Klassik

Schuberts »Winterreise«

Der Sänger Daniel Holzhauser und der Pianist Evgeny Konnov trafen sich während ihres Musikstudiums am Leopold Mozart College of Music in Augsburg. Jetzt verschmolzen sie im Kleinen Goldenen Saal für Franz Schuberts anspruchsvollen Liederzyklus zum virtuosen Künstler-Duo und präsentierten am Samstag eine düster-eindringlich gestaltete »Winterreise«.

»Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus« – mit diesen Versen des Dichters Wilhelm Müller beginnt die autobiografisch inspirierte »Winterreise«, in der Schubert auf geniale Weise den existentiellen Weltschmerz des Menschen umkreist. Treffend beschreibt Weltklasse-Tenor Ian Bostridge – zudem einer der herausragenden Lied-Interpreten unserer Zeit – Schubert als den größten Liedkomponisten aller Zeiten, nennt ihn einen »Expressionisten, der mit den reduziertesten Mitteln ganz neue Welten heraufbeschwor«. 

In der Tat mutet dieses kühne Kunstwerk auch 200 Jahre nach seiner Entstehung an vielen Stellen überraschend modern an. Auch in Augsburg wurde die Hörerschaft unmittelbar zum mitfühlenden Begleiter dieses entmutigten Wanderers, dem Daniel Holzhauser souverän seine insbesondere in der Mittellage bewegliche, in der Höhe bisweilen leicht forcierte Baritonstimme lieh. Nach einer gescheiterten Liebes-Begegnung (»Das Mädchen sprach von Liebe, die Mutter gar von Eh‘«) flieht der Wandere in die Einsamkeit und Dunkelheit der Natur. So dominierte konsequent und konstant der Grundton eisiger Verzweiflung, erstarrter Tränen und eines erstorbenen Herzens – manchmal ein wenig zu sehr, denn man kann diesen Zyklus durchaus etwas kontrastreicher ausmalen, um die schmerzerfüllte Tristesse für wertvolle Momente zu brechen. Die erblühen nämlich nicht allein im wonnig einnehmenden »Frühlingstraum«. Die winterliche Reise führte gegen Ende an den schaurigen Totenacker und ließ das lyrische Ich im Finale den geheimnisvollen »Leiermann« als stimmigen Begleiter für die Fortsetzung der Reise ins Jenseits entdecken. 

Schuberts 1827 und damit ein Jahr vor seinem Tod komponierte »Winterreise« ist für jedes Interpreten-Duo eine abenteuerliche, durchaus riskante Gratwanderung. Sie erfordert enorme vokale Kondition und pianistisches Feinvermögen sowie die Bereitschaft, intensiv und präzise in die darin zum Ausdruck gebrachten Stimmungen, Farben, Schattierungen einzutauchen. Klavierspiel und Gesangspart müssen klanglich und im Volumen wohldosiert und ausbalanciert sein, um die 24 »Stationen« der passionsähnlichen Reise ergreifend, überzeugend, transparent und mitatmend zu gestalten. Da kann selbst ein zu lautes Umblättern stören😊! Am Samstag haben sich im Kleinen Goldenen Saal der Bariton Daniel Holzhauser gemeinsam mit Evgeny Konnov, der auch hier sein hochprofessionelles Klavierspiel leuchten ließ, auf diesen schattenreichen Höhenweg gemacht – dies zur Beseelung und Begeisterung des Publikums, das am Ende des Zyklus den beiden jungen Künstlern auch stehend Beifall spendete. 

 

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