Zum Interview trafen wir Stephanie Schmid bei einem ihrer Kunden, der Schrebergartenwirtschaft »Im Garten« auf der Perzheimwiese im Augsburger Thelottviertel. Die Brauerei Ustersbach hat viele Gastrokund*innen, jedoch nur einige Gasthäuser im Eigentum. Neben dem weithin bekannten Bräustüble beim Brauhaus gehören die Holzkohle-Grillrestaurants FeuerWerk in Augsburg neben der City-Galerie sowie in Fischach und das Landgasthaus Leuthau mit seinen Fischspezialitäten in idyllischer Lage an der Wertach bei Schwabmünchen dazu. Nach dem Gespräch kam der Durst.
Mehr als eine Handelsroute
Die Europäische Fuggerstraße erzählt auf ebenso spannende wie informative Weise von gemeinsamer Geschichte und Zusammengehörigkeit. Ein Reisebericht zur Europawahl.
Allein in Deutschland existieren dutzendfach Straßen, die sich auf keiner Landkarte wiederfinden. Trotzdem verraten ihre Namen oftmals viel mehr über den Charakter der Region, durch die sie führen, als die tausendste Goethestraße oder der zehntausendste Rosenweg.
In einschlägigen Publikationen werden sie beschrieben, hinterfragt und zuweilen auch gefeiert. In gewisser Weise taugen sie als Traumpfade direkt hin zum Sehnsuchtsort. So folgen wir, der kleinen Dorothy gleich, unserer persönlichen Yellow Brick Road, um ins Land Oz zu gelangen. Somewhere over the rainbow war das Gras schon immer grüner als im eigenen Vorgarten.
Um diese Sehnsucht nicht im Nirgendwo enden zu lassen, tragen die meisten dieser nicht wirklich kartografierten Verkehrswege ihre Themen wie ein Versprechen im Namen.
So durchziehen eine Romantische Straße, einige Märchenstraßen und noch viel mehr Weinstraßen unseren Traumatlas. Vielen davon wurde ihr Existenzrecht aus der schieren Notwendigkeit heraus verliehen, eine Region für Fremde marketinggerecht zugänglich zu machen. Die wenigsten davon erzählen echte Geschichten. Und kaum einer gelingt es, Geschichte wirklich erfahrbar zu machen und diese gar in einen Kontext zur Gegenwart zu stellen, um darin eventuell eine Blaupause für eine gemeinsame Zukunft entlang der Orte dieser Straße zu entdecken.
Mit seiner Idee, auf der imaginären Landkarte in unseren Köpfen die Europäische Fuggerstraße einzuzeichnen, war Götz Beck als Chef der Regio Augsburg Tourismus GmbH vor einigen Jahren noch relativ allein unterwegs. Als Vermarktungsprofi war er sich der Wirkung verheißungsvoller Themen im Tourismusgeschäft natürlich bewusst. Mit den Fuggern, besser gesagt mit ihrem sprichwörtlichen Reichtum und all den Geschichten, die sich damit erzählen, und erträumen lassen, hatte er ein solches Topthema längst im eigenen Vorhof liegen.
Schon vor Jahren hatten er und sein Team die Fugger im touristischen Portfolio von Augsburg platziert. Seitdem konnte er beobachten, wie die Geschichte dieser einst reichsten Familie der damals bekannten Welt auch heute noch Menschen aller Länder in ihren Bann zieht. Für die Besucher*innen aus China, den USA oder Italien ist der Besuch bei Fuggers vielleicht so prickelnd wie ein Bad im Geldspeicher von Dagobert Duck.
Untrennbar mit dieser touristischen ist die wissenschaftliche Erschließung des Themas verbunden. Hier hat sich in all den Jahren vor allem der Augsburger Verlagsleiter und Publizist Martin Kluger zu einer Koryphäe mit Privatgelehrtennimbus entwickelt. In unermüdlicher Kleinarbeit sammelte, überprüfte und verknüpfte er die zugänglichen Informationen zu einer Saga, die weit über unsere kleine Fuggerstadt hinaus zu strahlen weiß. Ganz nebenbei wurde auch mit allerhand Unsinn aufgeräumt, der über diese Unternehmerdynastie des 15. Jahrhunderts in Umlauf war. Ein Prozess, der nicht immer ohne Spannungen abging.
