Schrecklich heile Welt
»(R)Evolution. Eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert«: Die erste Sensemble-Premiere der Spielzeit erheitert und alarmiert zugleich.
Gott, so heißt es, lässt aus guten Gründen Leid auf der Welt zu. Nicht so sein smarter Nachfolger Alecto, Protagonist der dystopischen Komödie »(R)Evolution« am Sensemble Theater. Mit grenzenloser Fürsorge begleitet er seine Klientel in die ungemütliche Zukunft. Natürliche Fortpflanzung und freier Wille sind passé, ein Großteil der Menschheit gilt als nutzlos, seit Künstliche Intelligenz alles entscheidet. Sie thront an der Machtspitze, vertreten durch Alecto, dem absolut nichts entgeht.
Höchst wandelbar, allzu nah, oft grausam erscheint der datengespeiste Diktator, dessen Rolle sich Florian Fisch, Daniela Nering und Martin Schülke teilen. Alectos Prognosen sind hundertprozentig. Lange bevor sie eintreten, errechnet und eliminiert er unliebsame Ereignisse – mag es sich um Naturkatastrophen, weltweite Cyberattacken oder individuelle Nervenzusammenbrüche handeln.
Jedem künftigen »Homo Deus« verspricht Alecto das Seine: den Eheleuten ein Kind mit genetischem Upgrade, der Single-Frau etwas menschliche Wärme, dem schwulen Pärchen das erotische Paradies auf Erden. Dafür verlangt er einen verfassungswidrig hohen Preis. Jedoch: Gingen nicht alle Evolutionsstufen unserer Spezies mit Freiheitsverlust einher, seit wir Weizen anbauen?
Uraufgeführt wurde das Gemeinschaftswerk der Deutsch-Israelin Yael Ronen und des aus Kasachstan stammenden Dimitrij Schaad Anfang 2020 am Hamburger Thalia Theater. Für das Sensemble erlaubte sich Regisseurin Gianna Formicone, das Stück behutsam zu adaptieren: Etliche der darin prophezeiten Dystopien scheinen längst von der Gegenwart überholt.
Bis zum 27. Oktober steht »(R)Evolution« auf dem Spielplan des Sensemble Theater. Anschließend zieht das vom Bezirk Schwaben sowie dem Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. geförderte Kammerspiel in gleicher Besetzung zum Ko-Produktionspartner Neues Theater Burgau weiter. Jeweils am 10. und 19. Oktober laden die Mitwirkenden sowie Prof. Dr. Alessandra Zarcone (Sprachtechnologin und Computerlinguistin, Technische Hochschule Augsburg), nach der Aufführung zum Publikumsgespräch ein.