Keine Komfortzone
Realsatire zum Brüllen: Vergangenen Samstag feierte das Sensemble Theater die Uraufführung des Stücks »Zimmer/Kotze/Bad« von und mit Catalina Navarro Kirner. Eine Abrechnung mit der Wohnraumkatastrophe urbaner Familien.
Er schläft – endlich. Psst! Kostbar ist jeder Moment, für den der süße, von seiner Mama (Catalina Navarro Kirner) mit vielfältigen Kosenamen bedachte Kleine sein infernalisches Geplärr aussetzt. Bisschen eng, aber auch gemütlich hier – besser als bei den Geflüchteten nebenan? Solche und ähnliche Euphemismen heizen die Wut des überforderten Papas (Florian Fisch) erst recht an, wenn er auf keinen acht Quadratmetern mit Fläschchen, Wäsche, Homeoffice jongliert und der sorgenfreien Zweisamkeit »davor« nachtrauert.
Zu grausam, ja zehrend ist jeder Tag mit dem Dauerheuler! Raumgreifend und lautstark bringt er seine Eltern ständig ans Limit. Bettelt er vergebens um echte Zuwendung, kotzt ihn die entmenschlichende Seite des Kapitalismus an? Die Mama, bewaffnet mit Spucktuch und Handy, teilt ihr Leid im persönlichen Netzwerk. Sieht der Papa nur noch rot, darf’s für ihn auch mal Muttermilch sein. Und schon könnten beide wieder aus der Haut fahren!
Einen Stock drüber versüßt sich Frau Piselius (Doppelrolle: Catalina Navarro Kirner, Videoprojektionen: Serge Davidov) allein in sechs Zimmern ihren Lebensabend. Kann eine gerechte Gesellschaft so etwas dulden? Würde die Natur hier ihren Job machen, wäre endlich Platz für die junge Familie. »Supi feini«, in herrlichen Pastelltönen, malt sich das Paar sein neues Leben aus.
Kann man es den beiden verübeln, wenn jedes herannahende Martinshorn heftige Pawlow-Effekte triggert, gefolgt von neuer Verzweiflung? – »Wünsch’ dir nichts, es könnte in Erfüllung gehen«, mag das Publikum am Schluss denken.
Catalina Navarro Kirner, aufgewachsen in Gersthofen, bekannt u.a. aus der Fernsehserie »Frühling«, verfasste das pointenreiche, schonungslose (Folter-)Kammerspiel kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes. Als »recht erschöpfend« erlebt ihr Kollege Florian Fisch das Stück. Auch Regisseur Jörg Schur stellt klar: »Es gibt hier keine Komfortzone«.
Privaten wie politischen Irrsinn entlarvt der emotionsgeladene Einakter, dessen Uraufführung im Sensemble Theater frenetisch gefeiert wurde. »Zimmer/Kotze/Bad« steht bis Juni auf dem Spielplan.