig, dabei die Balance zu halten und ihnen den entsprechenden Freiraum zuzugestehen. Heute ist es nicht mehr so selbstverständlich, dass die Kinder die Nachfolge antreten.« Jürgen wurde mehr oder weniger in die Firma gezwungen. Dabei hätte er sich auch etwas ganz anderes vorstellen können. Das soll bei seinen Kindern nicht so sein. »Bei einer internen Übergabe denkt man generationenübergreifender. Es ist aber einerseits entscheidend, was die Kinder möchten, andererseits auch, was sie wirklich können«, fügt er an. »Fällt beides zugunsten der Firma aus, ist das ein echter Glücksfall.« Auch andere Gedanken und Sorgen spielen bei ihm mit hinein. »Ich habe die Erfahrung, die der Nachfolge noch fehlt. Ich kenne alle Geschäfts- und Gefühlslagen in diesem Business. Da überlege ich schon, will ich das dem Kind denn antun?« 

Verantwortung, Respekt und Fairness

Bei der Übergabe läuft nicht immer alles reibungslos. Bestenfalls inspirieren sich die Generationen. »Nico hat manchmal neue Ideen, auf die kämen Natalie und ich gar nicht.« Kunzmann Junior bestätigt: »Mein Vater ist offen. Zum Beispiel für Themen der Digitalisierung, wo wir sowieso schon ganz vorne dran sind.« Dieser ergänzt augenzwinkernd: »Es scheppert schon mal und es gibt auch mal einen ›Anschiss‹, aber nie so, dass man grundsätzlich alles infrage stellen würde.« Das war zwischen Jürgen Kunzmann und Vater Rudolf ganz anders. »Wir hatten zwar großen Respekt voreinander, aber der Vater hatte ganz andere Prioritäten. Er war ein Vertriebener und hat oft um das Überleben gekämpft. Die Nachkriegsgeneration hatte einfach andere Schwerpunkte. Einmal fragte er mich: Warum brauchst du einen Anzug? In seinen Augen pure Vergeudung.« Die Familie ist sich einig: Wichtig ist es, sachlich zu diskutieren und immer den menschlichen Umgang zu bewahren.

Für die Firma Kunzmann arbeiten rund 80 Mitarbeiter*innen. Eine große soziale Verantwortung. »Schließlich hängt das Wohl und Wehe vieler Familien vom Erfolg unserer Firma ab. Bei uns fühlen sich diese Menschen sicher«, weiß Jürgen Kunzmann. »Wir haben aber auch Verantwortung gegenüber der Natur. Wir schöpfen aus dem, was die Natur uns bietet, und verdienen damit Geld.« Früher sei man nachhaltig gewesen aus der Not heraus, heute wegen der begrenzten Rohstoffe und aus Platznot. »Uns ist wichtig, dass wir mit fair gehandelten Rohstoffen arbeiten. Viele Zutaten sind aus biologischem Anbau. Die Firma ist durch entsprechende Investitionen an anderer Stelle zu 100 Prozent CO2-neutral. Wir besitzen eine Quelle – und Wasser ist ein kostbares Gut. Und wir sind Verfechter sozialer Nachhaltigkeit: So sind wir mit dem Landratsamt in engem Kontakt, um ein Konzept für die Zusammenarbeit im Krisenfall zu erarbeiten.« Für ihre überdurchschnittlichen Innovationserfolge erhielt die Firma Kunzmann 2022 das »TOP 100«-Siegel.

Wo Natalie und Jürgen sich sehen, wenn es die nächsten zehn bis zwanzig Jahre so richtig gut läuft? Jürgen Kunzmann sehr spontan: »Auf jeden Fall nicht mehr an diesem Schreibtisch.« Und nach kurzem Nachdenken beide unisono: »Auf dem Christkindlesmarkt in Augsburg mit einer Tasse Glühwein unserer Söhne in der Hand.« 

www.kunzmann-dasing.de

 

Viele der qualitativ hervorragenden Produkte unserer Region werden in familiengeführten Unternehmen erzeugt. a3kultur stellt in der Reihe »Haus(ge)macht« einige dieser Betriebe vor. 

Im ersten Teil: Der Pfänder-Hof in Schwabmünchen gilt seit Jahren als einer der besten Gemüseproduzenten der Region.

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