Alles nur aus Liebe?
Ein Brecht-Singspiel im Rahmen der Kahnfahrt-Festspiele begeistert durch starke Texte und Musik am Wasser.
Im aktuellen Stück der Kahnfahrt-Festspiele »Oh Himmel, strahlender Azur, enormer Wind die Segel bläh« muss sich Bertolt Brecht in aller Öffentlichkeit der Frage stellen, wie viel Einfluss die Frauen um ihn herum auf sein Werk hatten. Wie er sich windet und sträubt, konnten die Gäste der Premiere am 1. Mai hautnah miterleben.
Auch dieses Jahr hat Matthias Klösel nicht nur den Text selbst verfasst, sondern spielt auch als Eugen Berthold Friedrich Brecht die Hauptrolle. Ihm zur Seite – stellvertretend für alle Frauen im kreativen Leben Brechts – steht Daniela Nering, Und anders als zu Zeiten Brechts, steht sie hier gleichberechtigt, emanzipiert und mutig dem Autor gegenüber. Endlich, möchte man spontan ausrufen!
Ein Singspiel, das es in sich hat
Die Konzentration auf zwei Hauptfiguren erweist sich als sehr gelungen. Dialog und Gesangseinlagen wechseln sich ab und lassen dabei so manchen Brecht-Klassiker in neuer Sichtweise erklingen. »Die Moritat von Mackie Messer« aus der » Dreigroschenoper« zum Beispiel ertönt mehrfach und bietet B oder BB, wie die Frauen von Brecht hier nur genannt werden, immer wieder Grund zum Vorwurf, Brecht habe sehr viel von anderen »übernommen« und zu seinem Eigentum gemacht. Das »schmeckt« dem selbstverliebten und egozentrischen Brecht natürlich gar nicht. Schließlich, so der erfolgsverwöhnte Autor, habe er sie doch alle geliebt.
Doch B lässt nicht locker und kontert mit Sätzen wie diesen: »Deine Frauen hast Du schon als Eigentum betrachtet« oder »Auch ich bin Brecht«.
Und genau diese klaren Positionen machen dieses Stück so sehenswert. Hier geht es nicht darum, das Werk Brechts zu schmälern, sondern den Einfluss darauf seitens seiner Frauen hervorzuheben. Es geht um gebührende Wertschätzung, final um Gleichberechtigung.
Großartige Schauspielkunst mit wunderbarer Musik
Klösel und Nering begeistern gleichermaßen in ihren Rollen. Die Dialoge sind wunderbar auf einander abgestimmt, die Gesangsdarbietungen beider absolut überzeugend. Agnes Reiter (Klarinette) und Martin Franke (Violine) sorgen für die perfekte musikalische Umsetzung und Untermalung. Die Regie hat wieder Gianna Formicone übernommen.
Insgesamt ein tolles Theatererlebnis: kurzweilig, klug und sehr, sehr unterhaltsam. Unbedingt sehenswert!
(Anm. d. Red.: Alle zehn aktuell angesetzten Aufführungen sind allerdings restlos ausverkauft. Es empfiehlt sich, nach Zusatzterminen Ausschau zu halten.)
Kahnfahrt Festspiele