Tanz

(Nicht) Nur für Verrückte!

Seit 15 Jahren agiert am Staatstheater Nürnberg der Spanier Goyo Montero als von Publikum und Presse gefeierter Ballettchef. Seine Jubiläums-Spielzeit 2022/23 begeisterte mit hochkarätig choreografierten Produktionen und präsentierte eine persönlichkeitsstarke und stilistisch flexible Companie. Jetzt ließ sich Montero für sein aktuelles Tanzstück »Der Steppenwolf« von Hermann Hesses weltberühmten Roman ebenso inspirieren wie von dem legendären Aktionskünstler Joseph Beuys. 

Zu erleben ist eine effektvolle multimediale Performance mit magischen Momenten, die auch das filmische Faible des inszenierenden Choreografen offenbaren. Der Bär, bzw. Wolf »steppte« so hyperaktiv, dass das Tanzen an sich diesmal eher eine Nebenrolle spielte. Einmal mehr lohnte die  Fahrt in Bayerns zweitgrößte Metropole, wo im ausverkauften Staatstheater ein bildgewaltiger Abend das Publikum mal irritierte (z.B. mit dem köstlich simulierten »Fake«-Ende nach 45 Minuten), mal vereinnahmte und immer offensiv darum warb, sich konzentriert und offen auf den Abstecher ins rätselvolle Hesse-Universum einzulassen. Große Zugkraft steuerte die Neukomposition von Owen Belton bei – eine raffinierte, Atmosphäre gebende Sound-Collage aus orchestraler Klangwucht und E-generierter Geräuschkulisse. 

Montero und sein Kreativteam (Alvaro Luna – Videodesign, Martin Gebhardt – Lichtdesign, Salvador Mateu Andujar – Kostüme und Leticia Ganan/Curt Allen Winter – Bühne) griffen tief in die multimediale Theater-Trick-Kiste. So gab es fast nichts, was es nicht gab –  inklusive des lohnenden Wiedersehens mit dem charismatischen belgischen Tänzer Victor Ketelslegers, der 2018 im vielfach prämierten Spielfilm »Girl« die Rolle des Transmädchens Lara spielte. Extravagant und hochexpressiv (ge)leitet er als »anonymer Zuschauer« seine Mitakteur*innen und das Publikum durch den pausenlos abenteuerlichen Abend, der nach 90 Minuten im kollektiven »Hoch auf das Lachen« ausklingt, um damit Harry Haller, der ein »gespiegeltes Mädchen mit einem gespiegelten Messer tot gestochen hat« von seiner Schuld zu erlösen. 

Im Fokus dieser zwölf fantastischen Szenen-Bilder steht die radikale künstlerische Selbsthinterfragung. Im Laufe der Sinn- und Identitätssuche in einer begrenzenden bürgerlichen Welt öffnen sich immer wieder Türen in unsere krisenhaften Gegenwartsphänomene. Konsequent und womöglich als Sinnbild für die multiple Psyche des Roman-Protagonisten wurde Harry Haller immer wieder von mehreren Tänzer*innen verkörpert. Die 27 Solist*innen dürfen zu Beginn kollektiv sowohl Auszüge aus dem Buch als Libretto-Text sprechen, später solistisch mit dem Steppenwolf-Trabe-Lied (alles in Englisch mit deutschen Übertiteln) glänzen, mit Kreide zeichnen, sich natürlich auch in energiegeladenen Ensembles oder akrobatisch versierten Trio-Sequenzen präsentieren.

Es ist ein ästhetisch komplexes »Höllen«-Spiel, zu dessen Genuss und Verständnis die Vorab-Lektüre des »Steppenwolfs« (Hesse kann man mit großem Gewinn immer wieder einmal lesen!), ein wenig Recherche-Arbeit zu Joseph Beuys, die Ballett-Einführung vor Ort und das Programmheft empfohlen seien – ohne all das könnte der Abend zu ungewünschten Nebenwirkungen wie sinnlicher Reiz-Überforderung führen. 

Weitere Termine u.a.: 22. und 25. Dezember, 12., 14., 19. Januar

www.staatstheater-nuernberg.de

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