Lodernde Liebe versus Furor mit Finten
Händels tragikomischer Liebesreigen um den egozentrischen Perserkönig »Serse (Xerxes)« ist nicht zuletzt mit dem Larghetto »Ombra mai fu« populär geworden und feierte im Martini-Park eine mit langem Beifall bedachte Premiere.
(Für alle a3kultur-Leser*innen, die das Stück nicht kennen, hier der Plot; ansonsten bitte einfach den folgenden Abschnitt überspringen)
Der amtsmüde Perserkönig Serse sucht Seelenfrieden und genießt den Schatten einer Platane. Er verliebt sich erst in den Baum und dann in den Gesang Romildas, der Verlobten seines Bruders Arsamene. Deren Schwester Atalanta wiederum liebt Arsamene und hofft, ihn mit allerlei Intrigen zu erobern. Da der Bruder und Rivale des Königs nicht von Romilda lassen will, verbannt Serse ihn. Romilda hält Arsamene jedoch die Treue. Da taucht Amastre, die Braut von Serse, als Mann verkleidet auf, um dem untreuen König heimlich zu folgen. Aus Verzweiflung will sich Amastre das Leben nehmen, was Arsamenes Diener Elviro vereitelt.
Als ein neues Bauwerk von Serse enthüllt wird, will sich Serse mit dem Bruder versöhnen und ihm den Segen zur Hochzeit mit Atlante geben, was Arsamene natürlich empört …
Dieses Intrigenspiel, genährt von Liebe, Neid, Eifersucht, Verkleidungen, Wutausbrüchen, Verwechslungen und Todesdrohungen drängt Serse am Ende in die Ecke – er bereut seine Exzesse, verzichtet auf Romilda und bittet Amastre um Verzeihung.
Man muss vielleicht mit den höheren Händel-Opern-Fan-Weihen gesegnet sein, um die aktuelle Opernproduktion des Staatstheater Augsburg, die am vergangenen Samstag im Martini-Park Premiere feierte, in vollen Zügen genießen zu können. Andernfalls kapitulierte man im Laufe der dreistündigen Barockoper, ermüdete und bliebe trotz des eigentlich nie veralteten Sujets »Liebeslust und -leid« – inklusive allerlei Finten – seltsam unberührt, auch weil es dieser eher biederen Inszenierung an wirklich originellem Witz und Biss fehlt.
Am Augsburger Staatstheater beamte Regisseurin Claudia Isabel Martin das im 17. Jahrhundert ersonnene Geschehen mit allerlei Drehbühnenschwindel in ein Terrakotta-koloriertes Treppen-Mauer-Labyrinth, das Perspektivwechsel zulässt und sich angesichts des Kostümdesigns am ehesten in den »Golden Twenties« verortet lässt. Die Inszenierung fokussiert sich auf die emotionalen Ausnahmezustände der im royalen Umfeld von »Bauherr« Serse gefangenen Figuren, die mit veritablem Furor oder schnell entflammbarer Innigkeit um die finale (Er)-Lösung aus dem Gefühlschaos ringen.
Klanglich delikat
All dies wird visuell überhöht durch Video-Zooms (Jana Schatz) in die ob der Affekte schockstarren Gesichter der Protagonistinnen. Wie gut, dass sich die Produktion unter der musikalischen Leitung von Ivan Demidov auf ein so großartiges Sängerinnenquintett verlassen konnte, das szenische Längen in den schnellen Wechseln von kurzen Rezitativen und Arien mit vokalem Hochglanz wettmachte.
Klanglich delikat formten das um Theorbe und Cembalo erweiterte Orchester und die Solisten die Kontraste zwischen »Grave«-Momenten und Euphorie, zwischen majestätischem Protz und zutiefst menschlichem Sein entlang barocker Musizierkunst aus. Natalya Boeva nutzte das agile, wandlungsfähige Potential ihres Mezzo, um in der exaltierten Titelpartie die Seelenpein des ins Abseits gedrängten Königs zu betonen, dessen krude Herrscherattitüde nur Unsicherheit kaschiert. Talia Or als Gast betört als doppelt begehrte Romilda, deren schwebend-feiner Sopran Übermut ebenso selbstbewusst meistert wie Verzweiflung, ausgelöst durch die intriganten Attacken ihrer koloratursicheren und in den Höhen doch arg scharfen Schwester Atalanta (Olena Sloia). Kate Allen überzeugt einmal mehr mit tiefgründiger Bravour als vernachlässigte Verlobte Amastre, und welch Gewinn Luise von Garnier für Augsburg ist, stellt sie in ihrer Rolle als Arsamene mit intensiver vokaler sowie darstellerischer Präsenz heraus.
Dass sich bei derartiger weiblicher Omnipotenz die beiden Herren im höfischen Verwirrspiel, Wiard Whithold als Ariodate und Shin Yeo als dienstfertiger Elviro liebend vereinen, schien nur folgerichtig, wenngleich auch reichlich albern. Mit der erstmals in Augsburg engagierten Regisseurin Claudia Isabel Martin, mit Bühnenbildnerin Katharina Laage und Polina Liefers (Kostüme) und natürlich den Interpretinnen pulsiert also geballte feminine Kreativität durchs barocke Werk.
1738 präsentierte Händel in London seine immerhin vierzigste Oper, in der er kühn und entgegen der Konvention Farce und Tragödie verschmelzen ließ – dies sehr zum Missfallen seines damaligen Publikums: »Serse« kam über fünf Vorstellungen nicht hinaus und eroberte erst im 20. Jahrhundert u.a. an den Händel-Festspielorten die Bühnen und die Zuschauer.
Weitere Aufführungstermine und Infos: www.staatstheater-augsburg.de
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