Theater & Bühne

Jede Frau kann eine Rede halten

Auf der Brechtbühne ist seit letztem Wochenende die Uraufführung von »Die gefährlichste Frau Amerikas« zu sehen. Viel Leben, Lieben und Text an einem Theaterabend, resümiert a3kultur-Autorin Iris Schmidt.  

»Hören Sie mir zu!« Damit wendet sich die charismatische Emma Goldman (in ausdrucksstarker Dreierbesetzung Katja Sieder, Mirjana Milosavljevic, Mirjam Birkl) an das Publikum in der Brechtbühne. Hoch oben thront die Revolutionärin (1869-1940) auf einem zerrütteten Gerüst – wie ein explodiertes Fabrik-Überbleibsel ordnet es sich multifunktional und ästhetisch in die anarchistische Thematik der Uraufführung des Biografie-Schauspiels von Tine Rahel Völcker ein. Miriam Buschs imposantes Bühnenbild steht symbolisch für die kaputte und zerrüttete Gesellschaft, aber auch für die innere Zerrissenheit der Protagonistin, die letztlich sogar vor Gewalt als Mittel zum Zweck nicht zurückschreckt.

Die politische Aktivistin setzt sich leidenschaftlich für die Rechte der Arbeiterklasse ein, befürwortet freie Geburtenkontrolle, kämpft für die Emanzipation der Frau, für freie Liebe und Gleichstellung der Geschlechter, agiert gegen soziale Ungerechtigkeit, prangert den Militarismus an und vieles mehr – das bewegte Leben als Rednerin, Autorin, Feministin und Anarchistin macht Emma schließlich zur »gefährlichsten Frau Amerikas« und führt 1919 zu ihrer Ausweisung aus den USA.

Uff, ganz schön viel Leben, Lieben und Verantwortung für eine Person – und auch ziemlich viel Text für einen Theaterabend. Begeistert lernt man diese spannende Frau und ihre anarchistische Gedankenwelt näher kennen, doch übermannt einen nach der Pause der textliche Input. Übermannt ist an dieser Stelle die passende Vokabel, denn den Männern in Emmas Leben wird im Biografie-Stück sehr viel Raum gegeben.

Regisseurin Nicole Schneiderbauer bringt die Geschichte einer unfassbar interessanten und übersehenen historischen Figur auf die Bühne, die in ihrer eigenen idealistischen und emotionalen Ambivalenz gefangen ist, und überzeugt das Publikum mit innovativen, surrealen und komischen Elementen, auch wenn sich diese nicht immer ganz geschmeidig in den durchdacht inszenierten Szenenablauf einordnen. 

Ein bemerkenswert eingespieltes Ensemble führt gekonnt durch den Abend: die virtuose Körperlichkeit von Patrick Rupar, die Intensität von Paul Langemann, das zerbrechlich-starke Spiel von Thomas Prazak und die kraftvolle Frauenriege machen den Abend zu einem sehenswert-surrealen Erlebnis, der zeigt: Jede Frau kann eine Rede halten. Und das sollte sie auch.

www.staatstheater-augsburg.de

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