Diese beiden Stränge – den touristischen wie den wissenschaftlichen – gemeinsam zu fördern, hat sich das Projekt der Europäischen Fuggerstraße zur Aufgabe gemacht. Es erschließt bereits heute ein Netzwerk, das sich über 3.000 Kilometer vom spanischen Almadén in der autonomen Region Kastilien-La Mancha im Westen bis ins südpolnische Krakau und ins slowakische Banská Bystrica im Osten zieht. Im Süden sind die Tiroler Städte Hall, Schwaz und Sterzing bereits Teil dieses Netzwerks, ebenso wie das beschauliche Bad Hindelang im Allgäu. Im Zentrum steht Augsburg, und der Weg der Straße ist noch lange nicht auserzählt.
Verbindendes Element dieser Ansammlung unterschiedlichster Orte ist ihre historische Bedeutung im Bergbau und gleichzeitige ihre enge Verknüpfung mit dem Imperium der Fugger. Diese gelangten natürlich nicht als Tuchweber zu unermesslichem Reichtum, sondern als Metallhändler.
Somit waren verschiedene Regionen umspannende Orte und Straßen für den Aufstieg der Fugger unerlässlich. Den Erfolg mit ihren Geschäften erzielten sie selbstredend unter den Bedingungen ihrer Zeit – und diese waren nicht selten brutal und elend. Hier unterscheidet sich der frühe Kapitalismus im Übrigen kaum von den Auswüchsen unserer globalisierten Gesellschaft in manchen Teilen der Welt.
Aber auch für das Verständnis eines geeinten Europas, wie wir es heute leben und vorantreiben, sind diese frühen Verbindungen eine unschätzbare Basis. Über die Routen wurden eben nicht nur Waren transportiert. Es waren immer auch Techniken, Fähigkeiten, Träume und alternative Vorstellungen vom menschlichen Zusammenleben mit an Bord dieser frühen Handelszüge. Sie führten immer auch neue künstlerische, religiöse und weltanschauliche Ideen mit im Gepäck. Der erste Schritt hinaus in die Welt war nicht selten auch der erste Schritt hin zu einer neuen Heimat. Aus Fremden wurden Ansässige, dann Nachbarn und schließlich Freunde und Familie. Europa hat immer schon einen guten Teil seiner Kraft aus diesem Austausch bezogen. Projekte wir die Europäische Fuggerstraße werfen auch auf diesen Aspekt unserer gemeinsamen Geschichte ein neues Licht.
Eine im April von der Regio organisierte Pressereise machte diese Qualität auf besondere Weise erfahrbar. In fünf Tagen besuchten Tourismusexpert*innen und Journalist*innen Breslau, Krakau, Banská Bystrica und Bratislava. Wenige Wochen vor der EU-Wahl konnte man dabei ein Polen erleben, das sich soeben von seiner europakritischen Regierung verabschiedet hat, aber eben auch eine Slowakei, die sich politisch gesehen gerade anschickt, den entgegengesetzten Weg einzuschlagen. Die Geschichte unseres Zusammenlebens in Europa ist eben noch lange nicht auserzählt. Es ist immer eine Pflicht und Herausforderung, sich diesem Miteinander zu stellen. Das Instrument der demokratischen Wahl verleiht uns allen die Verantwortung, diese gemeinsame Geschichte weiter zu gestalten.
Eine Reise zu tun ist oftmals eine gute Gelegenheit, seine lange und gut gepflegten Vorurteile zu hinterfragen. Breslau – im Bild spiegelt sich die Kirche Maria Magdalena in der Fensterfront eines Neubaus – und Krakau sind pulsierende, junge und aufregende Städte. Historisches Bewusstsein und moderne Architektur schließen sich hier nicht aus.
Am Donnerstag, 20. Juni (18 Uhr) lädt das Fugger und Welser Erlebnismuseum zu dem Vortrag »Die Fugger in Polen und der Slowakei – Ein Reisebericht« ein. Die Plätze sind begrenzt.
Bitte um Anmeldung unter: www.fugger-und-welser-museum.de
Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung durch die Regio Augsburg Tourismus GmbH, Hörmann Reisen und diverse Einrichtungen in den besuchten Städten.
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